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Tischreden und Lesekost

Christina Brudereck - Theologin und Poetin

Krefeld-Viersen, 16.10.2011


Ich komme aus Essen. Sie wissen ja, was Gott rief, als er das Ruhrgebiet schuf? „Essen ist fertig“. Ich komme aus Essen. Auch am Welthunger-/Welternährungstag. (In dieser Welt ist die Zerrissenheit eine ständige Begleiterin.) Ich komme aus Essen und ich gehe gerne essen. Ich koche auch gerne. Oft bringt mich diese Welt zum Kochen. Und das Kochen bringt mich dann oft zum Beten. Schnippeln, Rühren, Abschmecken hat etwas Meditatives für mich. Gäste zu haben ist mir heilig. Selber zu Gast sein, genieße ich meistens sehr.


Neulich sitze ich mit meiner Freundin Nicola im Café Oliv, Zuhause in unserem Stadtteil. Hier gibt es das beste indische Massala-Curry-Gemüse außerhalb Indiens. Da sagt sie: Hat die Seele auch Hunger? Was meinst du? Ich habe das Gefühl, ich habe gut gegessen, aber ich bin noch nicht satt. Satt, aber hungrig. Sehnsucht meldet sich zu Wort. Solange bis sie gestillt ist.


Die Kirche war für mich schon oft und immer wieder ein Ort, an dem ich meine Sehnsucht teilen konnte. Den Hunger nach Gerechtigkeit. Den Durst nach Schönheit. Den Wunsch, Verwobenheit zu erleben. Achtsamkeit zu üben. Oft habe ich in der Kirche eine besondere Trostkraft erlebt; und auch versucht, sie selber zu vermitteln.


Die Kirche war aber auch immer wieder Mal ein Ort, an dem ich nicht satt wurde. Mich abgespeist fühlte. Ich kam mit Durst. Man hat mir die Zusammensetzung von H2O erklärt. Aber ich habe nichts zu trinken bekommen. Das drückte der große persische Dichter Hafiz einmal so aus: Warum Gottes Speisekarte nur studieren? Menschenskinder ‐ lasst uns essen.“ (Mein Herz im Spiegel deiner Augen, S. 47)


Oft habe ich erlebt, dass Frauen in der Kirche ihr Vermissen teilen. Ihre Träume, ihren Wunsch nach Segen und Frieden, für ihre Seele, für ihre Kinder, für alle Kinder von Familie Mensch. Wie sie schufen, was ihnen fehlt, (in der Kirche wie in dieser Welt): Sinnlichkeit und Tiefe, Ausdrucksformen, die jenseits der Worte liegen oder Worte, die nicht herrisch daherkommen; Demokratie, wahre Beteiligung, Ermutigung zum Kühnen. Und dass „Kosten“ nicht nur Geld und Rechnen meint, sondern auch Probieren und köstliches Experiment.


Oft habe ich meine Sehnsucht auch an anderen Orten geteilt: zum Beispiel im „Spirituellen Kochkurs“.

Ich denke an einen Abend. Djamila bereitete Cous‐Cous zu. Es duftete verführerisch. Sie geriet ins Erzählen beim Kochen: „Perser sind so gastfrei, dass man oft schon von den Vorspeisen satt wird. Wie oft hat meine Mutter das Hauptgericht wieder zurück in die Küche gebracht...“ Djamila. Ihr Name bedeutet „die Schöne“. Ihre Heimat ist Shiraz, in Fars, im südlichen Iran. Das Erzählen brachte sie ins Erinnern: „Wo ich herkomme – meine Stadt – ist berühmt für ihre Gärten und die Rosenzüchtungen. Und für den Wein, die Reben sind süß und schmecken nach dunklen Beeren. Und die berühmtesten persischen Dichter sind hier begraben. Wusstet ihr das?“ Einige sagten, nein, unsere Bilder von Deiner Heimat sehen anders aus. Staubiger. Djamila nickte, lächelte, zwinkernde Tränen in den Augen, Cous‐Cous an den Fingern. Da legte Shanti den Arm um sie. Ihr Name bedeutet Friede. Nicola, intuitiv wie sie sein kann, berührte kurz die Klangschale. Da – neigten wir alle den Kopf. Wir schwiegen. Als wir wieder aufsahen, trafen sich unsere Blicke. Der Moment war heilig. Wir haben verschiedene Namen für Gott. Aber wir waren uns einig und nah. (Charda seufzt tief. Ihr Name bedeutet, das erzählt sie immer mit Stolz, Ausreißerin.) Und Djamila flüsterte: Liebgewinnen ist ein gutes deutsches Wort.


