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Tischreden und Lesekost

Beatrice Burgherr - Helvetas, Kuratorin „Wir essen die Welt“

Lenzburg, 16.08.13


Liebe Frauen

Es freut mich sehr, heute Abend zu Ihnen zum Thema Essen und Nahrungsproduktion global sprechen zu dürfen.


Wir sind hier alle vereint um grosse Tische, für viele von uns ist das aussergewöhnlich. Eher essen wir in der Familie zusammen oder zu zweit im Restaurant. Aber eigentlich ist dies hier ausserhalb der Westlichen Welt das häufigere Bild: Menschen in grosser Zahl gemeinsam am Essen.

Und das besondere hier, Frauen ganz unter sich, ist in einigen Ländern das übliche, mancher¬orts sogar das einzig mögliche, da sind dann noch die Kinder dabei.

Und noch ein Vergleich, ohne Wertung: Wir bereiten hier meist in Portionen vor, jedes erhält einen schön gemachten Teller. In den meisten Ländern im Süden gibt es volle Platten oder Schüsseln. Es wird mehr gekocht als gegessen werden kann, denn es könnten noch Freunde reinschauen, Bekannte werden im Vorbeigehen eingeladen.


Grosszügig ist auch die ärmere Bevölkerung. Als ich in Mexiko auf dem Land arbeitete, sollte uns jeden Tag eine Familie des Dorfes das Essen bringen, gedacht waren Tortillas und Bohnen. Die Familien aber schlachteten immer ein Huhn. Es war eine Frage der Ehre: wenn die eine Familie Huhn offeriert, will diese das auch, sie waren nicht davon abzubringen. Wir „armen“ assen somit täglich Huhn und sehnten uns nach Gemüse.


F: Wie wichtig ist Ihnen das Gemüse?


Überall auf der Welt bietet man den Gästen das Beste an. In vielen Kulturen ist das Fleisch, und dabei oft die raren Stücke. War man früher bei Bauern in Island zu Gast, wurden einem Schafsaugen oder Widderhoden offeriert; das ist heute noch so in z.B. Kirgistan. Da darf man nicht mit der Wimper zucken, sonst beleidigt man die Gastgeber. Hier aber essen wir nur noch die Filetstücke und werfen den Rest weg. Wir füttern die Tiere zur schnelleren Fleisch¬produktion mit Soja und Mais, welches andern Menschen als Nahrung dienen könnte.


F: Brauchen Sie jeden Tag Fleisch?


In Nepal sind die Hänge sehr steil und werden in viel Arbeit terrassiert, darauf wird Reis angebaut. Die Bewohner essen Reis, täglich drei Mal, wie es für alle Leute in Asien üblich ist, ja für die Hälfte der Menschheit. Auch wir assen seit Tagen Reis und Linsen. Zuoberst auf der Krete, nach zweistündigem Marsch, servierten uns die Frauen stolz: geschwellte Kartoffeln..! Pellkartoffeln ohne etwas, bei uns normal oder fast schon verachtet. In diesem Moment gabs für uns nichts Feineres!


F: Was vermissen Sie ab und zu im Angebot?


Die Kartoffeln stammen aus den Andenländern Südamerikas. In Peru gibt es davon tausende von Sorten, alle Farben und Formen. Rosarot-pfirsichförmige oder gelbe längliche Würmer oder blaue geschuppt-zapfenartige. Die Gemüse und Früchte hier aber werden normiert, nicht für die Kundin, sondern für einfacheren Transport und Verkauf. Auch hier gäbe es „blaue Schweden“ oder rot-weisse Randen. Die Vielfalt der Getreide, Gemüse, Früchte ist viel grösser als die Läden uns anbieten.

F: Wünschen Sie sich auch Tomaten mit Geschmack? oder ziehen Sie sie deshalb selbst?


Essen Sie wie ich auch gern eine saftige Ananas oder Mango? Als ich klein war, gabs das bei uns an Weihnachten mit einigem Brimborium, die Ananas kostete 10 Fr. Heute sind es 3 Fr. In der globalisierten Welt ist das ganze Jahr alles von überall her erhältlich. Bohnen aus Kenya, Spargeln aus Peru, Trauben aus Südafrika werden eingeflogen. Aufbackbrote werden zentral in Polen produziert und in alle Länder gefahren, Karotten aus der Schweiz zum Schälen nach Holland und wieder hierher. Viel Energie wird verbraucht.


