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Tischreden und Lesekost

Evelyne Zinsstag - Pfarrerin in der Eglise française réformée de Bâle (50%); Vorstandsmitglied der IG feministische Theologinnen und des EFECW

Theologisches Menschenbild und Care

Evelyne Zinsstag - Pfarrerin in der Eglise française réformée de Bâle (50%); Vorstandsmitglied der IG feministische Theologinnen und des EFECW

Tischrede am FrauenKirchenFest in Windisch, 16. August 2019

 

Mutter werden: eine existenzielle Erfahrung

Ich freue mich sehr, heute Abend am FrauenKirchenFest sein zu dürfen. Das Thema meiner Rede über das Menschenbild aus theologischer Sicht, und im Hinblick auf das Thema Care, hat mich seit den letzten Wochen meiner Schwangerschaft begleitet. In dieser letzten Zeit, bevor ich endgültig Mutter wurde, habe ich Filme zum Thema Mutterschaft geschaut, die die schwierigen Seiten masslos übertrieben darstellen. Ihre Protagonistinnen müssen von einer Szene zur nächsten alle möglichen Pleiten, Pech und Pannen durchleiden und haben zwischen Wäschebergen, Milchpumpen und Babygeschrei kaum eine Verschnaufpause. Mir wurde das irgendwann zu bunt und ich nahm mir vor, ich würde die ersten Wochen mit dem Baby entspannt angehen und mich nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Die Geburt und die ersten Tage danach brachten mich aber natürlich sofort und nachhaltig aus der Ruhe. Wie soll es auch anders sein: Schliesslich ist die Geburt eine existenzielle Erfahrung. Aus mir ist ein anderer Mensch herausgekommen, für den ich nun Verantwortung trage. Ein Mitmensch, der neun Monate in mir drin war und den ich doch erst anfange kennenzulernen, seit er geboren ist. Eigentlich ist das etwas völlig Unfassbares, dass aus einem Menschen zwei werden können. Als einzelner Mensch bin ich ein Individuum – etwas Unteilbares, ein Einzelnes und Einzigartiges. Schwangerschaft und Geburt aber machen mich zu einem «Dividuum » – ich werde teilbar. Ich bin ein geteilter Mensch, der einen Teil von sich ganz loslassen und zugleich festhalten und schützen muss. Denn in den ersten Wochen nach der Geburt sind wir noch kaum trennbar. Wie sein Name sagt, ist der Säugling stets auf die Nähe der mütterlichen
Brust angewiesen. Er, der einst Teil von mir war, ist zwar jetzt noch ganz und gar von
mir abhängig, aber auch schon ganz und gar Individuum, ein ganz eigenes Einzelnes.


Frankenstein oder: der Schrecken der Mutterschaft

Eine Szene aus der australischen Serie «Milcheinschuss» ist mir in Erinnerung geblieben, die sich eigenartig mit dem Thema Menschenbild verknüpft hat. In der Szene hastet eine frischgebackene und überforderte Mutter zum Stilltreff, wo sie die anderen Mütter schon erwarten. Alle sollen ihre besten Beratungsbücher zum Thema Babypflege vorstellen. Sie aber hat den Auftrag missverstanden und stattdessen ihren Lieblingsroman mitgebracht. Sie liest vor: «Im bleichen, gelblichen Licht des Mondes erblickte ich das elende Monster, das ich geschaffen.» Die anderen Mütter blicken entsetzt. Es ist aus «Frankenstein» von Mary Shelley.

«Frankenstein» ist eine Geschichte über menschliche Hybris. Die Hybris, gottgleich werden zu wollen, und Leben zu erschaffen, wie es nur Gott kann. Das Ergebnis ist ein Monster, dessen Aussehen die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Obwohl das Monster versucht, mit den Menschen in Kontakt zu treten, erlebt es von ihnen nur Rohheit und Gewalt, bis es schliesslich an den Nordpol flieht, möglichst weit weg von den Menschen. Theologisch könnte man sagen, «Frankenstein» handelt vom Chaos, das entsteht, wenn der Mensch seine Kompetenzen überschreitet und in die Schöpfung eingreift. «Im bleichen, gelblichen Licht des Mondes erblickte ich das elende Monster, das ich geschaffen.» Für die junge Mutter drückt dieser Satz den ganzen Schrecken über ihre Mutterschaft aus. Den Schrecken über dieses Wesen, das sie ab der Geburt sofort völlig in Beschlag nimmt und für dessen Leben sie ab jetzt verantwortlich ist. Ich musste bei diesem Satz unwillkürlich an Gottes Beziehung zum Menschen denken.

