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Tischreden und Lesekost

Christina Brudereck - Schriftstellerin und Theologin

Essen, 28.10.2012


Ich freue mich über ein Frauenmahl in Essen.

Ich liebe Essen. Ich komme aus Essen.

Das heißt im Ausland dann in etwa „I come from a place called food“.

Und wenn ich sage „Ich komme aus Essen“, spüre ich auch manchmal, die denken:

„Ja, das sieht man.“

Aber stellen Sie sich Mal vor, das passiert, wenn Sie aus Deppenhausen kommen...

Oder es gibt auch den Ort Motzen. Und Kotzen.

Dann doch wirklich lieber Essen, hm?


In meinem Frauenkalender las ich,

dass heute der Geburtstag ist

einer italienischen Sängerin; ihr 215. ; sie heißt Giuditta Pasta.


Also: Ich komme aus Essen und ich gehe gerne essen.

Ich koche auch gerne.

Oft bringt mich diese Welt zum Kochen.

Und das Kochen bringt mich dann oft zum Beten.

Schnippeln, Rühren, Abschmecken hat etwas Meditatives für mich.

Gäste zu haben, selber zu Gast sein, genieße ich meistens sehr.

Ja, Gastfreundschaft ist mir heilig.


Im Rahmen der Reformationsdekade kann ich sagen:

Die Kirche war für mich schon oft und immer wieder ein Ort,

an dem ich erleben und teilen konnte, was mir heilig ist:

Gastfreundschaft. Und Gnade.

Mehr, als wir leisten, rechnen, schaffen, kaufen, beweisen können.

Und so ist Gott mir heilig.

Mein Vertrauen, dass es in dieser Welt eine große segnende Kraft gibt,

die wir „GOTT“ nennen können und „Du“.


Gastfreundschaft,

verbunden mit dem Hunger nach Gerechtigkeit.

dem Durst nach Schönheit,

dem Wunsch, Verwobenheit zu erleben. Achtsamkeit zu üben.

Oft habe ich in der Kirche eine besondere Trostkraft erlebt;

und auch versucht, sie selber zu vermitteln.


Wenn ich keine Kirche erlebe, fehlt mir etwas.

Wenn ich Kirche erlebe, fehlt mir erst Recht etwas.

Und das ist das Schönste, was ich über die Kirche sagen kann.

In der Kirche wird meine Sehnsucht größer und meine Hoffnung.


Oft habe ich erlebt, dass Frauen in der Kirche teilen:

Ihre Träume, ihren Wunsch nach Segen und Frieden, für ihre Seele,

für ihre Kinder, für alle Kinder von Familie Mensch.

Wie sie schufen, was ihnen fehlt, (in der Kirche wie in dieser Welt):

Sinnlichkeit und Tiefe, 

Ausdrucksformen, die jenseits der Worte liegen

oder Worte, die nicht herrisch daherkommen;

Demokratie, wahre Beteiligung, Ermutigung zum Kühnen.

Und: Dass „Kosten“ nicht nur Geld und Rechnen meint,

sondern auch Probieren und köstliches Experiment.


Oft habe ich meine Sehnsucht auch an anderen Orten geteilt:

zum Beispiel im „Spirituellen Kochkurs“.


Ich denke an einen Abend.

Djamila bereitete Cous-Cous zu. Es duftete verführerisch.

Sie geriet ins Erzählen beim Kochen:

„Perser sind so gastfrei,

dass man oft schon von den Vorspeisen satt wird.

Wie oft hat meine Mutter das Hauptgericht

wieder zurück in die Küche gebracht...“

Djamila. Ihr Name bedeutet „die Schöne“.

Ihre Heimat ist Shiraz, in Fars, im südlichen Iran.

Das Erzählen brachte sie ins Erinnern:

„Wo ich herkomme – meine Stadt – ist berühmt

für ihre Gärten und die Rosenzüchtungen.

Und für den Wein,

die Reben sind dunkel und schmecken süß und rauchig.

Und die berühmtesten persischen Dichter sind hier begraben.

Wusstet ihr das?“

Einige sagten, nein,

unsere Bilder von Deiner Heimat sehen anders aus. Staubiger.

Djamila nickte, lächelte,

zwinkernde Tränen in den Augen, Cous-Cous an den Fingern.

