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Tischreden und Lesekost

Hella Mahler - Gleichstellungsbeauftragte der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Wie politisch ist mein Glaube?

Tischrede zum Frauenmahl am 13. Juni 2014 in Hildesheim

Wie politisch ist mein Glaube?

Ist mein Glaube überhaupt politisch? Darf Kirche Politik machen? Da gehen die Meinungen weit auseinander. Hier meine persönliche Stellungnahme.

Ich lade sie ein: Einen eigenen Menüvorschlag habe ich Ihnen mit gebracht – Lassen Sie sich von der Speisefolge überraschen.

1. Gruß des Hauses: Rote Bete-Carpaccio auf säuerlichem Apfel mit Bittermandelöl

Als Konfirmandin im Konfirmandenunterricht habe ich Ungeheuerliches erlebt. Die Mädchen und Jungen, die große Schwierigkeiten mit Lesen und Verstehen hatten, wurden sonntags vor der Gemeinde bloß gestellt; wir Gymnasiasten - besonders die Lateiner – hatten von vornherein einen Bonus und wurden gar nicht erst abgefragt. Solch eine Ungerechtigkeit – und dass in der Kirche! Ich wollte es anders machen. Ich habe Theologie studiert, um Kirche zu verändern. Einsatz für die Schwachen, Stimme für die Stummen. Jesu Reden und Handeln bietet Orientierung für unser menschliches Handeln. Gott ruft mich in die Verantwortung und schon ist mein Glaube politisch, denn ich kann nicht unpolitisch glauben.

2. Vorspeise: Gemischter Rohkostsalat mit Kräuterbrot

Glauben und Handeln gehören für mich zusammen. Das bedeutet Mut, manchmal unbequeme Wege zu gehen und Dinge beim Namen zu nennen, die unpopulär sind. Auch wer schweigt, handelt politisch. Das hat mit Parteipolitik überhaupt nichts zu tun. Da geht es um die Frage, wie ich mit Macht umgehe – positiv oder negativ, - für unsere Gemeinschaft oder zu meinem eigenen Vorteil. Frauen wollen oft noch mit Politik nichts zu tun haben. Dabei haben sie viel zu lange den Männern das Handeln überlassen. Das ist auch Politik!
 Wie gut, dass im Schöpfungsbericht der Bibel gesagt wird, dass Gott Mann und Frau als seine Ebenbilder geschaffen und damit mit gleichen Rechten ausgestattet hat. Sie sind nicht gleich, aber gleichberechtigt. Mit ihren Gaben und Fähigkeiten haben sie gemeinsam Teil am Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Frauen tun das auf ihre Weise. Und wenn sie sich entschließen, gemeinsam ihre Stimme zu erheben, dann können sie nicht überhört werden. Aus Glauben politisch handeln heißt öffentlich anmahnen z. B. aktuell die Zwangsumsiedlungen in Brasilien zum Bau von neuen Stadien und Hotelanlagen zur Fußball-Weltmeisterschaft etc. oder die Prostitution bei solchen Großveranstaltungen.
Wir Frauen können politisch handeln. Wir Frauen können doch entscheiden, wie und wo wir unsere Kleidung kaufen!
Nicht immer gibt uns die Bibel eindeutige Handlungsanweisungen, aber sie „wirkt wie ein Kompass, nicht wie ein Navi“, wie der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider in der Zeitschrift ‚chrismon’ gesagt hat.

3. Hauptgericht: Himmel und Erde mit Zwiebeln und Speck

Als ich als Pastorin angefangen habe, lautete die Anrede immer: „Liebe Frau Mahler, liebe Brüder“ – auf Schwester wäre keiner gekommen, wir Frauen im Pfarramt waren Brüder im Sinne des Gesetzes. Gleichberechtigung sieht anders aus.

„Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts“, sagt Simone de Beauvoir. Auch Jesus ließ sich davon überzeugen, dass manche Forderungen, die auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar sind, ihre Berechtigung haben. Die beharrliche ausländische Frau, die mit allen Kräften und Argumenten für das Leben ihrer Tochter eintritt, findet bei Jesus am Ende Gehör. „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt Jesus zu ihr.
Mein Glaube hilft mir auch, immer und immer wieder für gleiche Rechte und gleiche Chancen von Frauen und Männern einzutreten. Frauen und Männer sind unterschiedlich – und das ist gut so. Aber beide sollen Zugang zu allen Bereichen des Lebens haben. Und nicht nur das: Neulich sagte ein Bischöfin aus Island: „Es reicht nicht aus, dass Frauen und Männer um einen Tisch versammelt sind. Politik bedeutet, dass die Frauen auch mitbestimmen können, was da angerichtet wird.“

Himmel und Erde – dieses bodenständige, einfache Gericht aus Kartoffeln und Äpfeln steht für mich besonders für das Leben und den Glauben von Frauen.
Frauen kennen beides: die Erdverbundenheit, die Sorge und Pflege, die Not, die Abhängigkeit und Heimatlosigkeit – und den Himmel - die Beziehung zu Gott, die Hoffnung, den Mut zur Veränderung. Und deshalb liegt es nahe, ja drängt sich förmlich auf, aufgrund der eigenen Glaubensüberzeugung zu handeln.
Für mich bedeutet das, Flüchtlinge aufzunehmen und Solidarität zu zeigen, genauso wie sorgsam mit unserer Erde umzugehen als Gottes Schöpfung, auch wenn die Lebensmittel dann teuerer sind, die ich kaufe.
Aber ebenso ist mir wichtig, auch immer wieder in die weltweite Christenfamilie zu sehen und da Protest zu zeigen, wo Frauen in der Kirche und in der Gesellschaft auch heute noch unterdrückt und ausgeschlossen werden. Die Liste politischen Handelns könnten wir jetzt gemeinsam erweitern für den Bereich Organspende, Einsatz für verfolgte, gefolterte und getötete Christen weltweit etc. Sie selbst können das mit Ihren Vorstellungen ergänzen.

4. Nachspeise: Erdbeersoufle mit einem Tropfen Honigsenf

Politisches Handeln ist nicht bequem – und doch kann es mein Leben bereichern, manchmal sogar beleben und versüßen, wenn es uns weiterbringt auf dem gemeinsamen Weg zu mehr Gerechtigkeit im Sinne Jesu – Nachfolge im biblischen Sinn.
Ich lade Sie alle ein: Gehen Sie mit, mit offenen Augen, mit offenen Ohren, bereichern Sie unser Leben durch Ihren politischen Einsatz, getragen vom Glauben an Gottes Liebe. Gehen Sie mit – und geben Sie Ihren Senf dazu.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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