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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Gunilla Budde - Vizepräsidentin Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

Bildung für alle als Schlüssel zu einer offenen Gesellschaft


1. Welche gesellschaftlichen Herausforderungen halte ich gegenwärtig für besonders drängend?


Unsere Gesellschaft wird immer bunter. In vielfacher Hinsicht. Dies ist eine Herausforderung. Dies ist aber keine Gefahr. Dies ist eine Chance. Denn Anders-Sein macht Gesellschaften dynamisch, bereichert sie. Diese simple wie richtige Botschaft vermittelte schon in den 1960er Jahren der buntkarierte Bilderbuchelefant Elmar des Britischen Autors David McKee. Was schon den Kleinsten bei der Lektüre bald einleuchtet, findet in den öffentlichen Debatten wenig  Resonanz. Vielmehr wird die wachsende Heterogenität als Bedrohung wahrgenommen und diskutiert, als kaum zu bewältigende Herausforderung unserer nahen Zukunft.

Unter den durchweg negativ konnotierten Chiffren Globalisierung, Migrationsgesellschaft, demographische Entwicklung werden Problem-Szenarien entworfen, die einseitig lediglich auf die fraglos auch vorhandenen Schattenseiten und Belastungen dieser Prozesse verweisen. Dies ist m. E. keine gute Ausgangsbasis, um dieser Herausforderung zu begegnen. Vielmehr erscheint es mir unabdingbar, die Potentiale zu erkennen, die die zunehmende „social diversity“ ebenso in sich birgt. Die können sich aber nur als Chancen entwickeln, wenn wir uns und die nachfolgenden Generationen darauf vorbereiten, d.h. ausstatten mit einem Rüstzeug, um die Vielfalt der Gesellschaft als Reichtum und nicht als Last anzunehmen.

Wie sollte dies meines Erachtens aussehen? Zum einen zunächst ein ganz schlichter, den Geist Martin Luthers atmender Rat: Eine grundsätzlich positive Weltsicht und Menschenfreundlichkeit macht es immer leichter, Herausforderungen zu meistern. Wir sollten in den laufenden Diskursen lächelnd den Untergangspropheten gegenhalten, auf positive Erfahrungen mit Heterogenität verweisen. Wir alle haben solche gemacht. Als Historikerin, die ich neben meinem Amt als Vizepräsidentin auch noch bin, weiß ich überdies aus der Geschichte, dass Gesellschaften immer dann florierten, wenn sie Pluralität zuließen, ja förderten. Dagegen dem Abgrund zusteuerten, wenn sie Gruppen diskriminierten, ausgrenzten und verfolgten. Gerade unsere deutsche Geschichte ist ein gravierendes Argument gegen jegliche Form der Nicht-Akzeptanz von Heterogenität.

Zum zweiten und es wird Sie nicht wundern, dass ich als Hochschullehrerin - und im Augenblick auch im Leitungsteam der Universität - neben der positiven Grundhaltung auch Bildung für alle für ein unabdingbares Fundament betrachte für unsere Gesellschaft der Zukunft. Auch wenn die Bedeutung von Bildung als wichtigste Ressource weitgehend im aktuellen Diskurs auf starken Konsens stößt, ist die Bereitschaft, hier ausreichend zu investieren, deutlich weniger ausgeprägt. Unsere Hochschulen sind heillos unterfinanziert und können nur auf Grund der Einwerbung von Drittmitteln Exzellenzstatus gewinnen. Anderen Bildungsinstitutionen geht es nicht anders.

Dabei war Deutschland in diesem Bereich lange Vorreiter und Vorbild. Vielleicht gerade weil in dem deutschen Begriff Bildung gleichzeitig Vieldeutigkeit und Ganzheitlichkeit mitschimmert. Eine Bildung, die auch den altmodisch anmutenden, aber doch so schönen Begriff der Herzensbildung mit umfasst.

