zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Brigitte Andrae - Präsidentin des Landeskirchenamtes in Erfurt

Frauenversammlung der EKM

Tischrede beim Frauenmahl in Zwochau am 25 Mai 2018
Brigitte Andrae - Präsidentin des Landeskirchenamtes in Erfurt

FRAUENVERSAMMLUNG DER EKM

Sehr geehrte Organisatorinnen dieser Frauenversammlung, stellvertretend: liebe Frau Krause und Frau Pfarrerin Ritter, liebe Schwestern,

Jahrestage sind dazu angetan, Rückblicke zu halten. Was ist geworden, wo sind wir angekommen, wen konnten wir mitnehmen und wo sind die anderen? Jahrestage sind dazu angetan, Ausblicke zu wagen. Über den Weg der EFiM bis hierher wurde sicher schon Einiges gesagt, Sie haben zugehört, waren als Gesprächspartnerinnen beteiligt, haben selbst Erinnerungen eingetragen. Die Frauenarbeit der evangelischen Kirche ist längst kein junges Mädchen mehr, sie hat Erfahrungen aus DDR-Zeiten im Gepäck (daran habe ich selbst noch eindrückliche Erinnerungen) und bildete bereits in der Kirchenprovinz Sachsen und in der Thüringer Landeskirche ein Stück kirchliche Identität.
Sie haben mich heute dazu eingeladen, Ihre Arbeit, Ihre Wirkung als „Evangelische Frauen in Mitteldeutschland“ aus der Perspektive einer kirchenleitenden Frau zu reflektieren. Ihre Einladung mit dem Bild der sich ausbreitenden Kreise hat mich inspiriert, dies vor diesem Hintergrund zu tun.

Damit sich Wellen auf einem See ausbreiten, damit also solche Kreise, wie die auf ihrem Einladungsflyer entstehen können, wird ein Impuls benötigt. Von Nichts kommt nichts. Schon ein kleiner, ins Wasser geworfener Stein bewirkt, dass sich der Blick auf das Bild von einem auf den nächsten Augenblick verändert. Zunächst resultiert die Veränderung an der Oberfläche also von einem Impuls, dessen Auswirkungen wir mit den Augen wahrnehmen. Bei genauerem Hinsehen aber hat dieser Impuls bei Weitem nicht nur die Oberfläche verändert. Die Wellen geben dann nach und nach Energie ab und damit wird ihre Kraft vermindert. So kommen selbst von einem großen Impuls in der Mitte eines Sees mitunter nur winzige Wellenbewegungen am Ufer an.

Vom bewegten Wassers zurück zu uns, zu Ihnen und doch nicht ganz zurück, denn wir werden die Wellen im Blick behalten… Dabei gehe ich für meinen Redebeitrag heute von einem Dreischritt aus und werde einige ausgewählte Impulse benennen – dies kann nur ausschnitthaft geschehen: – 1. Welche Wellen, welche Impulse nehme ich wahr? 2. Wo könnten weitere Impulse gefragt sein? Und 3. Von wem lassen wir uns bewegen?

1. Welche Wellen, welche Impulse nehme ich wahr?


Seit dem Missionsauftrag, der uns mit der Botschaft Jesu übermittelt wurde, steht Kirche in der Tradition, auf Menschen zuzugehen. Wenn die Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes unter die Leute, sie bewegen soll, müssen wir Impulse geben. Dieser Aufgabe haben sich meiner Beobachtung nach auch die Evangelischen Frauen gestellt und darauf anschauliche Antworten gegeben:

Ich denke dabei zuerst an eine wunderbare, anschauens-werte Wanderausstellung „Frauen der Reformation“. Dass unter den Köpfen, die die Kirche und Gesellschaft des 16. Jahrhunderts nachhaltig umwälzten, auch Frauenköpfe waren, dieses Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit kann man sehr verschieden ins allgemeine Bewusstsein bringen: Mit einer Demonstration etwa, die die Luthers, Zwinglis, Melanchthons und Bugenhagens von ihren Denkmälern stürzt, oder, um im Bild vom Wasser zu bleiben: Mit einem wunderbar-gestalteten Stein, der ins Wasser geworfen zu weiten Wellenbewegungen führt: An vielen Orten ist die Ausstellung inzwischen gezeigt, ins Englische übersetzt und in die Partnerkirche versandt worden. Im ehemaligen Collegium maius der Universität Erfurt und heutigen Landeskirchenamt versprühten die Damen und ihre eindrücklichen Geschichten einen besonderen Charme und fanden vielfach Beachtung.

Oder auch Ihr Beitrag zur Weltausstellung der Reformation in Wittenberg mit der Themenwoche „Familie, Lebensformen und Gender“ und dem Frauenfesttag im August 2017. Das Foto mit mehr als 160 ordinierten Frauen unterschiedlicher Nationen und Kirchen ging durch die Presse und zeigte auch dieses Ergebnis kontinuierlicher, geduldiger, aber auch klarer Impulsgabe: in manchen Landeskirchen ist die Frauenordination erst wenige Jahrzehnte alt. Einige Zeitzeuginnen aus unserer Kirche, die zu den ersten Pastorinnen gehörten, können davon noch heute berichten.