Würde die Welt doch öfter gemeinsam essen, denke ich, sie würde, nahezu unvermeidlich gemeinsam beten. Und könnte so auch lieben lernen. Intuitiv, wie sie sein kann.


Essen, beten, lieben. Eat, pray, love. Gott... Gespeist, gepilgert, geküsst. Ich wünsche mir eine Kirche, in der wir Hunger und Durst teilen. In der wir beten. Und Gott verschiedene Namen geben. Eine Kirche, die uns dabei unterstützt, Liebende zu werden.


Eine Kirche, die nicht Familie als Ideal fordert, sondern familiäre Räume schafft. Eine Kirche, für die sich Tischgemeinschaft nicht erschöpft im Abendmahl, in einem Bissen Brot und einem Schlückchen Wein; eine Kirche, die Gastfreundschaft übt. Sie muss sie nicht perfekt beherrschen, aber üben. Weltweite Gastfreiheit und konkrete vor Ort mit unseren Nachbarinnen. Von außen sind wir verschieden, aber innen, innen haben wir alle ein Herz. Unsere Mütter sind alle Mütter.


Wenn meine Großmutter kochte, dann erzählte sie Geschichten. Sie konnte vom Hunger erzählen und davon, wie Worte satt machen. Vom Krieg und wie ein Riegel Schokolade einen Feind zum Schmelzen brachte. Sie wusste von Bücherverbrennungen und dass man Schriftsteller töten kann und nannte manche Worte unsterblich. Sie nährte immer die Hoffnung, dass eine andere Welt auf dem Weg ist. Sie besuchte die Kirche, ja, besuchte sie wie eine alte Freundin. Und war überzeugt: Man bringt etwas mit; wie Blumen oder Pralinen. Man hört nicht nur zu, man teilt, was man hat. Sie mischte sich ein. Sie erntete Erdbeeren und Himbeeren und Erde und Himmel waren ihr heilig. Sie brachte für mich die Welten zusammen. Glauben und Taten. Trotz und Feier. Denn „Worte sind ja gut, aber Hühner legen Eier...“ (Elazar Benyoetz) Manchmal schon kam mir der Gedanke: Sie wäre eine großartige Bischöfin gewesen... Sie sagte: Kochen lernst Du, indem du kochst, und dann merkst, was schmeckt. Mut lernst Du, indem Du mutig bist. Und Gottvertrauen lernst Du auch so: Indem Du Deine Seele Dein Leben lang an diese große Idee gewöhnst.


Schokoladenkuchen mit Pumpernickelmus und Waldbeersauce. Sie hätte das großartig gefunden. (Zucker, schmelzen, verkrümeln, Pump und Ballast mit Beeren... phantastisch.)


Wenn ich überlege, was Djamila und meine Großmutter gemeinsam haben, meine Idealbischöfin und mein Traum von Kirche und Hafiz, meine Schwestern der Trostkraft, mit meinen Freudinnen aus dem Kochkurs: Sie sind großzügig, weitherzig. Und sie sind kühn. Sie kämpfen. Sie arbeiten alle viel und sie können genießen. Sie lieben Familie Mensch. In allen Farben. Sie wissen: Brot allein macht nicht satt. Liebe macht satt.


Daher – liebe Frauen: Eat, pray, love. Fütter Deine Seele mit dem, was wirklich satt macht. Erlaube Gott, Deine Gastgeberin zu sein in dieser Welt. Liebe und lass Dich lieben. Und: Genieße Schokolade – es kann kein Zufall sein: Sie reimt sich mit der Gnade. Und die ist, die hat das letzte Wort.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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