F: Fahren Sie zum Einkaufen über die Grenze?


Lebensmittel werden immer günstiger. Wir geben heute nur noch 10% unseres Einkommens aus dafür, während in Entwicklungsländern die Menschen 70 % des Einkommens für Nahrung und Wasser ausgeben müssen. Die Bauernfamilien, ob in der Schweiz oder in einem Entwicklungsland, erhalten wenig für ihre Ernte, die Preise decken die Kosten nicht. In der Schweiz gibt es Subventionen, in Entwicklungsländern kaum.


F: Was ist Ihnen ein faires Einkommen für die Bauernfamilien wert? Die 50 Rappen Fair Trade?


Mit dem Wunsch nach billigen Produkten nehmen wir Horrendes in Kauf: eine zerstörte Umwelt, hier und dort. Überdüngte Wiesen bei uns, abgeholzte Urwälder in Brasilien, ausgelaugte Felder in Asien und Afrika, kranke Hühner, antbiotikaverseuchte Teiche, leergefischte Gewässer. Überall Gifte und Pestizide, schädlich für Pflanzen, Tiere und Menschen.

F: Denken Sie „nach uns die Sintflut“ oder kaufen Sie Biologisches und Nachhaltiges?


Wenige übernational tätige Firmen dominieren den weltweiten Lebensmittelmarkt. Einige produzieren nicht nur Saatgut, Dünger und Herbizide, sie besitzen auch Lagerhäuser, Schiffe und Verarbeitungsfabriken, Mastbetriebe und Schlachthäuser, die ganze Kette bis zum Ladengestell. Sie lagern, wenn die Preise tief sind und verkaufen, wenn sie hoch sind. Sie setzen bei der Verarbeitung alle möglichen Zusätze in die Nahrungsmittel, für unsere Gesundheit zum Teil zweifelhaft.


F: Kochen Sie gern selbst?


Weltweit hungern 1 Milliarde Menschen, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung. Bei uns sind immer mehr Menschen übergewichtig. Es gäbe eigentlich genug zu essen auf der Welt für alle. Nur ist es nicht richtig verteilt. Das zu ändern ist nicht ganz einfach. Skandalös ist aber, dass über ein Drittel der Nahrungsmittel im Abfall landet. Einiges wird schon bei der Produktion aussortiert bspw. wegen der Form; anderes in Läden und zuhause weggeworfen, zB weil das Datum abläuft, viele Resten entstehen in Restaurants, aber auch Haushalten, und landen im Müll.


F: Essen Sie abgelaufene Joghurts, wärmen Sie Resten auf?


Es gibt viele Menschen, die kaum genug zu essen haben. Das ist meist zu bestimmten Jahreszeit der Fall. Wenn im westafrikanischen Mali die Vorräte an Hirse oder Mais zu Ende sind, wird noch ein bestimmtes Gras, das „Fonio“, genutzt. Die winzigen Körner des Grases sind mühevoller zu gewinnen als alle Getreide. Dann wird daraus ein Brei gekocht mit etwas Sauce aus Grünpflanzen. Gegessen wird aus einer grosse Schale mit den Händen. Das wenige wird ganz selbstverständlich geteilt.


F: Mit wem teilen Sie ?


Liebe Frauen, ich will Ihnen nicht den Appetit verderben oder ein schlechtes Gewissen machen, lieber möchte ich Sie aufrufen, zu handeln.

Wir Frauen sind immer noch mehrheitlich die, die kochen, die einkaufen. Wir können mitbestimmen, was gekauft und produziert wird. Engagieren wir uns!

Es gibt einige einfache Tipps (siehe Karten auf dem Tisch). Vielleicht verwirklichen Sie davon schon vieles, und sicher muss man im Alltag auch mal Kompromisse machen. Aber: nehmen Sie sich etwas Kleines vor.

Zusammen bewirken wir viel, setzen uns ein für eine gerechtere Welt und die Bewahrung der Schöpfung und: wir haben mehr Genuss!

En Guete.


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