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Tischreden und Lesekost

Joy de la Crux - philippinische Theologin, Bad Oeynhausen

Dortmund, 22.02.2013


Ich möchte Ihnen für die Einladung zu dieser Veranstaltung danken und freue mich darüber, dass so viele von Ihnen zu diesem Frauenmahl nach Dortmund gekommen sind.

Leben in Deutschland – wo ist Toleranz?

Ich glaube, dass es zum Thema des heutigen Abends „Zumutung Toleranz“ passt, wenn ich mit meinen persönlichen Erfahrungen darüber erzähle, wie und warum ich hier in Deutschland bin und was ich hier erlebt habe.

2002 kam ich zum ersten Mal nach Deutschland. Damals bin ich einer Einladung der Vereinten Evangelische Mission (VEM) gefolgt, an der „Ökumenischen Wohngemeinschaft“ teilzunehmen. Danach bin ich von 2003 – 2006 zu einer der Leiterinnen dieses Programms ernannt worden. An diesem Programm haben acht Frauen aus den verschiedenen Partnerkirchen der VEM teilgenommen, wie zum Beispiel aus Deutschland, Tansania, Kongo, Ruanda, Namibia, Botswana, Indonesien, Sri Lanka und Philippinen.

Das Ziel war es, Frauen aus verschiedenen Kontexten in Afrika, Asien und Deutschland zusammenzubringen, nicht nur um voneinander etwas über die verschiedenen Kulturen zu lernen, sondern auch, um das Verständnis für die Probleme und Herausforderungen zu vertiefen, mit denen sich die Frauen in ihren jeweiligen Ländern konfrontiert sehen. Auch sollten sie so für zukünftige Leitungspositionen in ihren eigenen Kirchen vorbereitet werden.

Das Zusammenleben mit Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen für einen Zeitraum von neun Monaten erforderte eine Menge Toleranz, aber glücklicherweise gelang es uns und wir konnten viel voneinander lernen. Wie zum Beispiel die Essenszubereitung. Wir mussten berücksichtigen, dass Menschen aus Asien morgens kein Brot essen, sondern Reis, weil sie zuhause dreimal pro Tag Reis essen, was wiederum für die deutschen Teilnehmerinnen nicht so einfach war.

Beim Besuch der Gottesdienste beschwerten sich die afrikanischen Frauen darüber, dass es so langweilig sei, weil in Afrika während der Gottesdienste laut gesungen und getanzt wird und auch viele junge Menschen anwesend sind. Im Bezug auf das Thema Frauenrechte waren die deutschen Frauen immer ungeduldig mit den Frauen aus Afrika und Asien, weil diese eine konservative und patriarchalisch geprägte Einstellung zur Rolle der Frau in Familie, Kirche und Gesellschaft haben. Durch diese Erfahrungen mit Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen lernte ich, andere Kulturen und Wertvorstellungen zu respektieren…

2006 heiratete ich einen deutschen Pfarrer und seitdem lebe ich hier in Deutschland, genauer gesagt, in Bad Oeynhausen. Anfangs war es nicht so einfach für mich. Der erste Schritt war es, intensiv die deutsche Sprache zu lernen. Aber bald wurde es mir klar, wie schwierig diese Sprache ist, vor allem, wenn von dir erwartet wird, dass du sie tagtäglich sprichst. Ich machte die Erfahrung, dass die Menschen bei einigen Gelegenheiten irritiert und ungeduldig waren,

wenn ich die Worte nicht richtig aussprechen konnte und es ihnen nicht klar war, dass es für mich schon schwierig war, einen einfachen Satz richtig zu bilden.

Nach einem Jahr musste ich zur Ausländerbehörde, um mein Visum verlängern zu lassen. Ich war überrascht, dass ich einen vierseitigen Fragebogen auf Deutsch zur Sicherheitsüberprüfung ausfüllen musste. Auf meine Frage, warum ich diesen Fragebogen ausfüllen sollte, wurde mir mitgeteilt, dass: „Die Philippinen auf der Liste der Länder stehen, in denen es Terrorgruppen gibt und aus diesem Grund alle Personen, die aus einem dieser Länder kommen, diesen Fragebogen ausfüllen müssen.“ In diesem Moment spürte ich, dass zwischen uns ein Misstrauen herrschte. Ich fühlte mich diskriminiert, besonders da ich weiß, dass alle Ausländer in mein Land für einen Zeitraum von 21 Tagen auch ohne ein Visum einreisen dürfen.

Nach zwei Jahren musste ich diese Prozedur erneut durchlaufen und den gleichen Fragebogen ausfüllen, bevor ich meine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland erhielt.

Im Blick auf meine Berufstätigkeit hatte ich nicht gedacht, dass es so schwierig für mich sein würde, hier in Deutschland Arbeit zu finden. Mein Bischof hatte mich ermutigt, als ich meine Kirche auf den Philippinen verließ. Er sagte zu mir: „Joy, sei nicht traurig, dass du deine Arbeit hier verlässt. Die Arbeit im kirchlichen Dienst ist nicht auf ein Land beschränkt, sondern es ist ein weltweiter Dienst.“ Das hatte mich beflügelt, als ich mein Land verließ, weil ich wusste, dass ich in ein Land ging, das mit unserer Kirche eine Partnerschaftsbeziehung hat.

