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Tischreden und Lesekost

Dr. Ulrike Offenberg - Rabbinerin


„Sehen und gesehen werden. Frauen gestalten Religion und Politik."
Tischrede beim Frauenmahl in Berlin zum Deutschen Evangelischen Kirchentag am 25. Mai 2017
(mit Pfr. Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Prof. Dr. Dorothea Sattler, Elif Medeni)

Wussten Sie, dass IKEA auf Hebräisch zwei verschiedene Ausgaben seines bekannten Katalogs herausgibt? Der eine ist nahezu identisch mit dem hier in Deutschland üblichen; der zweite ist an ein ultraorthodoxes Publikum gerichtet und enthält keine einzige Abbildung einer Frau oder eines Mädchens, weil der Anblick eines weiblichen Wesens ab einem Alter von drei Jahren unzüchtige Gedanken auslösen könnte. Dem muss abgeholfen werden – indem Frauen unsichtbar gemacht werden!

Sie denken, das gibt es nur in Israel bei einem bestimmten Segment der Bevölkerung? Nein, das gibt es auch hier, und zwar mit Steuergeldern finanziert. Unlängst hat der Deutsche Kulturrat ein 72seitiges Dossier über „Judentum und Kultur“ veröffentlicht, das reich bebildert war. Auf den insgesamt 45 Fotos waren 60 Männer und nur eine Frau abgebildet. Zugegeben, es gab darunter auch eine Drag Queen mit einer sehr weiblichen Anmutung, aber ich würde doch bezweifeln, dass ein als Frau verkleideter Mann die Lebenswirklichkeit von jüdischen Frauen in Deutschland repräsentiert.

Der Wandel der Geschlechterverhältnisse im 20. Jahrhundert hat auch im Judentum seine Spuren hinterlassen. Heute verlaufen die Trennlinien zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen des Judentums nicht mehr entlang der großen theologischen Streitfragen wie Observanz des Religionsgesetzes (der Halachah), um die Gestalt des Messias oder ob der Staat Israel Teil eines göttlichen Erlösungsgeschehens ist. Nein, die Zugehörigkeit einer Synagoge zu einer bestimmten Richtung wird dadurch definiert, ab welchem Alter Mädchen (geschweige denn Frauen!) nicht mehr laut singen dürfen, es geht um Rocklängen und die Höhe der Mechitzah (der Trennwand zwischen Männern und Frauen). Hauptunterscheidungspunkt zwischen orthodoxen und liberalen Synagogen ist die Frage, ob Männer und Frauen zusammen sitzen dürfen, ob es Frauen gestattet ist, Funktionen innerhalb des Gottesdienstes zu übernehmen oder sogar als Rabbinerinnen und Kantorinnen zu amtieren. Zwischen all dem gibt es feine Nuancen, die viel mehr über die Verortung einer Gemeinde aussagen als die Liturgie selbst.

Man könnte meinen, im liberalen Judentum, wo – zumindest in den USA, England und Israel - seit den siebziger Jahren hunderte Rabbinerinnen ordiniert wurden, hätten wir diese Fragen gelöst. Aber nein, in Deutschland stehen wir noch ziemlich am Anfang. Es gibt Synagogen, die sich bewusst dem liberalen Judentum zurechnen, deren Gottesdienstablauf stark reformiert ist und wo keine Observanz von den Mitgliedern erwartet, also alles recht lax gehandhabt wird – mit Ausnahme des Umstandes, dass keine Frau irgendeine religiöse Funktion wahrnehmen darf. Die Begründung dafür? – „Das ist unsere Tradition, das haben wir noch nie so gemacht.“ 2

Wir sind deutschlandweit nur sieben Rabbinerinnen – keine einzige von uns hat einen Vollzeitjob in einer Synagoge, alle halten sich mit mehreren Jobs über Wasser; ich bezweifle, dass es viele männliche Kollegen gibt, die für unsere Gehälter arbeiten würden. Sämtliche Führungspositionen innerhalb des liberalen Judentums sind von Männern besetzt.

Was ist das? Auch wir standen am Sinai! Was macht es so schwierig, die von uns gesellschaftlich gelebten Werte von Geschlechtergleichberechtigung auch in unser religiöses Leben Einzug halten zu lassen? Gewiss, Religionen sollen ewige Werte repräsentieren, darum werden Neuerungen beargwöhnt. Aber warum wird gerade der Ausschluss von Frauen als ewiger Wert gehandelt, den es zu verteidigen gilt? In Ländern, in denen schon seit mehr als 40 Jahren Rabbinerinnen amtieren, hat die Entwicklung gezeigt, dass die Öffnung von Gemeinden und religiösen Institutionen in Richtung Geschlechtergleich-berechtigung dazu geführt hat, dass auch andere sogenannte Randgruppen wieder Anschluss an die Synagogen fanden, jüdische Organisationen wurden wie selbstverständlich inklusiver, die Hierarchien flacher.

