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Tischreden und Lesekost

Gabi Erne - Künstlerin, Marburg

Frauenmahl Kiel, am 30.10.2015

 
DU SOLLST DIR EIN BILD MACHEN – Gabi Erne
 
Vorspiel Gemeinschaftsbild: zu Beginn des Abends, gegenseitig mit Graphitstiften
Körperumrisse auf Wandpapier (ca. 350 x 200) umzeichnen.
Ausladend, bewegt, „Bella Figura!“
 
Gestickte Tischdecken auf den Tischen (von den Frauen vor Ort)
 
Stickbild (von mir): „Du sollst Dir ein Bild machen“ - Rück- und Vorderseite vertauscht.
 
Pergamenttüten. Stoffquadrate, „Hungertuch“-Rückseite, Kreuzungslinien zum nach sticken, Nadel, Stickgarn, Diarähmchen, um ungewöhnliche Ausschnitte/Sichtweisen zu suchen
 
Spiegel, um hinter sich zu gucken und alles mal auf den Kopf zu stellen.
 
DU SOLLST DIR EIN BILD MACHEN (mein Stickbild von hinten zeigen)
 
Ja, ich glaube es ist gut, sich ein Bild zu machen, heute so gut wie schon immer.
Sich ein Bild machen, mit allen Sinnen nach Erkenntnis suchen, damit man verstehen und lieben kann.
Wie die Liebe, steht auch Gott nicht, wie ein weithin in der Sonne blitzendes goldenes Kalb auf einem Sockel. Unverrückbar, unveränderbar, sondern erscheint als zarter Hauch, der nur zu spüren ist, als Wolke, die in Bewegung, nah oder fern, dicht oder durchsichtig sein kann, auch als Sturm, der einem den Atem nimmt und keinen Stein auf dem anderen lässt, sondern wirbelt und hinwegfegt.
Das Bild, das wir uns machen sollen hat wenig zu tun mit etwas, das in einen musealen Rahmen passt. Denn dieses Bild muss in Bewegung bleiben, sich verändern und auch seine Rückseiten zeigen, ja, sich auch entziehen dürfen.
Es muss ein Gemeinschaftsbild sein, denn ohne die andern kann ich nicht verstehen, nicht lieben, nicht sein.
Unsere Gemeinschaft haben wir zu Beginn des Abends mit dem Zeichenstift sichtbar gemacht:
Es ist ein Bild, aber kein Gruppenfoto, wo immer jemand vor einem steht, oder ich jemanden verdecke. Jede von uns ist, weil transparent, ganz und gar sichtbar.
Je mehr Personen auf der Fläche sind, umso schwieriger ist es natürlich die Einzelne zu erkennen, aber es ist möglich. Eine Gemeinschaft sind wir, weil jede als Individuum sichtbar, aber gleichzeitig verbunden ist mit allen, die hier sind heute Abend, und zwar durch unzählige Überkreuzungen unserer Körper-Umrisslinien.
Wir sehen jetzt noch ein transparentes Abbild unserer Körper aber im Laufe des Abends füllen wir das Bild, indem wir uns kennenlernen, unser Wissen vertiefen, Impulse geben und bekommen und Anteil nehmen an einander, damit aus dem transparenten Abbild ein Netzwerk des Verstehens, ein Netzwerk der Liebe wird.
Solche „Kreuzungen“ der Körperumrisslinien, habe ich auf kleine Stoffquadrate gezeichnet. Die Stoffquadrate habe ich aus einem sogenannten „Hungertuch“ einer katholischen Kirchengemeinde ausgeschnitten.
Dieses Tuch wurde in einem südamerikanischen Land bemalt und es sind darauf indianisch aussehende Menschen abgebildet, die sich in großer Pein und Qual befinden. Ketten und Fesseln sind zu sehen, Männer, Frauen und Kinder. In der Mitte Jesus, natürlich ebenfalls indianisch aussehend. Leidend und gleichzeitig schützend breitet er seine Arme aus.
Hungertücher sind Mitteilungen an uns im sicheren wohlhabenden Europa. Und in der Fastenzeit, wo diese Tücher im Altarraum aufgehängt werden, soll daran erinnert werden, wie es christlichen Gemeinschaften auf anderen, ärmeren Kontinenten geht.
Ein Bild als Botschaft, um Verbundenheit und das Wissen umeinander sichtbar werden zu lassen - und soziale Gerechtigkeit zu fordern.
 