Das Thema „Ehrenamt: Gewinnung und Unterstützung von Frauen“ beschäftigt Sie schon lange. Als „Evangelische Frauen in Mitteldeutschland“ suchen, begleiten, würdigen und unterstützen Sie in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten der EKM Frauen, die in Gemeinden, Kirchenkreisen und auf der landeskirchlichen Ebene Verantwortung übernehmen. Beispielhaft und besonders war die in diesem Jahr in Wittenberg stattgefundene „Tagung für ehrenamtlich-kirchenleitende Frauen“: Dabei haben Sie über den eigenen Tellerrand hinausgeschaut und u.a. mit der Imamin Seyran Ate? an gemeinsamen Themen gearbeitet. Solche Aufbrüche im interreligiösen Dialog auch von Seiten der Frauen zu intensivieren, halte ich für einen ganz wichtigen Impuls in die gegenwärtige Situation.

Die Landesbischöfin hat in einer Sitzung der Kirchenleitung im vergangenen Herbst vom Abschlussgottesdienst für die Absolventinnen „Fernstudium Theologie geschlechterbewusst–kontextuell neu denken“ berichtet, der in Zusammenarbeit mit benachbarten Landeskirchen stattfand. Ein Projekt, welches Quellen der spezifisch-weiblichen Sicht auf Bibel, Glauben und Bekenntnis erinnert und vertieft.

Der mehrjährige Prozess der Evaluierung der Verfassung unserer Landeskirche war auch mit der Prüfung einer geschlechtergerechten Sprache des Verfassungstextes verbunden. In ihrer Stellungnahme vom April 2018 ist die EFiM mit mir der Überzeugung, dass die „sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter für eine erfolgreiche Gleichstellung von unerlässlicher Bedeutung ist“. Dies fordern Sie zu Recht seit mehr als zehn Jahren. Auch mehr als die Hälfte der Landessynodalen ist dieser Meinung, wie wir auf der vergangenen Tagung bei der Abstimmung gesehen haben. Für die notwendige Verfassungsänderung fehlte aber bekanntermaßen eine Stimme.

Als EFiM haben Sie Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen verschiedener Generationen. Das ist eine gute Voraussetzung für eine auch zukünftig generationsübergreifende Arbeit. Im Blick auf die Verknüpfung regionaler Frauenarbeit mit den konkreten Herausforderungen in der Region und der Arbeit in den Strukturen der Landeskirche sehen Sie Potential. Zwischen beiden Blickrichtungen muss es eine gute Balance geben. Zugleich steht die frauenspezifische Perspektive im Kontext einer gendergerechten Perspektive.

Aus den Kirchenkreisen der EKM höre ich etwas von den Impulsen, die Sie als EFiM dorthin senden. Dass diese sehr unterschiedliche „Wellen“ schlagen oder solche ausbleiben, ist sicher kein Geheimnis und hängt an vielen Faktoren: ob sich Leitungspersonen bewegen lassen und welchen Stellenwert sie dezidiert dieser Arbeit in unserer Landeskirche beimessen oder wie stark sich Frauen vor Ort von den Impulsen anstecken lassen und diese verstärken. Versanden hier noch zu viele Ihrer Impulse? Wie sieht aus Ihrer Perspektive die Chance aus, vor Ort Frauen für die Arbeit zu begeistern, die dann wiederum zu Impulsgeberinnen werden?

Ein kleines Beispiel für einen gut-gelandeten Impuls ins Landeskirchenamt zum Schluss dieses Abschnitts: Seit Februar waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgerufen, „Stifte für Bildung“ zu sammeln und abzugeben. Diese Aktion, die sich das Weltgebetstagsteam 2018 auf die Fahnen geschrieben hatte, spülte nicht nur mehr als 14 kg Stifte, sondern auch „angestiftetes“ Bewusstsein an Land.

2. Wo könnten weitere Impulse gefragt sein?

Diversität ist kein Modewort, sie ist ein Programm. Unterschiedlichkeit nicht nur zuzulassen, sondern als Beförderin von Themen und Inhalten zu kultivieren und nutzbar zu machen, ist Aufgabe von Gegenwart und Zukunft. Ja, gar keine andere Perspektive als die der Unterschiedlichkeit ist einzunehmen! Das ist gut protestantisch und im oft zitierten, aber noch viel zu selten ausgeschöpft-gelebten Begriff vom „Priestertum aller Getauften“ bereits angelegt. Im gemeinsamen Leitungshandeln Haupt- und Ehrenamtlicher, in unterschiedlichem Antworten der Geschlechter auf die Fragestellungen in unserer Kirche: Hier wünsche ich mir eine deutliche Stimme von Frauen. Wo können Sie in Ihrer Arbeit „Diversität“ befördern?

