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Tischreden und Lesekost

Monika Hübenbecker - Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Pfungstadt

„Ehrenamt verändert Leben – eigenes und anderes“

Monika Hübenbecker
Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Pfungstadt

Tischrede für das Frauenmahl Darmstadt-Land in Roßdorf am 24.06.2017

„Ehrenamt verändert Leben – eigenes und anderes“

Kurze Vorstellung:
Monika Hübenbecker, in einer Woche echte Rentnerin,  verheiratet seit 36 Jahren mit demselben Mann, 1 erwachsener Sohn, keine Enkelkinder.

Warum stehe ich hier heute vor Ihnen und bei Ihnen?
Aufgefallen bin ich den Veranstalterinnen, weil ich in Pfungstadt bei vielen Veranstaltungen als Mitorganisatorin beteiligt und anwesend war.
Neben meinem jetzigen Haupt-Ehrenamt als Vorsitzende des Seniorenbeirates der Stadt Pfungstadt bin ich in weiteren Funktionen aktiv:
Vorsitzende des FiZ – Frauen im Zentrum, ein Frauen- und Mütterzentrum
Kassenwartin des Fördervereins Kommunales Kino
Schriftführerin beim VdK OV Pfungstadt
Beisitzerin bei den Naturfreunden Pfungstadt
Vorlesepatin im Kindergarten BimBamBino
Ehrenamtliche Lohnsteuerbeauftragte von ver.di Südhessen und hier auch Mitglied im Bezirksfrauenrat

Ich rede eigentlich nicht gern darüber, was ich alles mache, aber die Veranstalterinnen meinten, getreu dem Motto „tue Gutes und rede darüber !“ sollte ich mich und meine Beweggründe vorstellen.
Im Vorgespräch kam dann die Frage auf:
Was trägt mich ? Welche „Werte“ bestimmen mein Handeln?
Einfach gesagt:  Solidarität  und Ungerechtigkeit, sich einbringen und einmischen, etwas zu erreichen und etwas bewegen, und wenn möglich, auch einen Erfolg zu haben. Ich habe ein HelferInnen-Syndrom und dann verstehe ich mich als Kümmerin.

Aber warum „tue“ ich das? Zuerst einmal für mich.

Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich in Vollzeit berufstätig. Als gelernte Bankkauffrau sah ich mich immer in der Situation, dass ich etwas für Menschen erledigt habe, sie beraten habe, so z.B. die Finanzierung der eigenen Wohnung, die Rückzahlung ihrer Darlehen etc.  Mein Gerechtigkeitssinn führte mich zur Gewerkschaft, mit all ihren Funktionen und Aufgaben. Menschen zu informieren, ihnen mein Wissen weiter zu geben, sich um ihre Belange zu kümmern – das macht mir einfach Spaß und gibt mir persönlich sehr viel. Dadurch bleibe auch ich immer nah an den Menschen, erfahre unterschiedliche Lebenslagen, die ich aus meinem gutbürgerlichen Leben gar nicht kenne.

Vor knapp 5 Jahren wusste ich, dass ich in die Passiv-Phase der Altersteilzeit gehe. Und dann? Wie viele andere auch hatte ich eigentlich nur „soziale Kontakte“ auf der Arbeit, bei der Gewerkschaft, vor Ort wenig, wir sind Zugereiste. Mich im Haushalt oder mit der neuen Freizeit mit Mann und Wohnung selbstverwirklichen? Nicht mein Ding. Daher dachte ich ganz schnell daran, mir rechtzeitig Aufgaben zu suchen. Und was kann ich außer Darlehen? Ich korrespondierte ja mit Kundschaft, war immer mit den Kunden telefonisch in Kontakt, so dass mir das Reden, Erklären und Schreiben liegt, und so übernehme ich seither für meine „Vereine“ die Pressearbeit und bot mich als Ansprechpartnerin an. Klappern gehört ja schließlich zum Handwerk.

Seither  nehme ich Themen auf,  die mich interessieren – Lesungen,  Fahrradtag, Frauenkleidermarkt, Kino-Events, QiGong im Park, Beratungsangebot gegen Häusliche Gewalt, Seniorenarbeit mit Busfahrten, Kaffee- und Infonachmittage  – ich unterstelle dabei immer, dass sich andere auch dafür interessieren. Pfungstadt ist eine Sportvereinsstadt, mir fehlen da einfach viele Angebote, vielleicht anderen auch.

Aber ein „Das brauchen wir nicht, hatten wir schon, wollen die Pungschter net“  kann ich nicht akzeptieren.
Häufig ist ja zu hören „Merr müsste mal“, aber keiner und keine macht es. Was ich gerne haben möchte, bietet mir niemand anderes als ich selber. Deshalb muss ich mir Mitstreiterinnen suchen, Unterstützerinnen, Fachleute. Und das klappt mal mehr, mal weniger.

