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Tischreden und Lesekost

Anke Cornelius-Heide - Bürgermeisterin der Stadt Meldorf

1. Dithmarscher Frauenmahl am 4. Mai 2017
„Frauen feiern Vielfalt“ - Tischrede von Anke Cornelius-Heide

Rede von Anke Cornelius-Heide, Bürgermeisterin der Stadt Meldorf
1. Dithmarscher Frauenmahl – Frauen feiern Vielfalt – 4. Mai 2017
 
Liebe Festgemeinde,
ich freue mich außerordentlich über die Einladung zum 1. Dithmarscher Frauenmahl und fühle mich geehrt, dass ich heute hier zum Thema Vielfalt sprechen darf. Die Vielfalt der Menschen resultiert auch aus den besonderen geografischen, geologischen, klimatischen Bedingungen, die das Lebensumfeld geformt haben. Insofern feiern wir nicht nur die Vielfalt der Menschen, sondern auch die Vielfalt der Regionen.
 
Wie steht es um die regionale Vielfalt?
 
Unser auf Wachstum gerichtetes Wirtschaftssystem, die Digitalisierung und die niedrigen Mobilitätskosten begünstigen die Globalisierung. Sie begünstigen Unternehmen, die weltweit aufgestellt sind und ihre Markenprodukte rund um den ganzen Globus vertreiben.
 
Mit ihren Werbeetats bestimmen die global player den Modetrend. Sie geben vor, was angesagt ist. In den Einkaufsstraßen der Metropolen und größeren Städten dominieren Douglas, C & A, H & M, Zara und wie sie alle heißen. In unseren Kleinstädten sind es KIK, Tako.
 
Viele inhabergeführte Geschäfte können mit dieser Marktpräsenz und diesen Marktbedingungen nicht mithalten und geben auf. Und so verliert das Stadtbild seine Vielfalt. Verstärkt wird dieser Trend durch den Online- Handel.
Mit einem Klick haben wir bei Amazon aus einem riesigen Sortiment ausgewählt und bekommen die Ware am nächsten Tag ins Haus geliefert.
Wenn sie nicht gefällt, schicken wir sie zurück. Wie kann der Einzelhandel da mithalten? Nur schwer. Damit verschwinden Arbeitsplätze aus dem ländlichen Raum und werden als Billig- Jobs in die Logistikzentren verlagert.
 
Doch nicht nur das Stadtbild verliert an Vielfalt. Der mobile Mensch konsumiert Coffee to go, die Pizza in die Hand, den Cheeseburger am McDonald-Drive-in. Es wird nicht mehr zu Hause in gemütlicher Runde gegessen, die heimischen Spezialitäten sind nicht mehr gefragt. So verschwinden unsere Traditionen und der Lebensrhythmus ändert sich.
 
Doch es regt sich Widerstand. Schon seit Jahrzehnten gibt es die Initiativen und Läden zum fairen Handel. Immer mehr Menschen entdecken ihre Macht als Konsumenten. Indem sie Produkte des fairen Handels kaufen, unterstützen sie kleinbäuerliche Strukturen und Erzeugergemeinschaften im globalen Süden. Viele Städte z.B. Heide und Meldorf haben sich als Fairtrade-Stadt zertifizieren lassen und thematisieren die Bedeutung des Konsumverhaltens auch für den Erhalt unserer regionalen Strukturen. Mittlerweile gibt es 2.000 Fairtrade- Towns in 26 Ländern. Also durchaus eine starke, weltweite Bewegung.
 
Eine andere weltweite Bewegung ist die der Cittaslow, übersetzt als Vereinigung der entschleunigten oder lebenswerten Städte. Sie stellen die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt. Durch Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen an der Stadtentwicklung wird deren Identifikation mit der Stadt gestärkt – über Partei- und Vereinsgrenzen hinweg. Durch Sanierung alter Gebäude wird das typische Stadtbild erhalten. Durch Pflege der regionalen Traditionen z.B. im Handwerk, durch Förderung regionaler Produkte und Speisen oder durch Fest-Rituale erfahren diese eine Wertschätzung. Die Vielfalt und Besonderheit rückt wieder ins Bewusstsein und wird als Lebensqualität gefeiert.
 
Das klingt möglicherweise rückwärts gewandt oder nach Heimat-Tümelei.
Doch Cittaslow ist keineswegs fortschrittsfeindlich. Innovative, neue Technologien z.B. bei der Einsparung von Ressourcen werden gefördert.
Ebenso wie Gastfreundschaft und Weltoffenheit. Dies ist ein ganz wichtiger Punkt. Gerade der ländliche Raum ist darauf angewiesen, dass wir Fachkräfte anziehen. Diese bleiben nur, wenn wir sie möglichst schnell in unsere Mitte aufnehmen. Willkommenskultur wird also ganz groß geschrieben.
 
Meldorf ist seit letztem Jahr als Cittaslow zertifiziert. Als eine von zurzeit 17 Städten in Deutschland. Weltweit sind es 228 Städte in 30 Ländern. Ich glaube, noch nie ist in meiner Stadt so viel von Lebensqualität gesprochen worden. Es ist Aufbruchsstimmung spürbar. Die alteingesessenen Betriebe fühlen sich anders wahrgenommen und sehen, dass sie bei entsprechender Kommunikation den Einheitsprodukten der Discounter etwas entgegensetzen können. Viele haben besser verstanden, dass sie selbst dazu beitragen können und müssen, um die Besonderheit, den individuellen Charakter unserer Stadt und unserer Region zu wahren.
 
Cittaslow basiert auf dem Agenda 21-Prinzip: Global denken, lokal handeln.
Wir können und sollen an die Politik appellieren, die Gewinnverlagerung großer Konzerne in Länder mit niedrigeren Steuersätzen zu verhindern. Oder Handelsblockaden abzubauen. Oder bei der Vergabe von Fördermitteln nicht die großen Betriebe zu bevorzugen. Oder die Reglementierungen – Qualitätsstandards genannt – nicht so hoch zu schrauben, dass kleine Betriebe sie nicht erfüllen können. Dieser Appell ist wichtig. Doch anfangen müssen wir bei uns selbst. Bei unserem Konsumverhalten, bei der Ausrichtung unserer Stadtentwicklung oder unserer Kirche.
 
Ich bin überzeugt, in dieser Runde sind wir auf einem guten Weg. Wir haben also einen guten Grund, Vielfalt zu feiern. Vielen Dank.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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