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Tischreden und Lesekost

Corinna Di Stefano - Doktorandin an der Universität Konstanz

Die Lust am Kleiderkauf

Tischrede beim Frauenmahl in Rottenburg-Wurmlingen am 3. Februar 2017
Corinna Di Stefano, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Fachbereich Geschichte und Soziologie an der Universität Konstanz

Warum ich Secondhandkleidung kaufe. Schnäppchen oder politische Entscheidung?

Gerne teile ich heute ein paar Gedanken zur Frage, warum ich vor allem Secondhandkleidung trage.
Warum ich für diesen Redebeitrag eingeladen wurde, hat folgenden Grund:
Während der etwa acht, neun Jahre, in denen ich in Köln gelebt, studiert und gearbeitet habe, hatte ich - mit Ausnahme von Sportschuhen, Unterwäsche und Socken- fast ausschließlich Secondhand im Schrank hängen.
Das entsprach in erster Linie meiner stark anti-konsumistischen Haltung, aber natürlich AUCH meinem studentischen Geldbeutel.
Und, nicht zu vergessen, auch meiner schwäbischen Sozialisation, denn, wir wissen ja:
„Ma ka edd meh verschbara, als am Gfräß und am Häs“.

An allererster Stelle ist es aber eine politische Entscheidung.

  • Ich bin nicht einverstanden
    - mit den ausbeuterischen, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Kleidungsproduktion in Bangladesch, Indien, China, etc.
    - mit der Profitgier der Unternehmen, die nur den Chefetagen zu Gute kommt
    - und auch nicht dem minder wirksamen, nur auf der Freiwilligkeit der Unternehmen beruhenden „Textilbündnis“
  • Ich boykottiere daher so gut es geht, übe mich in kritischem Konsum, kläre andere über globale Wirtschaftszusammenhänge auf, nehme an Kampagnen teil, unterschreibe Petitionen.
  • Ich bin dafür, dass Themen wie die globalen Folgen unseres Konsumverhaltens unbedingt in den Lehrplan aufgenommen werden müssen, und vertrete diesen Standpunkt auch mal -wie heute- vor einem deutlich größeren Publikum als üblich.

Selbstverständlich geht es in dieser Frage auch um ökologische und gesundheitliche Aspekte.

  • Bei der Kleidungsproduktion genutzte Gifte und Chemikalien werden ungefiltert in offene Gewässer geleitet, und kommen auch in neu erstandener Kleidung durch die Wäsche in unser Abwasser.
  • Das Gros, davon kann man zurecht pessimistisch ausgehen, vergiftet ziemlich nachhaltig unseren Planeten und damit auch die Zukunft der kommenden Generationen.
  • Nutzen wir Secondhandkleidung
    - verringern wir die Nachfrage an neuen Textilien
    - sparen und schützen wir Ressourcen und belasten schlussendlich auch den Planeten weniger,
    - und unsere Gesundheit. Denn: Je öfter etwas schon gewaschen wurde, umso weniger Gift ist noch dran.

An dieser Stelle verdreht dann schon manch einer die Augen und denkt sich: Schon wieder so ein nerviger Gutmensch, der mir den Spaß am Leben verderben will…
Ich habe noch andere gute Gründe für Secondhandkleidung gefunden!

Erstens: Secondhandkleidung ist in!

  • Ich bin nicht lange genug zurück im Ländle, um das für hier behaupten zu können. Aber anderenorts sprießen Secondhandländen nur so aus dem Boden.
  • Vintageklamotten und Secondhand sind angesagt, sagen auch Marktforscher.
  • Es hat nun mal mehr Stil und ist deutlich individueller, wenn man mit einem Unikat anstatt mit Mainstreammode daher kommt.

Zweitens: Secondhandkleidung tauschen kostet nix und gesellig

  • In Köln haben wir regelmäßig Klamottentauschpartys veranstaltet.
  • Bei Waffeln und Cappuccino tauschte oder verschenkte man die mitgebrachten Stücke, die man loswerden wollte.
  • Oft hat man so nicht nur ein neues Teil, sondern auch noch neue Freundinnen dazugewonnen.

Drittens: Secondhandkleidung shoppen ist heutzutage unabhängig von Zeit und Ort

  • Mit Apps wie von „Kleiderkreisel“ kann man in Sekundenschnelle Angebote einstellen, oder Kleidung preisgünstig erstehen.
  • Das Internet bietet Plattformen ohne Ende um Kleidung für Klein und Groß, aber auch Termine für Flohmärkte und riesige, öffentliche Klamottentausch- und Tanzveranstaltungen wie den sogenannten Swap-Partys, zu finden.

Schlussendlich: Kleidung aus zweiter Hand zu tragen ist eine historische Konstante

  • Das Phänomen, dass originelle Secondhand-Einzelteile als schick gelten, ist natürlich relativ neu. Doch klar, Kleidersammlungen, Kleider vererben, Kleider von den großen Geschwistern zu übernehmen, Kleider-Flohmärkte, also: Kleidung aus zweiter Hand zu tragen an sich…
  • diese Praxis dürfte fast so alt sein wie die Menschheit selbst

Kurzum: Secondhandkleidung zu tragen ist eine vernünftige Alternative. Aber vielleicht nicht für jeden, und vielleicht auch nicht für jeden Anlass, und vielleicht ist es manchmal auch einfach nicht möglich.