So habe ich viel mit Organisieren zu tun und auch gleich Kontakte durch Planungen, Gespräche etc. Das ist für mich ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Damit komme ich vom ICH zum WIR > ICH mache was und WIR haben was davon.
Das WIR könnte aber etwas stärker ausgeprägt sein.

Denn leider wird das Ehrenamt von einigen als pure Dienstleistung angesehen. Viele sehen nur ihren eigenen Vorteil, nehmen zwar Anteil, aber Mitarbeit – nein danke.

Ärgerlich finde ich, wenn sich die öffentliche Hand aus ihrem Aufgabenbereich „Daseinsvorsorge“ herauszieht und öffentliche Aufgaben auf das Ehrenamt verlagert, gerade in Zeiten von leeren Kassen. Wir als Seniorenbeirat sind jetzt dem Bürgermeister mit Vergleichen aus den anderen Kreiskommunen auf die „Pelle“ gerückt und haben es wenigstens schon geschafft, dass im nächsten Stellenplan – vorbehaltlich der Genehmigung – wenigstens eine halbe Stelle für hauptamtliche Seniorenarbeit bei der Stadt eingerichtet wird.

Mein Fazit:
Ich habe einfach Lust darauf mit anderen Menschen zusammen was zu machen. Dabei verwende ich ja auch Zeit für mich selbst. Man/frau hilft anderen und verbessert dadurch das Leben: Das der Anderen aber auch das Eigene. Und somit komme ich wieder auf die Überschrift zurück:

Ehrenamt verändert Leben
Eigenes Leben > ich habe zu tun, muss meine Zeit planen, kann meine Ideen, Vorstellungen verwirklichen und komme darüber mit vielen Menschen und verschiedenen Auffassungen, Meinungen zusammen. Dazu ist immer wieder Ansprache notwendig, auch einfach mal fragen, ob Hilfe und Unterstützung da ist –auch ein Nein ist oft zu akzeptieren.
Ich muss nicht alle mögen, aber ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen. So muss ich in meinem Strickkreis immer wieder Vorurteile gegenüber Nicht-Deutschen ausräumen, dagegenhalten, wenn „Dummgeschwätz“ die Oberhand übernimmt.
Ob ich etwas damit verändere weiß ich nicht, aber vielleicht denken dann einige mal darüber nach.
Ich habe gelernt, mich zu überwinden und andere „anzubetteln“, sei es für Blumen zum Film für den Frauentag, Geld locker zu machen über die Bürgerstiftung oder über die Sparkasse. Sogar ein Antrag bei Merck war erfolgreich.

Anderes Leben > Ob ich mit meinem Tun anderes Leben verändere, kann ich nicht beurteilen. Aber meine Mitmenschen kommen mit anderen Ideen und auch mit anderen Menschen zusammen, lassen sich darauf ein, müssen sich gelegentlich auch mit mir auseinandersetzen, haben selbst etwas von der Aktion, vom Event, erleben Freizeit anders.
Ein Beispiel:
Das Pfungstädter Kino wird ehrenamtlich geführt. Um uns vom Kommerziellen Kino zu unterscheiden, lassen wir uns immer wieder etwas Besonderes einfallen, z.B. Getränke und Speisen passend zum Film. Wenn sich z.B. Kinobesucherinnen freuen, dass sie einen schönen Abend erleben können, tun sie ja auch was Gutes für andere – mit dem Besuch und ihrem Eintrittsgeld tragen sie zum Erhalt des Kinos vor Ort bei.

Ich komme jetzt zur gemeinsamen Schlussfrage:

Was ist Ihr Reformationsgedanke?
Als Konfessionslose bedeutet für mich der Reformationsgedanke das andauernde Streben nach Verbesserung der Lebensbedingungen, Veränderung,  Aufklärung, Einforderung von Rechten, etc.   Reform bedeutet aber in den letzten Jahren nicht Verbesserung sondern Sozialabbau, Ausgrenzung, Umverteilung nach oben.

Wir brauchen heute eine neue Reformation:
eine Reform für gerechte Löhne, die zum Leben und Überleben im Alter reichen,
eine gerechte Rentenpolitik, damit Frau und Mann im Alter gut leben können,
ein Familieneinkommen, damit Kinder aus der Armut kommen
bezahlbaren Wohnraum
eine Arbeitszeitverkürzung, um Arbeiten und Leben mit Familie, Ehrenamt etc. in Einklang bringen zu können. Wenn Wirtschaft 4.0 schneller kommt als hier Auffanglinien gezogen wurden, dann verfällt das Leben zwischen Gewinnern und Verlierern und das dürfen wir alle nicht zulassen !

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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