Sie werden gleich kleine Pergamenttüten bekommen, darin befindet sich ein solches Quadrat dieses Hungertuches. Außerdem eine Nadel und Stickgarn, das uralte Handwerkszeug, mit dem Kleidung und Stoffe verschönert werden. Oder - fromme Sprüche und Leitsätze gestickt wurden. Meine Großmutter z.B. hatte über ihrem Nachtkästlein den Spruch „Lerne schweigen ohne zu platzen“ selbst gestickt und gerahmt an der Wand hängen.
Wie viel Humor und Traurigkeit, wie viel von ihrem Leben und ihrer Ehe steckt darin. Wie viel Biographie, Hoffnung, Sorge, Tränen, aber auch Freude wurde in Kriegs- und Nachkriegszeiten in Tischdecken gestickt,---------weil man ja nicht geredet hat.
Als eine Hommage an unsere Mütter und Großmütter und als Hommage an alle Frauen in der Welt, die durch ihre Hand-Arbeit, „das Herdfeuer am brennen halten“, das Schöne und Tröstliche durchtragen und weitergeben, lade ich Sie nun ein, den Linien entlang unsere Kreuzungen in das Hungertuch hinein zu sticken.
 
3 Minuten für meditatives oder auch gesprächiges Sticken.
Wenn Sie Ihr Stickbild gegen das Licht mal hochhalten, sehen Sie, wie es sich mit der Vorderseite zu einem neuen Bild ergänzt.
 
Die Rückseiten der Gesellschaft zu gestalten und zu leisten ist wichtig und sollte hoch geachtet werden. Der alte Spruch: Hinter jedem bedeutenden Mann steht eine starke Frau könnte heute umgedreht werden, oder, besser noch, heißen: Neben jeder bedeutenden Frau steht ein starkes Team.
Dennoch, Rückseiten gibt es immer, bei fast allem. Damit dieses festliche Essen auf den Tisch kommen konnte, wurde Erde umgegraben, gepflanzt, gegossen, geerntet, dann das Gemüse geputzt, geschnitten, gekocht, angerichtet, u.s.w.. Wie viel Arbeit, Mühsal, Hoffen auf Regen und Sonne, Überlegung, Kalkulation, Handarbeit, Kochkunst und Liebe zu den Dingen steckt in dem, was uns dieses Frauenmahl-Gesamtkunstwerk heute Abend zeigt.
 
Fragen Sie doch einmal Ihre Nachbarin nach den Rückseiten in ihrem Leben. Worin steckt ihre Arbeit, ihre Fürsorge, ihre Liebe, ohne dass es gleich effektiv auf der Vorderseite gesehen werden würde.
3 Minuten für Murmelrunde.....
Fazit: Ohne Rückseiten keine Vorderseiten, deshalb bin ich dafür, dass wir das Bild das wir uns machen immer zuerst einmal mit der genauen Beachtung der Rückseiten beginnen.
Drehen sie sich bitte einmal nach links und dann streichen sie ihrer Nachbarin einmal wohltuend über die Schultern, für alle Rückseiten ihres Lebens.
Und dann, speziell für alle, die für den heutigen Abend so wunderbar rückseitig gearbeitet haben., ...........applaudieren wir einmal kräftig......
 
