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Tischreden und Lesekost

Christina Brudereck - Theologin und Poetin

Dortmund, 21.2.2014

Dortmunder Frauenmahl // Frauenwege – selbstbestimmt

Die eigene Spur finden – über das Persönliche hinaus


Geist und Genuss und die heilige Emerenzia – das gefällt mir.

Ich muss Ihnen sagen: Ich liebe Essen.

Ich komme ja aus Essen.

Ich koche auch gerne.

Oft bringt mich diese Welt zum Kochen.

Und das Kochen bringt mich dann oft zum Beten.

Rühren, Salzen, Pfeffern, Abschmecken hat etwas Meditatives für mich.

Gäste zu haben ist mir heilig.


Auf meinem Weg als Frau kann ich außerdem sagen:

Ich gehe auch gerne essen.

Gast zu sein, genieße ich meistens sehr.


Da musste ich sofort wieder an eine Erfahrung mit meiner Großmutter denken:

Als ich sie einmal besuchte, schlug ich vor:

„Wir könnten ja heute Abend Mal essen gehen.“

Ich wollte sie ausführen, in ein schönes Restaurant, mit Speisekarte und Bedienung.

War mir aber nicht sicher, wie ihr diese Idee gefiel.

1901 geboren. Ob sie das vielleicht als zu großen Luxus empfinden würde.

Aber sie sagte: „Das ist eine sehr gute Idee.

Die Hilla macht einen ganz großartigen Möhreneintopf.

Aber wir sollten morgen Abend gehen.

Denn die Hilla wird sagen:

‚Er schmeckt besser, wenn er einen Tag auf dem Herd stehen durfte.’“


Essen gehen – da dachte meine Großmutter an eine Freundin.

Von der wir uns ein Lieblingsessen wünschen.

Eins, das die andere besonders gut kochen konnte.

Ein einfaches vielleicht, das aber als besonders lecker bekannt war.

Essen gehen... Meine Großmutter sagte auch Zeit ihres Lebens,

wenn sie sonntags zum Gottesdienst ging:

„Heute besuche ich die Kirche.“

Auch das klang immer so, als würde sie eine gute, alte Freundin besuchen.

Der man natürlich etwas mitbringt. Blumen, Pralinen, ein Gedicht.

Ein paar Worte des Herzens. Zeichen der Zuneigung.

Kirche: Da hörst Du nicht nur zu, Du hast selber Stimme; bist selbst-be-stimmt.

Frauenwege: Sie mischte sich ein. Teilte, was sie hatte. Und was vermisste.

Kirche: Sie freute sich auf den Besuch.

Sie ging mit schönen Kleidern.

Das „Sich-schön-Machen“ war mit dem Sonntag verbunden, mit Feier, mit Ritual.

So war sie schon vorher frisch gestärkt. Und nachher erst!

Frauenwege: Viel Freiheit, für die sie gekämpft hat, hat weitere Freiheit geboren.

Meine Großmutter wäre stolz und glücklich.

Und ihr Beispiel mahnt mich, mutig weiterzugehen:

* Solidarisch, dabei lernen, kluge Bündnisse weben & immer wieder Grenzen überwinden!


Essen gehen, Wege gehen und die Kirche – wie geht die?

Ich kann sagen:

Wenn ich keine Kirche erlebe, fehlt mir etwas.

Wenn ich Kirche erlebe, fehlt mir erst Recht etwas.

Und das ist das Schönste, was ich über die Kirche sagen kann.

In der Kirche wird meine Sehnsucht größer und meine Hoffnung.


Die Kirche war für mich schon oft und immer wieder ein Ort,

an dem ich meine Sehnsucht teilen konnte,

den Hunger nach Gerechtigkeit, den Durst nach Schönheit,

den Wunsch, Verwobenheit zu erleben, Achtsamkeit zu üben.

Raum auch für meinen unbändigen Zorn. Und für große Fragen.


Oft habe ich erlebt, dass Frauen in der Kirche teilen:

Ihre Träume, ihren Wunsch nach Segen und Frieden, für ihre Seele,

für ihre Kinder, für alle Kinder von Familie Mensch.

Sinnlichkeit und Tiefe,  

Ausdrucksformen, die jenseits der Worte liegen.

Worte, die nicht herrisch daherkommen;

Demokratie, wahre Beteiligung, Ermutigung zum Kühnen.

Und:

Dass „Kosten“ nicht nur Geld und Rechnen meint,

sondern auch Probieren und köstliches Experiment.


Kirche: Sie kann uns mithineinnehmen in die ur-alten Erzählungen:

vom Essen und vom Gehen.

Brot gebacken für unterwegs; Brot geteilt, das alle satt macht.

Ein Tisch, an dem Menschen sich finden aus allen Himmelsrichtungen.

Feier von Geheimnis, Wunder und Verwandlung.

Ein Weg, der Wahrheit ist und Leben, weil er selber sich bewegt und andere.

Die Kirche feiert Gott, unsere große Gastgeberin, die uns erinnert:

Wir alle sind Gäste. Von Geburt an.

Willkommen in dieser Welt. An einem Tisch, den wir nicht gedeckt haben.

Und Sonne, Wind, Liebe, Freundinnenschaft, Brot und Musik sind Teil der Festtafel.  

Und Möhreneintopf. * Und Schokolade.

Sie wissen ja, es kann kein Zufall sein, die reimt sich mit der Gnade.


