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Tischreden und Lesekost

Dr. Waltraud Bretzger - Diplom-Chemikerin, Mitglied der Württembergischen Evangelischen Landessynode, Heidenheim

Tischrede für das Frauenmahl in Böblingen am 2. November 2014


„Warum aus einem Sperling keine Nachtigall werden kann - wie Hormone das Leben steuern“


„Warum aus einem Spatzen keine Nachtigall werden kann oder wie Hormone unser Leben beeinflussen, das ist mein Arbeitstitel für den heutigen Abend 


Liebe Teilnehmerin  des Frauenmahls, liebe Herren im Service!


Bin ich eine Frau oder ein Mann, und wenn ja, warum ist Mann respektive Frau, so, wie sie ist, und was bedeutet das?  


Ich lade sie heute ein, sich auf einen neuen Aspekt der Genderforschung einzulassen. Bei mir ist das Interesse aus der  Not heraus geboren und ich stelle es Ihnen vor, damit wir klug werden. 


Ich bin ein Landei, geboren in Stuttgart,  aufgewachsen in Stetten auf den Fildern, unter der Weidacher Höhe, dort wo die Flugzeuge schwer aufsteigen, bevor sie Kurs auf die weite Welt  nehmen.

Aufgezogen hat mich meine Oma mütterlicherseits. Die Dorfgemeinschaft nannte sie  respektvoll „koi Guade“  sie war schmalgliedrig, resolut, zupackend und hat die Familie während der langen Kriegsgefangenschaft ihres Mannes über Wasser gehalten. 


Meine Mutter Ruth, die „langfuassig Wörn“ – für Zugezogene der schwäbische Fuß reicht locker hinauf bis zum Becken-  sie hat keine Puppen mehr aus ihrer Jugend.  Alle wurden von ihr seziert  und dann von der Oma  im Kachelofen verfeuert. Sie  konnte laufen und Schlittenfahren wie der Teufel  und nach Ausscheidungsrennen gegen die Buben kam sie des Öfteren blutend nach Hause. 

Eine kurze Lederhose für den Alltag, vermackte Knie von diversen Hinfällen beim „Räuber und Bolle“-Spielen,  ein zorniges Gesicht, nicht nur weil‘s Ärger gab, wenn die weiße Strumpfhose zum Sonntagskleidchen wieder Löcher oder Grasflecken hatte, das sind Abbilder meiner Jugendzeit. 


Meine Kusinen badeten ihre Puppen. Ich brachte Ameisen das Schwimmen bei oder ergründete wie viele  Amputationen bei ihnen letztendlich  zum Tode führten. Bei kostenpflichtigen Maischerzen war ich immer mit am Start. Meine besten Freundinnen hießen Harald, Jürgen, Roland und Peter und ich konnte genauso weit Steine werfen wie sie und fangen ließ ich mich schon gar nicht. 

Klar, „ der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“  werden sie jetzt denken und irgendwie stimmt das auch: wir drei Frauen ticken anders als unsere Geschlechtsgenossinnen,  wir werden und wurden immer als weniger  ladylike empfunden.  

Unterschiedlichste Lebensumstände, in den zwanziger, dreißiger, sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, unterschiedliche Bildungsbiographien vom  Hauptschul-Abschluss bis hin zur promovierten Akademikerin, aber ein verbindendes Merkmal:  unsere Fingerlängen. 

Denn: An ihren Fingern sollt ihr sie erkennen, die Männlein und die Weiblein nämlich.


Und das ist kein Scherz!


Bereits vor 250 Jahren hat Giacomo Casanova von sich gesagt: „Meine Hand ist so geformt wie die aller Abkömmlinge Adams. Der Zeigefinger ist kürzer als der Ringfinger.“  

Heute reden wir vom 2D:4D-Verhältnis. Der 2d ist der Zeigefinger, der 4d der Ringfinger der rechten Hand. 


Ist der Zeigefinger kürzer als der Ringfinger, spricht man von einer typisch männlichen Einstellung, gleichgroße Fingerlängen oder ein kleinerer  Ringfinger als Zeigefinger sind typisch weiblich. 

Dreimal dürfen sie raten wie männlich meine, die meiner Mutter und Omas rechte Hand aussieht!

Es sind jüngere Forschungsergebnisse aus Amerika, von der University of  Florida, die zeigen, es gibt ihn, den  Zusammenhang zwischen äußeren Merkmalen als sichtbaren Aspekt und der  menschlichen  Gehirnprägung in der vorgeburtlichen, pränatalen Phase.

Und wer ist schuld daran: die Hormone! 