Schöpfung und Sintflut: Auch Gott kennt den Schrecken der Mutterschaft

Die Bibel beschreibt die enge Beziehung zwischen Gott und Mensch. In den Schöpfungsberichten heisst es, Gott schaffe die übrige Schöpfung gleichsam für den Menschen, den er mitten in sie und als Herrscher über sie setzt. Obwohl auch er Geschöpf ist, ist der Mensch doch anders als der Rest der Schöpfung, denn er ist nach Gottes Ebenbild geschaffen. So steht es im Buch Genesis: «27Da schuf Gott Adam, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild °Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.» (BigS) Auch wir Erdlinge, von Gott gemacht, haben als Gottes Bild also Anteil an der Göttlichkeit. Wir tragen als Menschen die Sehnsucht und das Streben in uns nach dem, was über uns hinausgeht.
Damit scheint die Hybris vorprogrammiert. Als ob wir gar keine andere Wahl hätten,
als über uns hinauswachsen und unsere Grenzen überwinden zu wollen. Wie Neugeborene, die lauthals schreiend dafür sorgen, dass alle Aufmerksamkeit nur noch auf ihnen liegt. Wie Säuglinge, die vom ersten Tag an die Welt erobern wollen: die strampeln, bis ihre Muskeln sich der Schwerkraft widersetzen können; die alles aufnehmen und speichern, was sie umgibt. Wie Kinder, die Gott ständig in Anspruch nehmen mit ihren Bedürfnissen und zugleich von ihm wegstreben. Denn Kinder wollen immer eines: so sein wie die Grossen.

Ob Gott nach der Erschaffung des Menschen wohl auch über die Verantwortung erschrocken ist, die da plötzlich vor ihr, vor ihm lag? Ein Durchgang durch die biblischen Geschichten zeigt, dass es Gott durchaus ab und zu zuviel wurde mit den Menschen, ja mit der ganzen Schöpfung. So heisst es in Kapitel 6: «GOTT aber sah, dass die Bosheit des Menschen gross war auf Erden und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens allezeit nur böse war. Da reute es GOTT, den Menschen gemacht zu haben auf Erden, und es bekümmerte sein Herz.» (nach ZB) So beginnt die Geschichte der Sintflut: Zwar wird die Bosheit des Menschen als Vorwand dafür angegeben, dass Gott nun sozusagen das Kind mit dem Bad ausschüttet; aber eigentlich ist Gott hier schlicht überfordert mit seinen Geschöpfen, die nicht so handeln wie erwünscht. Gott rastet aus und versenkt sie in der Sintflut.

Menschsein heisst: Freiheit in Beziehung

Sie fragen sich jetzt vielleicht, wo diese Rede noch hinführen soll. Anstatt von Care haben Sie bis jetzt vor allem von Schrecken, Monstern und Sintflut gehört. Im Folgenden spreche ich von Aspekten des theologischen Menschenbildes: von Freiheit in Beziehung, von Sündhaftigkeit und von der Berufung des Menschen zum Dienst an Gottes Schöpfung. Damit möchte ich betonen, dass Care-Arbeit Gottes Zuwendung zum Menschen und zur Schöpfung, ja sogar Gottes Schöpfungshandeln selbst in der Welt erfahrbar macht.