  • Wenn ich wenige Monate nach der Geburt meiner Tochter mit meiner neuen Konfektionsgröße 42 spontan zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde, dann renne auch ich schnell in den H&M und statte mich dort aus, weil mir kurzfristig keine andere Wahl bleibt.
  • Wenn mein Mann mir mal für einen ganz besonderen Anlass einen guten Mantel schenken will, dann mache ich mit - weil ich weiß, den werde ich noch in 10 Jahren tragen und schätzen.
  • Wenn ich im LIDL Leggins oder Yogahosen sehe, habe ich auch schon zugegriffen – denn so was ist wirklich unheimlich schwer in Secondhandläden zu finden.  

Doch alles in allem halte ich meinen Kleiderkonsum minimal, und das ist es eigentlich, denke ich, worauf es am allermeisten ankommt. Egal, ob wir neue oder bereits getragene Kleidung bevorzugen.
Und: Was wir haben, das sollten wir liebevoll behandeln. Was könnte das heißen?

  • Dass wir unsere Kleidungsstücke gut pflegen und lange am Leben erhalten
  • Dass wir Kleidungsstücke nicht jahrelang einschließen oder wegwerfen, nur weil sie uns nicht mehr passen oder gefallen sondern ihnen ein zweites Leben ermöglichen, indem wir sie verkaufen, verschenken, verleihen.
  • Es heißt auch zu wissen, dass eine Klamotte langfristig zu mir und meiner Persönlichkeit passen muss, und nicht zu irgendeinem Trend, der sich wie die Kollektionen von Zara, H&M und Primark alle paar Wochen ändert.
  • Wenn man Neuware bevorzugt heißt es auch, die richtige Kleidung zu kaufen! Die mit den richtigen Siegeln, von denen es mittlerweile ein paar sehr zuverlässige gibt und die so teuer nicht sind – einfach um diesen Markt auch zu stärken.
  • Die Liebe zur Kleidung sollte VOR ALLEM bis zu denjenigen reichen, die sie produziert haben. Diese Menschen sind, wie Christen so schön sagen, unsere „Nächsten“ und wir müssen uns auf irgendeine Art dafür einsetzen, dass ihre miserablen Arbeitsbedingungen sich ändern.

Man kann nicht ehrfürchtig genug mit der Tatsache umgehen, dass es bloßer Zufall ist, dass wir hier geboren wurden und diese Menschen dort. Dass wir uns heute ein 5-Gänge Menu schmecken lassen, und diese Menschen gerade in diesem Moment den nächsten 14 Stunden-Arbeitstag einer 7-Tage Arbeitswoche beginnen.

Da sich diese Veranstaltung Frauenmahl nennt noch ein letzter Gedankenfetzen:

  • Ich denke nach wie vor stehen wir Frauen unter dem größeren Druck irgendwelchen Schönheitsidealen und Moden zu entsprechen. Wir lernen, dass wir uns insbesondere aufgrund von entsprechender Kleidung erst „attraktiv“, „begehrenswert“ oder „kompetent“ fühlen dürfen.
  • Die Kleidungsindustrie ist nicht zuletzt das was sie ist, weil jungen westlichen Frauen in Fernsehshows, in Zeitschriften, im Internet vermittelt wird, dass mehr als alles andere Äußerlichkeiten zählen, und dass unser unabdingbares Hobby als Frau natürlich Shopping sein muss, „was sonst“?
  • Bei der Eröffnung des Primark in Köln habe ich aus der Bahn gesehen, dass die Masse von Leuten beim genaueren Hinsehen nur Mädchen waren. Da waren nur Mädchen. Ich vermute, die weit größere Gruppe an Kleidungskonsumenten ist tatsächlich weiblich. Und damit sind wir –aufgrund der fehlenden Zeit hier nur ganz platt ausgedrückt-  gleichzeitig irgendwie Opfer unserer eigenen Gesellschaft und Täter in einer anderen.
  • Ich persönlich denke, wenn wir es schaffen, unser Frauenbild zu korrigieren, unseren Kindern beizubringen, dass ihr Selbstwertgefühl und ihre Schönheit nicht darin begründet liegen, sich ständig neue Klamotten zu kaufen, da wäre schon viel gewonnen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Fast Fashion: bestes und berüchtigtes Bsp. Primark – schlechte Qualität, nicht mal für Secondhand dienlich! Kollektionen wechseln im Monatstakt.
Bangladesh, Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka stürzt ein, über 1000 Leute starben, über 2000 wurden verletzt.
Bangladesch kann man zollfrei in die EU importieren (als Entwicklungsland kategorisiert). Dafür müssten eigentlich soziale Standards einhalten werden.
Etwa 75 mio. Tonnen Kleidung werden jährlich nach Deutschland importiert
80 Milliarden Kleidungstücke werden jährlich weltweit hergestellt.
90 % der Textilien importieren wir aus Fernost

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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