Aber als ich im Landeskirchenamt der Westfälischen Landeskirche wurde mir mitgeteilt: „Sie müssen 15 Jahre warten, Frau dela Cruz, weil es in 15 Jahren in vielen Gemeinden einen Mangel an Pfarrern und Pfarrerinnen geben und dann können Sie sich gerne auf eine Pfarrstelle bewerben. In den nächsten Jahren müssen wir zunächst unser eigenen Pfarrerinnen und Pfarrer vor allem aus dem Bereich des Entsendungsdienstes versorgen. Sie dürfen natürlich alles in der Kirche tun: predigen, Gottesdienste abhalten, in Gemeindegruppen Vorträge halten usw., aber wir Bedauern, dass wir vorläufig keine freie Stelle für Sie haben.“

Weil ich fand, dass es mir zu lange dauert, meine Fähigkeiten 15 Jahre lang brachliegen zu lassen, habe ich ein paar Kollegen gefragt, die im Herz- und Diabeteszentrum von Bad Oeynhausen als Seelsorger/innen arbeiten, ob ich wohl dort ehrenamtlich als Krankenhausseelsorgerin arbeiten könnte. Sie haben sich gefreut und mich gerne in ihr Team aufgenommen. So begann ich damit, zwei bis dreimal wöchentlich Patientenbesuche zu machen. Am Ende des Jahres bekomme ich dafür ein kleines Honorar

Nach einem Jahr in der Krankenhausseelsorge, fragte mich ein Kollege, warum ich denn nicht mit zum Treffen der Pfarrer/innen des Kirchenkreises käme und ich antwortete ihm, dass ich nie eine Einladung bekommen hätte. Daraufhin bat er den Superintendenten mich auch einzuladen. Aber ich hörte dann, dass der Superintendent in die Pfarrkonferenz nur die Pfarrer des Kirchenkreis einlädt, die eine offizielle Anstellung im Kirchenkreis haben und denen er deshalb auch weisungsbefugt sei.

Nichtsdestotrotz mache ich weiterhin im Krankenhaus Patientenbesuche und auch in Altenheimen und Flüchtlingsunterkünften. Ich organisiere einmal im Monat internationale Gottesdienste, um Menschen, die neu und noch nicht besonders integriert sind, in der Kirche willkommen zu heißen, ich biete ihnen einen Treffpunkt an, wo sie zusammenkommen und sich austauschen können.

Was ist Toleranz eigentlich wirklich?

Zurzeit ist Toleranz sowohl in der Regierung als auch in den Kirchen hier in Deutschland ein Thema, aber was heißt das eigentlich im alltäglichen Leben der Menschen? Ist es nur eine Modeerscheinung, die wir eifrig diskutieren oder ist es ein ernsthaftes Anliegen, dass wir bedenken müssen?

Ich freue mich darüber, dass Sie dieses Thema aufgegriffen haben und dass Sie uns dazu eingeladen haben, unsere Erfahrungen mit Ihnen zu teilen und das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Dies ist schon der erste Schritt, um der Herausforderung des Themas Toleranz zu begegnen. Einander zuhören.

Zweitens hat Toleranz etwas mit Offenheit und Aufgeschlossenheit zu tun. Wir sollten nicht glauben, dass wir mit unseren Entscheidungen und Wahrnehmungen immer Recht haben. Lasst uns akzeptieren, was andere Menschen wahrnehmen, wie sie denken und fühlen. Wir können sie nicht immer in Schubladen von Herkunft, Hautfarbe oder Religion stecken.

Drittens erfordert Toleranz Respekt. Respekt schließt ein, den Rechten, Überzeugungen und Verhaltensweisen anderer Menschen Raum zu geben. Häufig denken wir, dass es schon tolerant ist, wenn wir andere Menschen sagen und tun lassen, was sie wollen. Aber ich glaube, dass Toleranz nicht nur eine passive Akzeptanz ist, sondern dass sie immer mit Respekt gekoppelt sein muss. Respekt sollte aber auch immer mit konkreten, praktischen und strukturell sichtbaren Elementen verbunden sein, wie z.B. einer Arbeitserlaubnis und Hilfen zur Eingliederung.

Zuletzt, ist Toleranz nicht nur eine Einbahnstraße, sondern sie sollte von beiden Seiten kommen. Toleranz ist dann eine ernsthafte Sache, wenn beide Seiten den Willen haben, aufeinander zu hören, einander gegenüber offen zu sein und einander zu respektieren. Nur dann kann Toleranz zu Frieden, Entwicklung und Erfolg führen.

Meine persönlichen Erfahrungen hier in Deutschland und meine Erfahrungen bei der Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben meine Haltung anderen Menschen gegenüber verändert. Es hat mir dabei geholfen geduldiger zu sein, verständnisvoller, offen und behutsam im Umgang mit den Menschen, denen ich begegne und mit denen ich vertraut werde.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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