Eine andere Voraussetzung für ein Bild, das ich mir machen möchte, ist Bildausschnitt und Rahmen, die es zu wählen gilt.
Wenn ich hier in Kiel ein Landschaftsbild aquarelliere, nehme ich zuerst ein Diarähmchen. Sie haben es in Ihrer Tüte schon gefunden... - und schaue, wie bei einem Fotoapparat durch. Je größer der Ausschnitt, den ich malen möchte, sein soll, umso näher führe ich das Rähmchen ans Auge. Je kleiner der Ausschnitt sein soll, umso weiter weg. Und so kann ich durch das Rähmchen meinen Ausschnitt suchen und mit ihm auch die Horizontlinie festlegen. Mehr Wolken und Himmel, oder mehr Felder und Meer.
Nun kann ich mich, wenn das Bild ordentlich harmonisch sein soll an die Regeln der Kunst halten, was Horizontlinie oder interessante Senkrechte, z.B. Segelmasten oder Leuchttürme betrifft.
 Wenn das Bild aber nicht nur meinem Bedürfnis nach Harmonie entgegenkommen, sondern einen Raum ermöglichen soll für Irritierendes, für Fragestellungen, für Zwischentöne, auch für Unschönes, dann muss ich den Fokus mit meinem Rähmchen etwas verrücken und eher ungewöhnliche Perspektiven und Ausschnitte suchen. Nehme ich beispielsweise nur die Unterkante der Tischdecke ins Visier, dann könnte das auch eine Wand sein, oder ein Horizont. Ein Stück Tellerrand, eine Spiegelung in einem halben Glas, ein Essensrest, ein Krümel kann wichtig werden.........
Probieren Sie mal, ob das Bild, das Sie sich mit der kleinen Kamera machen auch Fragen aufwerfen statt Antworten geben kann.
Bisschen warten.......
Fazit: Bildausschnitt, Passepartout und der Rahmen des Bildes, das ich mir mache, sind meine Freiheit, meine Kreativität, mein Wunsch wahrzunehmen und zu erkennen.
Ich möchte noch einen Schritt weitergehen: Es liegt in meiner Verantwortung, wo ich hinschaue und wie ich mit dem „Wahrnehmen“ dessen, was ich sehe auch umgehe.
 
Einen letzten Versuch , wie ich mir umfassend ein Bild machen kann, will ich Ihnen mit dem Spiegel anbieten.
Mit einem Spiegel kann ich ganz tolle Sachen entdecken. Ich kann hinter mich schauen, und meine Nachbarin sehen, die im besten Sinne des Wortes „hinter mir steht“.
Und, grandios, neulich, als ich mir etwas Festliches für eine Hochzeit kaufen wollte, stand ich in einer Umkleide Kabine mit zwei drehbaren Spiegeln und konnte mich selbst seit langem mal wieder von hinten sehen. Umkleidekabinen sind schon wegen der Beleuchtung meistens unbarmherzig, aber immerhin, die rückwärtige Begegnung mit sich selbst, erleichtert die Auswahl.
Und noch etwas geht mit zwei gegenüberliegenden Spiegeln, man kann sich unendlich vervielfachen. Das hat mich immer schon unglaublich fasziniert. Das Spiegelbild zeigt es hundertfach: „Ich bin nicht nur die eine“, in mir stecken die Potentiale von vielen. Alles ist möglich. Veränderung, Bewegung, Neuanfang.
Aber das Schönste, was man mit einem Spiegel machen kann, ist „die Welt auf den Kopf stellen“. Den Himmel auf die Erde holen, oder die Erde in den Himmel spiegeln.
Gehen Sie einmal mit einem solchen Spiegel draußen spazieren, es wird Sie glücklich machen. Ein Perspektivwechsel um 180 Grad kann bei Konflikten und wenn man sich in etwas verrannt hat lösend und erlösend sein. Der Humor zeigt das, wie befreiend und heiter es ist, über den eigenen Schlammassel lachen zu können, mit gewagtem Schritt in die Distanz zu mir selbst zu gehen, mich von außen oder von oben zu betrachten. Nicht mit dem kritischen Frisörspiegelblick, sondern mit dem liebenden Blick, der mich wie ein unverhoffter Sonnenstrahl an einem kühlen Herbsttag wärmt.
 
Mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mit unserem Verstand, unseren Sinnen und Gefühlen, als Gemeinschaft, die ihre Rückseiten sieht und würdigt, die bereit ist, um die Ecke zu gucken und auch mal was auf den Kopf zu stellen, die Fragen zulässt und Zweifel, sollen wir uns um ein Bild bemühen, von der Welt, von uns, von Gott, damit wir liebend sehen, liebend erkennen und liebend Verantwortung tragen.
 
Quellen und Inspiration:
 
Aber wer versteht, der liebt, bemerkt und sieht auch....
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer ist die Liebe......
Wer meint, alle Früchte würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von Trauben.
(Paracelsus)
 
1. Kor. 13.12
Wir sehen vorläufig nur ein rätselhaftes Spiegelbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Heute erkenne ich bruchstückhaft, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin.
 
Es gibt dich von Hilde Domin
 
Dein Ort ist
Wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
Entstehst du.
 
Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.
 
Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.
 
Es gibt dich
Weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen,
dass es dich gibt. 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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