Die gesetzliche Verankerung der Gleichbehandlung der Geschlechter weiter mit Leben zu erfüllen, ist ein politisches Thema, an welchem wir Anteil, vor allem aber einen Gestaltungsauftrag haben. Und hier formuliere ich aus kirchenleitender Perspektive die Bitte: Bringen Sie sich (auch weiter) in die gesellschaftlichen, kirchenpolitischen und „innerkirchlichen“ Diskussionen ein. Geben Sie denen Stimme, für die Sie stehen! Hier Themen zu suchen – auch gemeinsam mit anderen Akteuren – und Themen zu setzen, ist kein einfacher, aber ein lohnenswerter Weg. Sich einzumischen, vor allem dort, wo einlinig und dadurch vereinfacht gedacht wird, tut der Diversität gut. Dass, wie Sie es beschrieben haben, die öffentliche, nämlich „sprachliche Gleichbehandlung noch so vieler zermürbender Diskussionen bedarf“, ist zeichenhaft. Und auch, wenn dies für Sie und für mich und für viele Andere so ist: Es scheint noch Diskussionsbedarf zu geben und wir werden gut daran tun, mit Geduld und Langmut diesen Prozess zu begleiten und immer wieder anzustoßen, um das Ziel einer geschlechtergerechten Sprache in der Kirchenverfassung zu erreichen.

Das Mentoringprogramm für Frauen (welches seit einigen Jahren auch von Männern mit genutzt wird) ist gut etabliert und hat Frauen auf dem Weg zu ihrem je eigenen Leitungsstil unterstützt. Das Zutrauen, wie eine Frau zu leiten und keine Kopie männlichen Leitungshandelns sein zu wollen, ist eine Lernstrecke. Sie bedarf noch vieler Impulse.

Bei ihrem jüngsten Vortrag in Erfurt hat Frau Seyran Ate? im Blick auf das Wahlrecht von Frauen davon gesprochen, dass es mitunter gerade wieder unter den Frauen Trägerinnen des Patriarchats gibt. Deshalb braucht es, so führte sie weiter aus, Vernetzung innerhalb und außerhalb der „bekannten“ bzw. „anerkannten“ Kreise der Bewegten und Bewegenden! Männer, die die Muster patriarchaler Kultur ebenso ablehnen und Frauen, die Beteiligung an allen Orten gesellschaftlichen Lebens ermöglichen, sollten deshalb ebenso eingeladen werden, wie die Akteurinnen und Akteure anderer Kirchen und auch anderer Religionen.

3. Von wem oder was lassen wir uns bewegen?

Die Karte, die Sie bitte jetzt verteilen, heißt „Der Engel des Herrn“. (austeilen lassen) Auf dem schmalen Bildstreifen links schwebt ein Engel auf die Mitte zu. Auf der anderen Bildseite ist die Gischt von Wellenkämmen zu sehen. Wie kam es zu solchen Wellen? Wodurch sind die ausgelöst?

Der Bibelspruch aus dem Johannesevangelium zitiert aus der Geschichte der Heilung eines Gelähmten am Teich Bethesda. Hier kommt was in Bewegung. Zum einen bewegt sich das Wasser: Menschen, die in Bethesda liegen, warten auf den Engel Gottes, der „von Zeit zu Zeit herabkommt“. Und immer wieder, wenn der unsichtbare Beweger das Sichtbare in Bewegung bringt, wird ein Mensch gesund. Aber noch anderes kommt in Bewegung. Der Kranke in der Geschichte wartet schon so lange. Jesus sieht diesen Menschen an. Er fragt nach dessen Leben und ermutigt ihn, sich in Bewegung bringen zu lassen: Willst du gesund werden? Gott ist da! Glaub an ihn! Er kann dich in Bewegung bringen! „Und der Kranke stand auf, nahm sein Bett und ging.“ (Joh 5, 9) Jesus hebt in dieser Szene die Wirksamkeit des bewegten Wassers nicht auf. Aber er zeigt auf die Wirksamkeit des Glaubens. Eine bewegende Geschichte!

Von wem oder was lassen wir uns bewegen? Manchmal wünsche ich mir, wünsche ich uns als Kirche, dass wir das hektische Suchen nach Impulsen einen Moment aussetzen. Ich wünsche mir, dass wir uns berühren lassen von diesem Engel, der in Gottes Namen und Auftrag unsere Wasser bewegen will. Nehmen wir diese Impulse überhaupt noch wahr? Halten wir es noch aus auf die richtige Stunde zu warten? Vertrauen wir darauf, dass unser Bewegtsein sich ausbreiten wird?

Liebe Schwestern, liebe Gäste: Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem zehnjährigen Bestehen und wünsche Ihnen viele Gelegenheiten, sich von einem Engel in Bewegung bringen zu lassen und anderen darin zu Engeln zu werden – indem Sie bewegen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Dieser Internetauftritt gehört zum Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH, Fachbereich Evangelische Frauen in Deutschland.
Besuchen Sie uns unter www.evangelischefrauen-deutschland.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.