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Tischreden und Lesekost

Monika Lünzmann - Managerin, Deutsche Bank

„Warum ist der Weg das Ziel?!“

Monika Lünzmann
Managerin, Deutsche Bank

Tischrede für das Frauenmahl Darmstadt-Land in Roßdorf am 24.6.2017

„Warum ist der Weg das Ziel?!“

Mein Name ist Monika Lünzmann und ich arbeite seit mehr als dreißig Jahren im Bankgeschäft. Jetzt können Sie sich fragen, warum ich über Veränderung spreche? Ich hoffe, ich kann dies deutlich machen in den nächsten Minuten.

Was bedeutet das?  Wie kann ich mich nähern?
Was macht man heute? Man googelt – früher hätte man den Lehrer oder Oma gefragt.

Im Netz: Frauen ab 30, ab 40,
5 Bücher die dein Leben verändern werden, zur inneren Stärke finden, warum Männer unter Frauen leiden, die 30 werden (weil sie dann aufwachen, nicht mehr auf den Traummann hoffen und stattdessen „Sicherheit“ wählen und über Bausparverträge reden, dann kommen „Reste-Männer“ zum Zuge)

Philosophisch – zu hoch gegriffen, Lebensweisheit zeigt den Weg. Lebensweisheit haben wir alle, jede von Ihnen – nehmen Sie sich einfach mal 10 Minuten an einem Ort der Ihnen gut tut, tun sie nichts und .... warten ab. Auf einmal spüren Sie, dass Sie weise sind – die Gedanken und Gefühle werden fließen.

Ich schweife ab, also es geht um  Leben verändern. Kann ich es greifen wenn ich selbst mich verändere? Kurzentschlossen bin ich an die Nordsee gefahren, das ist ein Ort der mir gut tut, an dem mir viele Gedanken kommen und mir Gefühle bewusst werden.
Ich komme aus dem Norden und bin geprägt von Meer und weiten Horizonten

Also raus an den Strand, den Blick und die Gedanken wandern lassen –

Frauen verändern Leben – welches? Ihr eigenes, das der Familie, das Leben im Beruf? Eines hängt am anderen – wenn ich selbst offen bin für Veränderung und keine Angst davor habe, kann ich andere auch dafür begeistern.

Leben verändern - ist verändern positiv oder negativ, bringt es Sonne und Glücksgefühle oder  Sturzwellen der Verzweiflung und Unsicherheit? Das hängt davon ab, ob ich es beeinflussen kann. Bricht die Woge über mir und verschlingt mich, dann fühle ich mich tief unter Wasser und rudere verzweifelt, um an die Oberfläche zu kommen.

ich  habe dies schmerzlich in 2003  erfahern, als ich einen „burn out“ hatte – damals hat man es noch nicht so genannt.
Zuviel war im Umbruch:
Beruflich –
ich war im  Zentrum der Macht bei der Deutschen Bank, so sahen es auf jeden Fall die Männer, im Bereich Handel mit all dem neumodischen Zeugs und in einer Testosteron gesteuerten Welt
Ich bin aufgewachsen mit Eltern, die mir als Werte  Ehrlichkeit, Mitgefühl und Rücksichtnahme vermittelt haben und den Glauben an das Gute im Menschen – dass wir in der Bank den Kunden helfen wollen. Dies blieb in bestimmten Bereichen bei Banken auf der Strecke, wie dann die Öffentlichkeit in der 2007/2008 Krise erfahren haben. Leider kam der Größenwahn und die Gier. Ich versuchte Einfluss zu nehmen, gegen den Wind zu segeln, musste jedoch erkennen, dass dies nicht gewünscht war. Der Gegenwind war zu stark und ich musste relativ schnell umdrehen, womit ich bis dahin nicht gerechnet hatte. Ich stand erstmal im  Sturm und wusste nicht,wie ich da rauskommen sollte. Bis dahin war alles nach Plan gegangen, so wie ich es wollte und mir beruflichem Erfolg.
 
Dazu kam privater Wohnungsumzug und der Tot meiner Mutter.
Alle Veränderungen zusammen jedoch waren schwer zu ertragen. Die Woge hatte mich wirklich unter Wasser gezogen.
Ich habe  damals durch Zufall eine Reportage über Pater Anselm Grün und seine Schwester, Linda Jarosch gehört zu ihrem gemeinsamen Buch „Königin und wilde Frau“. Darin werden die weiblichen Archetypen beschrieben und ich dachte: wow, all das kannst Du sein – und bist Du! Ich sah auf einmal die Oberfläche wieder und begann, mich frei zu schwimmen.

Weiblichen Archetypen sind:  
Archetypen: C.G. Jung eingeführt in Psychoanalyse

1. Die Königin, ihr Prinzip ist Führung, ihre Stärke die Souveränität, ihre Schwäche die Selbstherrlichkeit.

2. Die Kriegerin, ihr Prinzip ist Kämpfen, ihre Stärke die Überzeugungskraft, ihre Schwäche Überwältigung.

3. Die Heilerin, ihr Prinzip ist Dienen, ihre Stärke dienend gestalten, ihre Schwäche servil angepasst zu sein.

4. Die weise Alte, ihr Prinzip ist Leiten und Mitteilen, ihre Stärke Ausdruckskraft, ihre Schwäche die Redseligkeit

5. Die Künstlerin, ihr Prinzip ist Gestalten, ihre Stärke die Schaffenskraft, ihre Schwäche gekünstelt werden.

6. Die Priesterin, ihr Prinzip ist etwas Höherem dienen, ihre Stärke Barmherzigkeit, ihre Schwäche der Übereifer.

7. Die wilde Frau, ihr Prinzip ist Unabhängigkeit, ihre Stärke instinktive Intuition, ihre Schwäche Rücksichtslosigkeit.

Debora die Richterin
Esther die Königin
Eva die Mutter
Hagar die Verlassene und vom Engel geschützte
Judith die Kämpferin
Lydia die priesterliche Frau
Maria Magdalena die leidenschaftlich Liebende
Maria die WAndlerin
Marta und Maria die Gastgeberin und die Künstlerin
Mirjam die Prophetin
Ruth die Fremde
Sara die Lachende
Tamar die wilde Frau

