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Tischreden und Lesekost

Bozena Domanska - Mitbegründerin von Respekt@vpood für die Rechte von Migrantinnen in der Carearbeit

Leben braucht Care

Bozena Domanska -  Mitbegründerin von Respekt@vpood für die Rechte von Migrantinnen in der Carearbeit

Tischrede am 16. August 2019 – 24. Ökumenisches FrauenKirchenFest Aargau.

Wir kommen aus Polen, Ungarn, Rumänien, der Slowakei – und betreuen pflegebedürftige Menschen in deren Zuhause rund um die Uhr, Tag und Nacht verantwortlich für einen betreuungsbedürftigen  Menschen. Ein Leben im Rhythmus von anderen: Vom Essen bis zu den Nächten ohne Schlaf, mit wenig sozialen Kontakten ausserhalb des Haushalts, und vor allem: ohne Privatleben. Wir sind häufig mit unfairen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert.

Ich bin Bozena Domanska, ich bin in Polen aufgewachsen und wohne seit 10 Jahren in der Schweiz. Ich habe über 25 Jahre als sog. 24h-Betreuerin gearbeitet. Heute betreue ich das Netzwerk respekt@vpod und arbeite nebenbei ab und zu auf Stundenbasis in der privaten Betreuung.

Ich freue mich sehr hier zu sein, es ist wichtig, dass dieses Thema noch mehr wahrgenommen und auch mehr diskutiert wird, vor allem aber sind auch die Betroffenen selbst bzw. deren Angehörige häufig überfordert bei der Anstellung einer privaten 24-Std.-Betreuerin. Es fehlen nicht nur Informationen an allen Ecken, sondern auch gute Beratungsstellen für Privatpersonen, Behörden und Organisationen.

Liebe Frauen!

Wir alle wissen: Mit der steigenden Lebenserwartung steigt auch die Anzahl der Rentner und Rentnerinnen in der Schweiz. Viele von ihnen wollen möglichst lange selbstbestimmt und in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Dies bedeutet auch, dass diese Lebensweise für alle bezahlbar sein muss. Leider richtet sich jedoch das Schweizer Gesundheitswesen nicht nach den Bedürfnissen älterer Menschen. Stattdessen streitet sich die Politik darum, wer für welche Gesundheitsdienstleistung verantwortlich ist und wer sie finanzieren muss. Statt konstruktiv für eine bessere ambulante Langzeitpflege und für bessere Arbeitsbedingungen zusammenzuarbeiten, stehlen sich Bund, Kantone und Gemeinden aus der Verantwortung. Dies geht auch zulasten von uns, vorwiegend aus Osteuropa stammenden, Betreuerinnen.

Wir Caremigrantinnen wurden durch private Spitexfirmen oder Privatpersonen oft ausgebeutet und schlecht behandelt. Ich wurde sogar entlassen, als ich 2013 begann, mich im Netzwerk Respekt@vpod zu engagieren. Vier Jahre hat es gedauert, bis das Gericht der Stadt Basel Ende 2018 diese Kündigung endlich als missbräuchlich beurteilte. Bis zum Schluss versuchte die Privatspitex, mich vor Gericht als verantwortungslose Person hinzustellen, die schlecht arbeitete.

Einige von uns haben früher unter häufig noch schlechteren Bedingungen in anderen Ländern gearbeitet und waren deshalb im ersten Moment froh über eine Anstellung hier in der Schweiz. Sehr schnell wurde jedoch klar: das Leben hier ist massiv teurer, und auch hier werden wir ausgebeutet und schlecht bezahlt. Wieso? Weil die Politik kein Interesse an guten und fairen Arbeitsbedingungen in der privaten 24-Stunden-Betreuung hat. Denn: Bessere Arbeitsbedingungen kosten. Das ist ein Armutszeugnis für ein solch reiches Land, wie die Schweiz eines ist.

Die Gewerkschaften fordern eine Unterstellung unter das Arbeitsgesetz. Leider hat der Bund entschieden, dass die Kantone diesen Bereich selber bis 2019 durch Ergänzungen in den Normalarbeitsverträgen Hauswirtschaft regulieren sollen. Wir müssen nun deshalb in der kommenden Zeit in jedem einzelnen Kanton für eine gute Regelung kämpfen. Das braucht viel Zeit und Ausdauer!

Ich betreue für die Gewerkschaft VPOD das Netzwerk Respekt für Caremigrantinnen, und ich kann Ihnen sagen, das System hier ist sehr kompliziert und nicht übersichtlich. In jedem Kanton gibt es andere Normalarbeitsverträge, auch jede Privatspitex wiederum hat eigene Verträge.

Es braucht sehr viel Energie und Wissen, dies alles zu verstehen und auch beurteilen zu können. Und trotz allem: Wir arbeiten gerne als Betreuerinnen bei älteren Menschen hier in der Schweiz. Wir sind gerne bereit, ältere Menschen zu Hause zu unterstützen und in der Nacht für sie aufzustehen. Aber wir verlangen für unsere Arbeit Respekt und eine faire Bezahlung. Gute Pflege und Betreuung brauchen gute Arbeitsbedingungen, Tausende von Caremigrantinnen bleiben ansonsten weiterhin ungeschützt.

Auch wir Betreuerinnen brauchen Pausen und Ruhezeiten, sodass wir gesund bleiben, und selbstverständlich auch eine faire Entschädigung der Präsenzzeiten. Vor allem brauchen wir eine klare Regelung für die nächtlichen Betreuungsleistungen. Helfen auch Sie alle mit, bessere Arbeitsbedingungen in diesem Bereich der Langzeitpflege einzufordern. Herzlichen Dank!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Evangelischen Zentrum Frauen und Männer gGmbH, Fachbereich Evangelische Frauen in Deutschland.
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