Bildung, die den Grundstock legt für die Anerkennung der Andersartigkeit, die Offenheit vermittelt und die Bereitschaft, reale wie imaginäre Grenzen zu überwinden. Wir wissen alle: Bildung schafft Selbstvertrauen, aber auch Fremdvertrauen. Denn die Akzeptanz der Andersartigkeit war schon bei den Aufklärern des 18. Jahrhunderts, die die Bürgerliche Gesellschaft entwarfen, ein Kernelement einer friedlich und freiheitlich konzipierten Zivilgesellschaft. Das Wissen vom Anderen schafft die Basis, dass jeder Mensch – unabhängig von seinen individuellen Talenten, seiner ethnischen wie sozialen Herkunft, seinem Geschlecht oder Alter – in seiner Eigen-Art von der Gesellschaft akzeptiert wird. Größtmögliche

Bildungsgerechtigkeit vervielfältigt die Summe der klugen Ideen, die uns alle befähigen, auf Fragen des Heute und Morgen gute und originelle Antworten zu finden. Sie erlaubt die Partizipation der größten Zahl an der gesellschaftlichen Mit-Gestaltung.

Was braucht es dafür konkret?: Grundlegende Reform bereits der frühkindlichen Erziehung und Pluralisierung und Differenzierung der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher. Niedersachsen macht sich hier gerade auf einen, wie ich finde, guten Weg. Was aber hinzu kommen muss, ist eine größere gesellschaftliche Anerkennung der so wichtigen Erziehungsarbeit bereits vor Schulbeginn und natürlich auch die gebührende Honorierung der Erzieherinnen und Erzieher. Dann wird es auf Dauer

hoffentlich auch wieder gelingen, junge Männer für den Erzieherberuf zu gewinnen. Es ist meines Erachtens kein guter Weg Diversität zu begegnen, wenn die Erzieher selbst immer homogener werden.

Des weiteren: Ganztagsschulen, die keinen Etikettenschwindel betreiben, sondern wirklich ganztägig gute Lehre und Betreuung anbieten. Nicht zuletzt brauchen wir die adäquate Vorbereitung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer auf eine zunehmend buntere Schülerschaft. Und auch unsere Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer müssen gut vorbereitet sein auf eine neue Studierendenschaft der Zukunft. Unter dem Stichpunkt „Offene Hochschule“ hat die Uni Oldenburg dieses bereits seit vielen Jahren aktiv betrieben und die Erfahrung lehrt, dass die Studierendenvielfalt

nach Alter, sozialer Herkunft, Berufsbiographie und Nationalität das Campus-Leben deutlich bereichert.

Dies alles bereitzustellen, wird, Sie können es sich denken, kosten, aber meines Erachtens sind dies überlebenswichtige Zukunftsinvestitionen. Leider wird vielfach die demographische Entwicklung so verstanden, dass wir künftig auf dem Sektor der schulischen Bildung sparen könnten. Das wäre die denkbar falscheste Entscheidung.


2. Welche Impulse für die Gesellschaft erwarte ich von der Kirche angesichts dieser

Herausforderungen?


Ich würde die Kirche durchaus auch als Bildungsinstitution begreifen wollen. Als solche gilt auch für sie, was ich für die klassischen Bildungsinstitutionen oben formuliert habe: Wir brauchen auch hier eine Offenheit, ein Forum der Begegnung und Kommunikation, das es möglich macht, auf die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft zuzugehen. Ich denke, es ist Zeit für den Abschied von starren konfessionellen Grenzen. Das Sprechen miteinander schafft auf Dauer eine gemeinsame Sprache. Die Freiheit des Wortes ist dabei ein höchstes Gut und der Kirche steht es gut an, sich hier in die Mit-Verantwortung nehmen zu lassen.


3. Welche reformatorische These folgt für mich daraus?


Um der Herausforderung einer zunehmend heterogenen Gesellschaft positive Impulse zu entnehmen, braucht es viel stärker als bislang mentale und materielle Investitionen in die Bildung für alle.

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