Das ist eine enorme Bereicherung – und ebenso eine Grundbedingung für den Fortbestand des Judentums in einer pluralistischen Gesellschaft. All unsere Vorgängerinnen hatten es nicht leicht, auch sie haben mit enorm vielen Frustrationen zurechtkommen müssen, die besonders dann schmerzen, wenn sie aus einer Ecke kommen, die man doch für Verbündete hält. Als ich meine Smichah, meine Ordinationsurkunde, einrahmte, um sie in meinem Arbeitszimmer aufzuhängen, brach das Glas in einer Ecke. Ich wollte mir erst noch einen neuen Rahmen besorgen, aber dann dachte ich, dass das doch nun wirklich ein jüdisches Symbol ist: Wir lassen eine kleine Ecke eines Hauses unverputzt und zerbrechen bei Hochzeiten ein Glas als Zeichen der Trauer um die Zerstörung Jerusalems und die Unerlöstheit der Welt. So bleibt mir die Smichah mit ihrem Sprung im Glas stets Ausdruck meines Stolzes auf das Erreichte und Sinnbild des noch nicht Erreichten.

In meiner Studienzeit in Jerusalem habe ich mit israelischen und amerikanischen Rabbinatsstudent*innen zusammen gelernt. Besonders hat mich immer angerührt, wenn bei Gottesdiensten einige der Kommilitoninnen zur Torahlesung aufgerufen wurden mit „Soundso, Tochter von XY und Rabbinerin Z“. Das heißt, sie waren schon die zweite Generation von künftigen Rabbinerinnen - ihre Mütter haben es trotz aller Frustrationen vermocht, ihren Beruf zu lieben und diese Liebe so ausstrahlen zu lassen, dass auch ihre Töchter den Wunsch hatten, diesen Beruf zu ergreifen.

Der Wunsch und auch die Notwendigkeit, jahrhunderte- und jahrtausendealte Traditionen zu bewahren, kollidieren unausweichlich mit unserem Alltag, mit den kulturellen Normen unserer heutigen Gesellschaft. Das zeigt sich besonders markant in der Frage der Geschlechterrollen. Aber es geht dabei nicht allein um das Erstürmen von Männerprivilegien. Indem diese konkrete Anfrage auf Gleichberechtigung aus der Gesellschaft in die Religion hineingetragen wird, kommen auf einmal ganz viele gesellschaftliche Themen in den Blick, denen sich die Religion nicht von sich aus widmen würde. Manchmal erscheint Religion eher getrieben von den rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen, aber wenn wir als religiöse Menschen, die im Hier und Heute leben, diese Fragen aufgreifen, können auch religiöse Antworten und Positionen als enorm kreativ und richtunggebend in die Gesellschaft zurückwirken. Für uns Frauen, die sich weder aus der Religion noch aus der Gesellschaft zurückziehen wollen, gibt es sowieso keinen Weg, dieser Auseinandersetzung zu entkommen. Darum sollten wir ganz selbstbewusst erkennen, welch produktives Potential bei uns liegt, denn mit jedem Sichtbarwerden, mit dem wir unseren Anteil 3 in Religion und Gesellschaft einfordern, machen wir unsere religiösen Traditionen und die Gesellschaft zugleich zukunftsfähig.

Was können wir von Hagar, dieser ausgegrenzten Frau aus Gen. 16 lernen? Klar können wir mit ihr sagen: „Wir wollen auch einen Platz am Tisch der Herrschaft!“. Aber es ist noch mehr als das: Ihre Geschichte ist Teil des Torahabschnitts Lech-Lecha, in dem es um Aufbruch geht, um das Hinter-sich-Lassen von Umständen und Beziehungen, über die man und frau hinauswachsen sollen. Ihr Ausruf, das zum Kirchentagsmotto gewordene
„ראי אל אתה “, ist sprachlich sehr vielschichtig: Es heißt, dass Gott sieht, alles sieht; es heißt zudem: “Ich habe Gott gesehen“ und auch „Du, Gott, siehst mich“. Natürlich finden wir Trost und Ermutigung in der Geschichte dieser Frau, die trotz ihrer geringgeachteten Stellung in der Gesellschaft von Gott gesehen wird. Hagar ist übrigens die einzige Frau in der Bibel, die eine Gotteserscheinung hat und dann einen Ort danach benennt, den Brunnen Lachai-Ro’i. Das ist wirklich bemerkenswert: Sie setzt ihre Erfahrung des Gesehen-Werdens und ihre Dankbarkeit nicht in einen Altar oder einen Tempel um, sondern in einen Brunnen. Sie, die in der Wüste selbst an einer Quelle gerettet wurde, errichtet nun einen Leben spendenden Brunnen für andere. Nur: eine Quelle sprudelt von selbst, bei einem Brunnen muss frau sich erst anstrengen, das kostbare Wasser hinauf zu holen. Auch wir sollen nicht nur klagen, dass wir nicht gesehen werden, sondern die Schätze unserer Traditionen heraufholen und dafür kämpfen, dass wir einfach nicht mehr zu übersehen sind.

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