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Tischreden und Lesekost

Professorin Dr. Hanne-Margret Birckenbach - Professorin für Europastudien

1. Dithmarscher Frauenmahl am 4. Mai 2017
„Frauen feiern Vielfalt“ - Tischrede von Professorin Dr. Hanne-Margret Birckenbach

Was gibt es an Vielfalt zu feiern? Bei einer bunten Blumenwiese ist die Antwort ziemlich klar. Aber Vielfalt unter Menschen feiern? Wäre es nicht vielleicht doch besser, wenn mehr Einheitlichkeit herrschen würde? Wenn wir nur eine Sprache lernen müssten, wenn an allen Schulen mit dem gleichen Lehrplan gearbeitet würde, wenn eine und zwar meine Religion sich durchsetzen könnte, wenn jedenfalls das Protestantische oder das Katholische aus der Welt verschwinden würden? Und ist es nicht eher „die Bestimmung der Frau“, gerade für eine Vereinheitlichung der Lebensformen einzutreten als ihre Vielfalt zu feiern?
Sie vermuten an dieser Stelle richtig ein entschiedenes „Nein“ von mir zu hören. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass Hoffnungen, durch Vereinheitlichung ließen sich die Probleme der Welt lösen, weit verbreitet sind. Nach aller Erfahrung sind solche Hoffnungen unrealistisch illusionär. Und sie sind gefährlich. Wann immer versucht wird, Vielfalt zum Verschwinden zu bringen, werden Menschen und das, was ihnen wichtig ist, als nicht zugehörig gebrandmarkt und von der Gestaltung des Zusammenlebens ausgeschlossen. Häufig sind großes Leid, Krieg, Vertreibung und Mord die Folge.
Wo Leben ist, ist Vielfalt. Diese Tatsache konfrontiert uns mit einer Aufgabe. Sie fordert uns, das Zusammenleben so zu gestalten, dass ein Miteinander in Vielfalt, trotz Vielfalt und auf der Grundlage von Vielfalt möglich ist. Wenn solche Friedensstiftung gelingt, gibt es Gründe zum Feiern. Auf fünf Gründe möchte ich genauer eingehen.
(1) Was macht Vielfalt schwierig? Sie ist nicht immer leicht auszuhalten.
Wenn ich meine Augen für die vielfältige Lebenswirklichkeit von Menschen öffne, kommen nicht nur Schönheit und Glanz in meinen Blick. Ich sehe dann auch Ungerechtigkeit, Elend und Gewalt. Ich sehe Kranke, Geflüchtete und Menschen ohne Obdach. Und ich sehe Menschen leiden. Auch sehe ich Lebensformen, mit denen ich nichts zu tun haben will, vor denen ich mich sogar fürchte. Angst- und Ohnmachtsgefühle kriechen in mir hervor. Ich spüre den Impuls, etwas gegen das Leiden sowie gegen meine unguten Gefühle zu unternehmen, „Ich begehre, nicht schuld daran zu sein“ hat Matthias Claudius geschrieben. Solange ich diese Gefühlslagen nicht verstehen, nicht mitteilen und nicht konstruktiv werden lassen kann, ist mir nicht zum Feiern zu Mute.
Wenn ich allerdings Menschen finde, die sich mit mir auf den Weg machen, Vielfalt in ihrer Fülle, also gerade auch mit ihren angstauslösenden Seiten wahrzunehmen, und wenn daraus eine Initiative entsteht, Leid zu mildern oder seiner Entstehung vorzubeugen, wenn ich also nicht allein gelassen bin, gibt es einen ersten Grund zu feiern.
(2) Dabei gilt es, nichts zu beschönigen. Eine Welt, die sich rasant verändert, in der so viel ständig anders wird, und in der immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen und Ordnungsvorstellungen zusammentreffen, eine solche Wirklichkeit ist alles andere als konfliktfrei. Diese Tatsache gilt nahezu überall, in den Familien, in den Gemeinden, zwischen Regionen und Staaten. Vielfalt können wir nur dann positiv erleben, wenn wir darauf vertrauen können, dass diese Spannungen nicht eskalieren, wenn die Beteiligten einander deutlich machen können, was sie brauchen, wenn sie auch hören können, was andere brauchen und wenn sie um Lösungen ringen. Wenn dies eintritt, sehe ich einen zweiten Grund zum Feiern, nämlich die Erfahrung, wie trotz Konflikt und im Konflikt Verständigung konkret möglich sind.
(3) So etwas gibt es tatsächlich, und die meisten von Ihnen werden davon berichten können. Ich erwähne ein Beispiel aus meinem Erfahrungsbereich als Ehrenamtliche in einem Deutschkurs mit Geflüchteten. Einmal bemerkte ich, wie zwei Männer während des Unterrichts miteinander tuschelten. Das hat mich gestört. Ich habe nachgefragt: „Was gibt es da zu tuscheln?“ Ich sah niedergeschlagene Blicke, dann ein verschämtes Grinsen, bis einer der Männer schließlich fragte: Nehmen Deine Augen immer die Farbe Deines Pullovers an? Ich trug tatsächlich einen blauen Pullover. Ganz in meiner Rolle, ergriff ich sogleich die Gelegenheit, die Farbvokabeln zu wiederholen – und erklärte: „Menschen haben blaue, grüne und braune Augen, ich habe blaue, ihr habt braune Augen“. Prompt folgte der Widerspruch. „Wir haben schwarze Augen“. Und dann schauten wir einander so tief in die Augen wie nie zuvor. Ich musste zugeben, die Männer hatten Recht. Ich hatte solche schwarzen Augen bisher nicht gesehen. An diesem Tag habe ich begriffen, dass ich für diese Männer ähnlich fremd war, wie sie für mich – und dass dies für alle die vielen Menschen gilt, denen ich in Bus und Bahn und auf der Straße täglich begegne. Während ich an den Geflüchteten immer ein wenig vorbeigeschaut hatte, hatten sie mich angeschaut und ausgesprochen, was sie wirklich bewegte – Es war nicht die deutsche Grammatik. Es war die Frage: Was ist das für eine Frau, deren Augenfarbe mit der Farbe ihres Pullovers übereinstimmt? Ist das wie bei einem Chamäleon? Wir haben gelacht. Und ich habe verstanden:
Wenn Hinsehen, Fragen und Antworten zur Begegnung und zur Entdeckung von Unbekanntem führen, gibt es einen dritten Grund zu feiern.
(4) Ich habe auch Situationen erfahren, die für mich schwieriger waren.
„Warum erschießt ihr uns nicht einfach, wenn ihr uns doch nicht wollt?“
sagte ein Geflüchteter aus Ghana zu mir, nachdem wieder einmal viele Menschen im Mittelmeer ertrunken waren. „Ihr belehrt uns über Menschenrechte. Das ist Trug, uns hilft nur Allah“. Ich war über seine Frage erschrocken, habe mich geschämt und mich zugleich ungerecht behandelt gefühlt. Der Mann meinte vermutlich nicht mich persönlich, aber doch die Gesellschaft, der ich angehöre, ihre gewählten VertreterInnen und die vielen BürgerInnen, die das Sterben im Mittelmeer geschehen lassen, obwohl sie doch durch das Grundgesetz verpflichtet sind, die Würde jedes Menschen und nicht nur der Deutschen zu achten. Aber dann dachte ich auch: Wie mutig ist es, dass er mir gegenüber seine Gedanken ausspricht und mich so sehr herausfordert, und welch eine Chance, dass wir einen Raum und die Zeit haben, offen anzusprechen, was sich ändern muss, wenn wir die Werte Menschwürde und Mitmenschlichkeit ernst nehmen wollen.
Viele Menschen haben inzwischen Gelegenheiten, genutzt und es schätzen gelernt, sich mit zunächst fremden Menschen aus Asien, Afrika und Osteuropa zu auszutauschen. Überall wo es gelingt, Raum und Zeit für Begegnungen zu schaffen, das gesellschaftliche Leben auf Vielfalt neu einzurichten und eine Infrastruktur zu schaffen damit Vielfalt gedeihen kann, gibt es einen vierten Grund zu feiern.
(5) Was ich bisher gesagt habe, gilt auch für die große Politik. Die Flüchtlingspolitik zum Beispiel neigt zur Einfalt. Denn sie reklamiert das Recht zu entscheiden, welcher Mensch passt und welcher nicht.
Gleichzeitig halten aber doch sehr viele Bürgerinnen in nahezu allen Berufsgruppen und vielen Vereinigungen, Kirchen und Moscheen dagegen. RechtsanwältInnen, Sozialarbeiter und Ärzte, Künstlerinnen, Studierende, Rentnerinnen und Seeleute haben Geflüchtete ungeachtet ihrer Dokumente als Menschen erkannt, sie versorgt, sie begleitet, ihre Nähe gesucht, ihnen Nähe gegeben, sind mit ihnen ins Gespräch gekommen und haben neue Freundschaften geschlossen. Das hat die Gesellschaft ein wenig verändert. Manche Tür ist gegen die Abwehrpolitik der Regierung geöffnet worden. Ganz nebenbei ist mancher Missstand bewusst und in einigen Fällen auch behoben geworden. Es betrifft die Einsicht, dass Reformen im Bereich der Verwaltung, die Einsicht, dass Wohnungsbau, Bildung, Ausbildung und Erwerbsarbeit notwendig sind und dass Regeln und Haltungen für ein gutes Zusammenleben gestärkt werden müssen. Es geht um ein „No-Go“ von direkter Gewalt, es geht um die Stärkung von Menschenrechten, von Rücksichtnahme, sozialem Ausgleich, Teilhabe und eine Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung.
Es gibt weiterhin mächtige Gegenkräfte. Sie bedienen eine breite Angstbasis in der Bevölkerung, stützen sich auf diese Angstbasis und schüren sie, wo doch „Ent-ängstigung“ und Ermutigung notwendig sind.
Noch ist ungewiss, ob wir rückblickend eines Tages von einem Schub für die Friedensentwicklung in Politik und Gesellschaft sprechen können.
Es lohnt sich dafür einzutreten, denn aussichtslos sind diese Anstrengungen Vielfalt zu leben und dadurch die Gesellschaft zu verändern nicht. Ich bin dankbar, Teil dieser gesellschaftlichen Lernbewegung zu sein und daran mitwirken zu können, durch Erfahrung mit Vielfalt, viel zu lernen. Ich fasse die wesentlichen Punkte zusammen:
Zu sehen, was schön ist, aber auch
(1) zu lernen, die Augen offen zu halten, um Leiden konkret zu mindern und ihm vorzubeugen,
(2.) zu lernen, dass Verständigung und Dialog damit beginnen, einander wahrzunehmen,
(3.) zu lernen wie Begegnung auch im Konflikt möglich ist und
(4.) zu lernen, wie menschenfreundliche Veränderungen eingeleitet werden können.
Dass ein solches Lernen möglich ist, täglich geschieht und Frieden stiftet, möchte ich fünftens heute mit ihnen feiern.

 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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