Frauenmahl, Frauenwege und Kirche.

Wir werden jede unsere je eigene Spur finden.

Der Frauenweg soll selbstbestimmt sein; selbst aufgespürt;

mit unserem je eigenen Gespür für das, was uns satt macht,

wo wir gerne einkehren, wo wir uns betten, was wir singen, wie wir feiern.

Mit welchem Namen wir Gott nennen.

Ich – Theologin, Protestantin, Poetin, Freiberuflerin...

lebe seit fast 20 Jahren in einer Gemeinschaft. (* Kirubai)

Einer Familien-Kommunität, mit Erwachsenen, Kindern und Gästen.

Zu meinem Frauen-Weg hilft mir nicht ein gefordertes Ideal von Familie,

sondern ich brauche familiäre Räume; Freundinnenschaft, Weg-Gemeinschaften,

das weite Dach der Kirche und mein Zuhause:

In dem ich über 100 Nächte im Jahr nicht schlafe.

Und an über 100 Tagen nicht frühstücke, nicht koche, Blumen gieße, einkaufe.

An den ich immer wieder zurückkehren kann.

Und dann koche. Kräuter pflanze im Garten. Wo mein Bett und mein Fahrrad sind. Wo ich den Kindern, die mich „Tante C.“ nennen, Geschichten erzähle.

Von Pippi, Momo, der kleinen Hexe und von unterwegs.

Ich bin selber leider keine Mutter,

aber die meisten Kinder auf dieser Welt sind ja nicht unsere eigenen.

(Daher passt mir die Kategorie „kinderlos“ überhaupt nicht!

Und dann soll Poesie angeblich auch noch eine „brotlose“ Kunst sein?!

Was die Leute alle zu wissen meinen, was in mir „los“ ist...?!)

Ich brauche Orte, an denen ich reden kann, schweigen, beten, meditieren.

Meinen Weg mit anderen diskutiere.

Wo ich mich bergen kann – und hier mit Sicherheit.


Auf meinem Weg brauche ich Gastfreiheit.

Ich bin angewiesen auf Menschen, die mich bewirten.

Auf Orte, an denen ich einkehren kann.

Manchmal heißen Gästezimmer ja noch „Fremdenzimmer“:

Ich meine ja, in einem Gästezimmer besser zu schlafen.


Auf meinem Weg besuche ich Freundinnen.

Sich Möhreneintopf wünschen zu dürfen, ist etwas sehr Beglückendes.


Auf meinem Weg besuche ich Kirchen.

Ich freue mich, wenn sie offen sind.


In der Gemeinde, vor Ort, in der ich sonntags feiere,

ein Dach finde für meine Seele, heißt es am Anfang immer:

„Willkommen.

Wer auch immer du bist, was auch immer du glaubst,

wo auch immer du dich befindest auf deiner Lebensreise,

wen auch immer du liebst. Willkommen.“


Frauenwege.

Wir werden jede unsere je eigene Spur finden, habe ich gesagt.

Unsere Biografie einbringen, Erfahrung, Begabung, Blick, Profession, Passion.

Intellekt, Mütterlichkeit, Sprache, Handwerk.


Und ich meine dann aber auch:

Es geht über das Persönliche weit hinaus.

Wo wir wünschen, dass alle satt werden sollen,

kann es nicht nur darum gehen, was uns schmeckt.

Wenn wir Frauen nach Wegen suchen, dann werden wir unsere Erfahrungen teilen; die schmerzhaften; die beglückenden;

wo wir uns betuppen ließen, wie wir wahrhaftig sein können und frei.

Wir werden unsere Spuren teilen.

Was uns heilig ist, nicht für uns behalten.

So dass etwas Größeres entsteht; etwas Ganzes.

Nicht nur lauter Einzelspuren, sondern ein Weg, gehbar für viele.  

* Wir sind noch nicht angekommen.


Wenn wir Frauen Kirche sind, dann eine Kirche, die Gastfreundschaft übt.

Sie muss sie nicht perfekt beherrschen, aber üben sollte sie.

Weltweite Gastfreiheit und konkrete vor Ort mit unseren Nachbarinnen.

Von außen sind wir verschieden, aber innen, innen haben wir alle ein Herz.

Unsere Mütter sind alle Mütter.


Wenn meine Großmutter kochte, dann erzählte sie Geschichten.  

Sie konnte vom Hunger erzählen.

Vom Krieg.

Wie ein Riegel Schokolade einen Feind zum Schmelzen brachte.

Sie nährte immer die Hoffnung, dass eine andere Welt auf dem Weg ist.


Sie sagte: Kochen lernst Du, indem du kochst.

Dann merkst Du ja, was schmeckt.

Mut lernst Du, indem Du mutig bist.

Glauben lernst Du auch so:

Indem Du Deine Seele Dein Leben lang dieser großen Idee anvertraust.

In diesem Sinne:

Deinen Weg findest Du, indem Du gehst.

Besser noch: Mit anderen zusammengehst.


Liebe Frauen.

Ich wünsche uns Gespür für die eigene Spur.

Einen kühnen Geist und Großzügigkeit, damit sie weit über uns hinaus geht.

Geistkraft. Und Genuss. Der ist ein Muss. Wie Liebe, Kuss, aus einem Zuckerguss.

Und jetzt ist Schluss mit dem Redefluss.

Aber weiter geht Gott mit uns mit – wie ein guter Appetit.  


© Christina Brudereck


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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