19 Gene haben Forscher identifiziert, die den Körper und das Gehirn eines ungeborenen Kindes sensibel machen für männliche und weibliche Geschlechtshormone. 

So um die siebte Schwangerschaftswoche entsteht der Geschlechts- und Ausscheidungstrakt. Es entscheidet sich, ob aus dem geschlechtsneutralen Embryo unter dem Einfluss vonTestosteron je nach Menge der Ausschüttung bei viel  ein Junge oder bei weniger  ein Mädchen sich entwickelt.

Etwa zum selben Zeitpunkt beginnt auch das Wachstum von Finger- und Zehenknospen und dort sitzen die gleichen Hormon Andockstellen, die von ähnlichen Genen gesteuert werden. Auch das Gehirn entwickelt sich unter dem Einfluss der Geschlechtshormone verschieden. 


Studien weisen darauf hin, dass Kinder, die im Mutterleib mehr Testosteron abbekommen haben,  ein typisch männliches Gehirn entwickelten. In der Ausprägung heißt das, sie sind  sprachlich weniger begabt und weniger einfühlsam, sie haben ihre Stärken  eher im systematisch-analytischen Denken. Sie laufen schneller, leiden weniger unter Essstörungen und sind im finanziellen wie im richtigen Leben risikobereiter. Frauen fechten dann besser und Männer spielen in höheren Ligen Fußball.


Gleichzeitig mit der Bildung von Nervenzellen beginnt das Gehirn auch eine grobe Vernetzung wichtiger Zentren z.B. Sehen, Hören, Bewegung. 

Wenn also ein weiblicher Fötus im Fruchtwasser einer deutlich höheren als der normalen Konzentration  des Männlichkeits-Machers Testosteron ausgesetzt ist, dann entwickelt sich das Gehirn in die eher typisch männliche Richtung. Etwa hin zu einer besseren räumlichen Orientierung. Im Alltag heißt das z.B.:   Frau kann dann besser gut einparken! Stimmt, ich  kann auch deutlich besser Straßenkarten lesen als mein Mann und finde aus jedem Straßenlabyrinth in der Stadt leicht wieder heraus.


Das männlichste aller Gehirne, das man sich vorstellen kann, wäre das eines Autisten. Der Autist lebt in einer Welt mit festen Regeln und Ritualen, ohne Einfühlungsvermögen und Empathie für andere, nur klare systematische Denkprozesse sind sein Ding.

„Ich mach mein Ding, egal was die anderen sagen“, singt deshalb Udo Lindenberg. Kleiner Scherz am Rande: Ich meine, ein biss‘le Autismus steckt in jedem unserer Männer! Klar deshalb auch, das Patriarchat ist eine männliche Erfindung.

Zur Ehrenrettung sei aber gesagt: es gibt sie auch die weibliche Autisten, allerdings deutlich weniger.

Zwischen den Extremformen dieser geschlechtsspezifischen Gehirne gibt es viele Zwischenstufen. Und die von ihren männlichen Geschlechtsgenossen viel geschmähten „Weicheier“ oder „Warmduscher“, sie waren eben einer embryonalen Östrogendusche im Fruchtwasser ausgesetzt. „Frauenversteher“  verstehen Frauen  deshalb besser, weil sie ein  ähnliches Gehirn haben.


Damit wir klug werden… was lernt uns also das Gesagte? 


Prima facie, dass wir vielleicht doch nicht so ganz unter uns Frauen sind hier und heute beim Frauenmahl. Wenn wir, sie und ich, nach der allgemeinen Inspektion unserer Fingerlängenverhältnisse der rechten Hand, die ich hiermit anregen möchte, wenn wir dann alle zusammenlegen, da bin ich mir sicher, dass wir vielleicht auf einen halben Mann mehr im Saal kommen werden. 

Mein männliches Gehirn appelliert zudem: wir sollten unsere Normen und Denkschemata überprüfen, anhand deren wir einschätzen, was als normal oder typisch zu gelten hat für Jungen oder für Mädchen. Die Grenzen sind fließender als wir glauben, denn das Gehirn redet beim Geschlecht mit.

Die Macht der Hormone, sie machen keinen Spatzen zur Nachtigall, aber sie sind der Grund, dass in mancher Frau weitaus mehr Mann steckt als auf den ersten Blick zu erkennen und weshalb manche beste Freundin ein Mann ist. 


Und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Hände- und Fingerlängencheck auch im Lichte der jeweils eigenen Biographie! 


Frau und Herr Dr. Bretzger dankt für Ihre Aufmerksamkeit! 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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