Auch Gott, könnte man sagen, kannte also den Schrecken der Mutterschaft. Glücklicherweise ist Gott aber nicht bei diesem Schrecken stehengeblieben. Nachdem das Wasser abgeflossen war, versprach Gott, nie wieder die ganze Schöpfung zu zerstören um des Menschen Willen – obwohl das Wesen des Menschen von Grund auf böse sei. Während gemäss der Bibel so drastische Massnahmen wie eine Sintflut im Erziehungsplan der Menschheit zum Glück nur einmal vorkamen, verschwindet der Konflikt jedoch nicht aus dem Verhältnis von Gott und Mensch – weder im Ersten noch im Zweiten Testament. Die Menschen gehorchen Gottes Geboten nicht, und Gott muss Wege finden, ihnen zu vergeben – im Wissen, dass neue Enttäuschungen zu erwarten sind. Die Menschen wiederum müssen von Geburt an ganz auf Gott vertrauen, wissend, dass ihnen damit weder ein gerechtes noch ein angenehmes Leben auf Erden garantiert ist – und dass sie, auch wenn sie sich darum bemühen, der Tatsache nicht entkommen, dass Gott Ursprung und Ziel allen Lebens ist. So erzählen es uns die biblischen Geschichten. Konflikte sind eben fundamentaler Bestandteil von menschlichen Beziehungen.
Sie markieren die Intimität einer Beziehung, aber auch ihre Zerbrechlichkeit. Wie könnten sie da in der intimen Beziehung zwischen Eltern und Kindern fehlen? Und wie erst zwischen den vielfältigen Lebewesen dieser Erde und Gott, dem Ursprung allen Lebens?

Kein Wunder, dass die Alte Kirche zur Beschreibung Gottes zum Konzept der Trinität gelangt ist, in der die Personen von Vater, Sohn und Heiligem Geist in enger Intimität den einen Gott repräsentieren: Gott in Beziehung. Kein Wunder auch, dass wir als Christinnen und Christen Jesus Christus als unseren Erlöser bekennen: den menschgewordenen Gott, der den Tod und damit das Ende aller Beziehung überwunden hat und uns die Versöhnung für alle in Aussicht stellt.

Wenn wir also den Menschen als Gottes Geschöpf und Ebenbild bezeichnen, dann folgt daraus einerseits, dass er Gott gegenüber frei ist. Denn ohne Freiheit wären weder Gott noch Mensch fähig, sich einander zu- oder voneinander abzuwenden. Auf der anderen Seite folgt, dass Gott und Mensch einander nicht loswerden. Der Mensch ist als Gottes Geschöpf von Anfang an ein Beziehungswesen: denn Leben entsteht in Beziehung und wird in Beziehung weitergegeben. Jedes Leben ist von Anfang bis Ende auf Zuwendung und Fürsorge angewiesen. Was wir unser Leben lang von anderen empfangen, geben wir in der Mitte unseres Lebens nach unseren Fähigkeiten weiter. So begleitet Care jedes menschliche Leben bis ins hohe Alter: mit Füttern und Wickeln, Putzen und Aufräumen, Pflege und Zuwendung. Care sorgt so für das Weitergehen und Weitergeben eines guten und gesunden Lebens und macht als Dienst am Leben die Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen erfahrbar.