Da legte Shanti den Arm um sie. Ihr Name bedeutet Friede.

Nicola, intuitiv wie sie sein kann, berührte kurz die Klangschale.

Da – neigten wir alle den Kopf.

Wir schwiegen.

Als wir wieder aufsahen, trafen sich unsere Blicke.

*Der Moment war heilig.

Wir haben verschiedene Namen für Gott.

Aber wir waren uns einig und nah. 

Charda seufzt tief.

Ihr Name bedeutet, das erzählt sie immer mit Stolz, Ausreißerin.

Und Djamila flüsterte: Liebgewinnen ist ein gutes deutsches Wort. 


Würde die Welt doch öfter gemeinsam essen, denke ich,

sie würde, nahezu unvermeidlich gemeinsam beten.

Und könnte so auch lieben lernen. 

Intuitiv, wie sie sein kann.


Essen, beten, lieben.

Julia Roberts hat heute übrigens auch Geburtstag und wird 45.

Eat, pray, love.

Gott. *Gespeist, gepilgert, geküsst.


Ich wünsche mir eine Kirche, in der wir Hunger und Durst teilen.

In der wir beten. Und Gott verschiedene Namen geben.

Eine Kirche, die uns dabei unterstützt, Liebende zu werden.

Eine Kirche der Heldinnen, Halunkinnen, Heiligen...


Eine Kirche, die nicht Familie als Ideal fordert, sondern familiäre Räume schafft.

Eine Kirche, die Gastfreundschaft übt.

Sie muss sie nicht perfekt beherrschen, aber üben.

Weltweite Gastfreiheit und konkrete vor Ort mit unseren Nachbarinnen.

Von außen sind wir verschieden, aber innen, innen haben wir alle ein Herz.

Unsere Mütter sind alle Mütter.


Wenn meine Großmutter kochte, dann erzählte sie Geschichten. 

Sie konnte vom Hunger erzählen und davon, wie Worte satt machen.

Vom Krieg und wie ein Riegel Schokolade einen Feind zum Schmelzen brachte. Sie wusste von Bücherverbrennungen und dass man Schriftsteller töten kann

und nannte manche Worte unsterblich.

Sie nährte immer die Hoffnung, dass eine andere Welt auf dem Weg ist.

Sie besuchte die Kirche. Sie besuchte sie wie eine alte Freundin.

Und war überzeugt: Man bringt etwas mit; wie Blumen oder Pralinen.

Man hört nicht nur zu, man teilt, was man hat.

Sie mischte sich ein.

Sie brachte für mich die Welten zusammen.

Glauben und Taten. Trotz und Feier.

Denn „Worte sind ja gut, aber Hühner legen Eier...“ (Elazar Benyoetz)


Manchmal schon kam mir der Gedanke:

Sie wäre eine großartige Bischöfin gewesen...

Sie sagte:

Kochen lernst Du, indem du kochst, und dann merkst, was schmeckt.

Mut lernst Du, indem Du mutig bist.

Und Gottvertrauen lernst Du auch so:

Indem Du Deine Seele Dein Leben lang an diese große Idee gewöhnst. 

Wenn ich überlege,

was Djamila und meine Großmutter gemeinsam haben,

meine Idealbischöfin und mein Traum von Kirche,

meine Schwestern der Trostkraft mit meinen Freudinnen aus dem Kochkurs:


Sie sind großzügig, weitherzig. Und sie sind kühn.

Was ihnen heilig ist, teilen sie. Statt es für sich zu behalten.

Sie kämpfen. Sie arbeiten alle viel und sie können genießen.

Sie lieben Familie Mensch. In allen Farben.

Sie wissen:

Brot allein macht nicht satt.

Liebe macht satt.


Daher – liebe Frauen:

Erlaube Gott, Deine Gastgeberin zu sein in dieser Welt.

Liebe und lass Dich lieben.


Und, auch wenn es bis zum Nachtisch noch etwas dauert,

aber als Lyrikerin muss ich noch erwähnen:

Genießen wir die Schokolade  –

es kann kein Zufall sein: Sie reimt sich mit der Gnade.


Und die ist, die hat das letzte Wort.


Danke fürs Zuhören.


© Christina Brudereck, Oktober 2012



Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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