Auch die Männer haben diese Archetypen
Der Heiler
Der Krieger
Der wilde Mann
Der Liebhaber
Der Mystiker/Magier
Der König
Der Vater

Ich bin danach bei der Deutschen Bank geblieben und habe neue Aufgaben übernommen.

Durch diese Erfahrungen wurde mir bewusst, dass es gar nicht so schlimm ist , wenn man ins kalte Wasser geworfen wird– solange man weiß, seine Kräfte einzuteilen.  Wir Frauen können dies, denn in uns schlummern viele Eigenschaften, die uns Ausdauer verleihen in solchen Situationen und  auch bei den plötzlichen Veränderungen im tagtäglichen Leben (Männer brauchen dafür Ihre Sekretärinnen...)
Plötzlich fällt die Schule aus, plötzlich funktioniert das Auto nicht, mit dem ich die Kinder abholen muss, plötzlich wird ein Kollege krank,  plötzlich kommt mein Mann auf die super Idee: lass uns mal eben übers Wochenende wegfahren, aber bitte plane Du es, usw

Meine persönlichen Erfahrungen brachten mich zum Nachdenken und haben mein Interesse geweckt. Ich wollte wissen, wie Menschen mit Veränderung umgehen – bewussten und unbewussten. Wie groß ist die menschliche Bereitschaft zur bewussten Veränderung? Kann ich die unvorhergesehene Veränderung verhindern. Oder brauche ich erst eine Krise? Oh mein Gott!

Wie kann ich bewusst die Schritte der Veränderung planen, damit ich mich sicher fühle dabei – solange ich auch damit rechne, dass der Wind sich auf einmal drehen kann (haben wir häufig im Norden- der Wind weht einem immer entgegen – insbesondere beim Fahrrad fahren).

Rational, indem ich mir die typischen Stufen der Veränderung vorstelle:
Abwehr, Bewusst werden, Vorbereiten, Handeln, Dranbleiben, Stabilisieren

Emotional haben wir die Herausforderung: wie kann ich aus dem Kreislauf einer sich immer schneller drehenden Weltmaschine ausbrechen – womit ich wieder an der Nordseeküste angelangt bin.
Sie haben sicherlich auch einem  Ort, der Ihnen Ruhe bringt.

Vor allem: ich wollte damit nicht nur mich verändern in meiner Wahrnehmung und Lebenseinstellung, sondern auch anderen Menschen dabei helfen.

Deshalb habe ich eine Ausbildung zum Coach in 2008-2010 und in 2014-2016 ein internationales Studium – nebenberuflich – gemacht, welches akademische Erklärungsansätze vermittelt und auch viele praktische Beispiele geliefert hat – denn meine Studienkollegen stammen aus der ganzen Welt – Afrika, USA, Europa – und haben ganz unterschiedliche Lebensläufe


Ich habe angefangen anderen Menschen bei Veränderungsprozessen zu helfen: bei mir in der Bank, im Rahmen eines Projektes der Stadt Frankfurt welches jungen weiblichen Immigrantinnen mit Studiumabschluss hilft, Jobs zu finden, ich unterstütze junge Unternehmen ihren Weg zu finden und ich arbeite aktuell auch mit  einem jungen Mann aus Syrien.

Mein Mentee aus Kroatien hat mich gefragt: Was machen Frauen, die aus anderen Ländern, Kulturen, Nationalitäten kommen? Haben Sie den Mut Leben zu verändern? Sie sagte mir, dass Männer in ihrer Kultur, die  Gleichberechtigung weniger oder gar nicht unterstützen, häufig nicht an die Zukunft denken.  Es sind die Frauen, die es machen.


Auch ich habe nun vor, mich beruflich umzuorientieren. Ich werde der Bankenwelt langsam den Rücken kehren. Ab August werde ich meine Arbeitszeit auf 70 % reduzieren, um mich neuen Aufgaben zu widmen – mit Menschen gemeinsam positive Veränderungen anzustoßen.

Mein Lebensweg hat mir klar gemacht, dass nicht die Ziele das Wichtige sind – sondern die Erlebnisse auf dem Weg zum Ziel uns zu dem machen, was wir sind. Welches dazu führen kann, dass das Ziel auf einmal ganz anders aussehen kann.

Zum Abschluss ist mir wichtig zu betonen: Wir brauchen Veränderung in gesunden Dosen – wir dürfen und müssen auch nein dazu sagen. Nicht alles ist gut, nur weil es neu ist – es kann auch „alter Wein in jungen Schläuchen“ sein – in Umkehrung des Zitats aus dem Matthäusevangelium.
Innehalten, Rituale die uns erden und unsere Spiritualität leben sind wichtige Gegenpole zu Veränderung.

Vielleicht habe ich Ihr Leben durch meine Ideen ein bisschen verändert! Geniessen Sie es!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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