Menschsein heisst: Sündhaftigkeit

Der Mensch steht nämlich nicht nur seinesgleichen oder mit Gott in Beziehung, sondern mit der gesamten Schöpfung, die ihn umgibt. Auch wenn die biblischen Geschichten fast immer von Menschen handeln, erinnern sie immer wieder daran, dass er Teil einer grösseren Schöpfung ist, die ebenso gottgeschaffen ist wie er selbst. So werden andere Lebewesen als weiser dargestellt als der Mensch, zum Beispiel Bileams Eselin; oder ihre Wildheit und Unzähmbarkeit wird als Beweis für Gottes überragende Macht herangezogen. Gott selbst hat etwa die sogenannten Chaoskräfte Leviatan und Behemot erschaffen, starke und furchtbare Wesen, gegen die der Mensch niemals ankommen würde, während Gott mit ihnen spielt. Genau wie der Mensch sind auch diese Ungeheuer Teil von Gottes guter Schöpfung, die allen Lebewesen
ihren Raum zugesteht. Während Frankensteins Monster seinen Schöpfer heillos überfordert und die Geschichte als Warnung vor dem Grössenwahn des Menschen dient, sind Leviatan und Behemot Ausdruck von Gottes Freude an den Spielarten des Lebens, an der Vielfalt der Lebewesen, die auf der Erde und im Meer leben können. Während Frankensteins Monster vor dem mörderischen Chaos warnt, das entsteht, wenn der Mensch in die Schöpfung eingreift, sind die Chaoskräfte Behemot und Leviatan Teil der guten Schöpfung Gottes, die das Leben schützt und gedeihen lässt. Gemeinsam ist den drei Ungeheuern, dass sie den Grössenwahn und die Bosheit des Menschen als eigentliche Monstrosität auf dieser Erde herausstellen. Theologisch gesprochen haben wir es an dieser Stelle mit der Sündhaftigkeit zu tun, die zur Natur des Menschen gehört. Gerade als Gottes Ebenbild kann er nicht anders, als danach zu
streben, Grenzen zu überwinden. Gerade aufgrund seiner gottgegebenen Freiheit ist der
Mensch imstande, Böses zu tun. Seine Sündhaftigkeit ist die Konsequenz seiner Freiheit und seiner Beziehungsfähigkeit. Die Sündhaftigkeit des Menschen markiert damit auch seine positiven Qualitäten: Ebenso, wie wir als Menschen Fehler machen, sind wir dazu fähig, richtig zu handeln.

Menschsein heisst: Berufung zur Care-Arbeit als Dienst am Leben

In Bezug auf unseren Umgang mit Gottes Schöpfung heisst dies: ebenso, wie wir fähig sind, sie auszubeuten und zu zerstören, sind wir auch dazu fähig, sie zu pflegen und gut zu versorgen. Angesichts des aktuellen Klimadiskurses dürfen wir aus diesen Überlegungen Hoffnung schöpfen. Gott setzt der Hybris des Menschen immer wieder Grenzen. Und Gott nimmt sich seiner leidenden Schöpfung an. Wer sich im Vertrauen darauf für den Schutz und den Erhalt des Planeten einsetzt, folgt dabei der Berufung des Menschen als «Herrscher über die Schöpfung », wie es im Buch Genesis heisst. Wenn wir «Herrschaft» als Verantwortung deuten, können wir Care-Arbeit als die Ausübung dieser Herrschaft verstehen. Wie Herrschaft findet auch Care-Arbeit in einem Machtgefälle statt: Auf der einen Seite im Gefälle zwischen Eltern und Kindern, zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden, zwischen Mensch und Umwelt und zwischen Mensch und Tier. Dieses Machtgefälle lässt sich nicht aufheben, wie es sich auch zwischen Gott und Mensch nicht aufheben lässt. Die empfangende Seite ist auf die gebende Seite angewiesen und ist ihr damit auch ausgesetzt. Auf der anderen Seite steht Care-Arbeit in einem wirtschaftlichen Machtgefälle: Diese Arbeit ist zumeist niedrig und zu einem überwältigenden Anteil gar nicht bezahlt, und muss darum um ihre Anerkennung als Arbeit kämpfen. Und dies, obwohl sie unbestritten die wichtigste Arbeit des Menschen überhaupt darstellt. Aufräumen und Putzen, Pflege und Ernährung sorgen dafür, dass jedes Lebewesen den Raum und die Kraft zum Leben erhält, die es braucht. Dennoch wird Care-Arbeit oft erst wahrgenommen, wenn sie ausbleibt. Denn wenn Care-Arbeit ausbleibt, versinkt die Welt in Chaos: in Müllbergen, in Hunger, Krankheit und Tod. Ohne Dienst am Leben ist das Leben bedroht. Der Mensch aber ist mit der Fähigkeit begabt, das Leben, ja die ganze Schöpfung so zu pflegen, dass sie gedeihen kann. Die Berufung des Menschen zur
«Herrschaft über die Schöpfung» ist eine Berufung zur Care-Arbeit. In dieser wird das Schöpfungshandeln Gottes täglich fortgeführt.

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