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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Katharina Block - Juniorprofessorin für Sozialtheorie am Institut für Sozialwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

4. Oldenburger Frauenmahl
8. November 2019, 18.00 Uhr bis 22.00 Uhr
in der St. Lamberti-Kirche, Markt 17, 26122 Oldenburg


„Wir sind viele“
Vielfalt als Herausforderung und Chance
für Kirche und Gesellschaft


Tischrede von Prof. Dr. Katharina Block, Juniorprofessorin für Sozialtheorie
am Institut für Sozialwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

 

„Wir sind Viele“

Zunächst möchte ich mich noch einmal ganz herzlich für die Einladung zu dieser besonderen Gelegenheit bedanken, die aufgrund ihrer vielfältigen Zusammensetzung der geladenen Personen für eine Soziologin wie mich natürlich auch von besonderem fachlichen Interesse ist.

Schon diese ersten Worte zeigen, dass sich Vielfalt dadurch auszeichnet, dass es ein reales und praktisches Phänomen ist und nicht lediglich eine theoretische Idee und gerade deshalb auch stets eine politische Dimension mitführt.

Denn die Bedeutung von Vielfalt und wer oder was damit angesprochen ist, wird in sozialen Kontexten ausgehandelt.
Dabei kommt es wesentlich darauf an, von wo aus die Akteure, die an diesem Aushandlungsprozess beteiligt sind, sprechen. Denn Perspektiven und Standorte sind je unterschiedlich und bringen entsprechend im Vollzug der Aushandlung auch differente Bedeutungen praktisch hervor.

Die großartige Wissenschaftstheoretikerin und Feministin Donna Haraway hat hierfür den sehr sinnvollen Begriff der „situated knowledges“ geprägt, d.h. Wissen ist immer situiert und Wahrheit entsprechend selbst vielfältig.

Den Anspruch auf die eine Wahrheit, hat sie übrigens den „göttlichen Trick“ genannt, der zwar theoretisch funktionieren mag, praktisch allerdings nicht.

Genau aus diesem Grund – und damit wende ich mich nun explizit dem Titel unserer heutigen Veranstaltung zu – macht es aus soziologischer Perspektive Sinn, sich die Frage zu stellen, was denn die Implikationen dieses Titels sind, der da lautet „Wir sind Viele“.

Die semantische Problematik fängt darin bereits bei dem kleinen und unscheinbaren Wort „Wir“ an: Wer ist denn dieses Wir?
D.h. wen oder was adressiert es?
Und wer hat die Position der Sprechenden inne, die dieses „Wir sind viele“ definiert?
D.h. wen oder was schließt dieses „Wir“ aus? Denn ein „Wir“ konstituiert zugleich immer ein „ihr“.

Diese Fragen zu stellen mag für manche vielleicht banal sein oder leicht zu beantworten bzw. mögen sie mancher als schon beantwortet gelten.
Dies sind sie für mich keineswegs!

Wer etwas über Vielfalt in unserer Gesellschaft sagen will, sollte vielmehr ein Reflektieren auf eben diese Fragen als Herausforderung und Chance dafür begreifen.
Vermutlich ist es allen Anwesenden unmittelbar einsichtig, dass mit diesem „Wir“ zunächst einmal wir Menschen gemeint sind – ja, wer denn sonst?
Aber so einfach ist die Antwort nicht!
Denn neben und mit der menschlichen Vielfalt gibt es auch eine ökologische Vielfalt, die den Bedeutungsrahmen des üblichen „Wir“ sprengen könnte, indem es mehr-als-Menschen mitbedeutet.
Das Thema der ökologischen Vielfalt halte ich für ebenso existenziell relevant, wie die Frage nach der menschlichen Vielfalt, von der ich vermute, dass sie der primäre Gegenstand der heutigen Redner*innen sein wird.

Deswegen möchte ich Sie heute dazu anregen, zukünftig auch über ökologische Vielfalt zu sprechen, wenn wir über Vielfalt als Herausforderung und Chance für Kirche und Gesellschaft sprechen.
Denn unsere Vielfalt hängt unmittelbar zusammen mit der ökologischen Vielfalt und entsprechend mit ihrem Erhalt.

Im modernen Denken – und in diesem befinden wir uns, d.h. unsere Perspektive ist darin situiert – ist es üblich das „Wir“ an menschliche Personen zu adressieren, damit schließen wir allerdings mehr-als-menschliche Formen von Personalität aus.
In vormodernen Zeiten kannten Gesellschaften hingegen noch legitime Personen in Form von Geistern oder Engeln. Und auch heute gibt es Gesellschaftsformen in denen zu den legitimen Personen mehr-als-Menschen gehören. Dazu zählen beispielsweise Ahnen, aber auch Tiere und Pflanzen oder Berge und Gewässer.
Diese vielfältigen anderen Wir-Formen sind selbstverständlich auch sozial ausgehandelt, allerdings gehören hier eben mehr-als-Menschen in den Kreis des Sozialen.

Es wird somit deutlich, dass sowohl diese als auch unsere Wir-Form historisch kontingent sind, denn jede ist nur eine Möglichkeit unter vielen.
In der Anerkennung der eigenen Position, als nur eine unter vielen, als nur eine partikulare statt einer übergreifenden, liegt die Herausforderung für uns selbst, mit Vielfalt umzugehen.
Ist die Anerkennung aber geglückt, liegt darin zugleich die Chance, neue Geschichten von Vielfalt zu erzählen, als nur menschliche.
Im Angesicht einer ökologischen Situation, die von manchen als Anthropozän bezeichnet wird, scheint die Anerkennung einer gesellschaftlichen Vielfalt die mehr-als-Menschen einschließt, mehr denn je, eine Option auf der Suche nach Lösungswegen zu sein, wenigstens aus der Perspektive einer Sozialtheoretikerin.

Ich möchte meine Gedanken gerne mit einem Zitat aus dem jüngsten Werk von Donna Haraway Unruhig bleiben pointieren, da es mich im Nachdenken darüber inspiriert hat, wer wir sind, wo wir sind und wie vielfältig wir im Sinne eines artenübergreifenden Wirs sind:
Ich zitiere: „Es ist von Gewicht, welche Gedanken Gedanken denken. Es ist von Gewicht, welche Wissensformen Wissen wissen. Es ist von Gewicht, welche Beziehungen Beziehungen knüpfen. Es ist von Gewicht, welche Welten Welten verweltlichen. Es ist von Gewicht, welche Erzählungen Erzählungen erzählen“ Zitat Ende.

Lassen Sie uns ein „Wir“ denken, das mehr als menschlich ist und insofern um eine gesellschaftliche Vielfalt weiß, die artenübergreifend Beziehungen knüpft und so von einer ökologisch lebenswerten Welt zu erzählen vermag.

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