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Tischreden und Lesekost

Rosmarie Brunner - Freie Theologin, Kursleiterin, Gastgeberin und Clownin

Bei ihrem Feigenbaum und Weinstock wird jede wohnen ohne Furcht

Tischrede zum Frauenmahl in Gränichen vom 15.8.14 von Rosmarie Brunner


Hier bin ich zu Hause.

Wir sind am Zügeln. In zehn Tagen legen mein Partner und ich unsere beiden

Standorte zusammen. Ankommen, heimkommen – bei mir und beieinander.

Mein Gefühl, mich zu Hause zu fühlen, ist für mich noch ein junges Gefühl –

errungen und geschenkt zugleich.

Ich skizziere Ihnen meinen Weg des Heimkommens:

Kaum war ich auf der Welt, hat mich meine leibliche Mutter in die Fremde geschickt.  

In meiner Adoptivfamilie bin ich exotisch geblieben.

Als junge Frau wollte ich wissen, wer ich bin.

Das Theologiestudium hat mir geholfen, mich und die Welt kennen zu lernen – was

ist wesentlich?

Die Theologie – vor allem die feministische in Theorie und Praxis – hat mir grosse

Weite und Freiheit gegeben und passt gut zu meinem Wesen.

Im Pfarramt blieb ich exotisch.

Nach 25 Jahren Pfarramt habe ich mich selbständig gemacht.

In meiner Abschiedspredigt vor fünf Jahren habe ich diesen Schritt folgendermassen

begründet:

Als Pfarrerin musste ich mitten in der Institution stehen und vom meinem Wesen her

bin ich mehr an den Rändern verortet – diesen Spagat mach ich nicht mehr leisten,

darum gehe ich jetzt an die Ränder der Kirche, dorthin wo die Leute sind, die noch in

oder schon aus der kirchlichen Institution draussen sind.

An diesen Rändern bin ich jetzt.

Meine Selbständigkeit bin ich bei mir selber angekommen.

Nach 25 Jahren als Exotin hat vor fünf Jahren das dritte Vierteljahrhundert meines

Lebens begonnen und ich bin heimisch geworden in meinem Beruf als freie

Theologin und in meiner neu geschenkten Partnerschaft und als angeschmuste

Grossmutter.


Was ist das, das Sich-Zu-Hause-Fühlen?


„Bei ihrem Feigenbaum und Weinstock

Wird jede wohnen ohne Furcht.

Jedes Schwert wird zum Ackerpflug,

jedes Volk hat vom Krieg genug.“  


Wohnen ohne Furcht: Einen Ort zum Leben haben, ein Dach über dem Kopf, eine

wohlwollende Umgebung und genügend Essen und Freude.

Feigenbaum und Weinstock sind Bilder für Arbeit, Sinnlichkeit und Lebenslust.


„Sich-Daheim-Fühlen“ hat mit mir selber zu tun – mit meiner Zufriedenheit UND mit

einer friedvollen Umgebung:

Heimat ist errungen und geschenkt zugleich.

Heimat ist dort, wo ich mich angenommen und geliebt fühle, wo ich in Beziehungen

lebe: Frei und verbunden zugleich.

Heimat ist in mir verortet UND eine Utopie – von utopos (griechisch): kein Ort,

nirgends – ein grosser Wunsch, dass alle Menschen ohne Angst leben können, dass

alle Völker zum Frieden finden.  


Um diesen Segen bitte ich jeden Tag.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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