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Tischreden und Lesekost

Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Berliner Tischgespräche 30. Oktober 2014 im Haus der Evangelischen Kirche


Weniger Lohn für gleiche Arbeit
Armut ist weiblich
Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

„Du kannst machen, was du willst, aber du machst Abitur!“ lautete die wesentliche Maxime meiner Eltern für meinen Lebensweg. Meinem Vater war Schulbildung durch Krieg und Gefangenschaft verwehrt, meiner Mutter der Studienplatz, weil Kriegsheimkehrer ihr vorgezogen wurden. Deshalb ging ihnen die Bildung ihrer Kinder über alles. Ich habe davon profitiert, die Schule fiel mir leicht, ich konnte studieren, bin vor der Welle akademischer Arbeitslosigkeit in den 80er Jahren in den Beruf eingestiegen und seither ohne Unterbrechung mit zwei Kindern vollzeitbeschäftigt. Ich empfinde meine erwachsenen Kinder und meine Berufstätigkeit als Geschenk.

In biblischer Sicht hat Arbeit allerdings zwei Seiten:
Eine kreative und erbauende: Menschen sind durch ihre Arbeit Mitschöpfer_innen Gottes. Diese Sicht findet sich im zweiten Schöpfungsbericht, in dem Gott den Menschen in den Paradiesgarten setzt mit der Aufgabe, diesen zu bebauen und zu bewahren. (1. Mose 2,15)
Eine entfremdete und bedrückende: Menschen sind nach der Vertreibung aus dem Paradies dazu verdammt, den Acker mit Mühsal zu bearbeiten (1. Mose 2, 17ff Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen…)
Beide Aspekte kennen wir wohl alle: Arbeit als Erfüllung und Arbeit als Tretmühle. Aber die Erfahrungen sind ungleich verteilt, je nach Arbeitsbedingungen und Arbeitsinhalten, nach Beschäftigungsverhältnissen und Freiheitsgraden im Arbeitsprozess.

Ich rede von Erwerbsarbeit, nicht von Familienarbeit, Freiwilligenarbeit oder Hausarbeit. Denn die Erwerbsarbeit ist in unserer Gesellschaft zum Schlüssel für viele Leistungen geworden. (Martin Luther hat mit seinem Berufsethos dafür die Basis gelegt, wäre aber sicher entsetzt, was aus seiner Hochschätzung des bürgerlichen Berufs geworden ist!). Wenn kein Vermögen vorhanden ist, ist Erwerbsarbeit maßgeblich für die Existenzsicherung, für die Rente, und für Leistungen bei Arbeitslosigkeit. Arbeitsfähigkeit (3 Std. pro Tag) und Arbeitswilligkeit sind die Voraussetzung für Leistungen nach Hartz IV. (Beispiel: eine Analphabetin musste dem Jobcenter für ihre Hartz IV Leistungen drei schriftliche Bewerbungen pro Monat nachweisen, nach Beschäftigung im Minijob „nur“ noch zwei; sie wurde zu einem 6-wöchigen PC-Kurs verpflichtet, um ihre Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt nachzuweisen!). Ich sehe diese Fokussierung auf die Erwerbsarbeit kritisch! Deshalb sympathisiere ich mit dem Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Die Erwerbsbiografien von Frauen bergen für deren Existenzsicherung erhebliche Risiken.
1 Exmann, 3 Kinder, 2 Minijobs, 0 Rente.
So beschreibt Sarah Sorge, Dezernentin Frauen und Bildung in Frankfurt/Main, eine typisch weibliche Biografie (www.armut-ist-eine-frau.de) und nennt damit die wesentlichen Armutsrisiko Faktoren.

1 Exmann
Das traditionelle Ernährer-Modell ist trotz Ausbau der Kinderbetreuung, Elterngeld als Lohnersatzleistung und geplanter Bezahlung von Pflegezeiten weiterhin verbreitet. Viele Frauen unterbrechen ihre Berufstätigkeit nach der Geburt von Kindern zu lange und steigen dann mit Teilzeit wieder ein, oft nehmen sie dabei einen geringerwertigen Arbeitsplatz in Kauf. Im Scheidungsfall jedoch ist nach dem Unterhaltsrecht seit 2009 der Ernährer nicht mehr für die Versorgung der Ehefrau zuständig. Die bedarfsabhängige Grundsicherung für Arbeitssuchende (Hartz IV) verfestigt die Ernährerrolle jedoch, da meist die Männer Antragsteller für die ganze Bedarfsgemeinschaft (Familie) sind, sie als Empfangsbevollmächtigte gelten und allein das Geld erhalten. In Trennungssituationen wissen Frauen unter Umständen nicht einmal, dass der Mann Leistungen für sie erhält.

3 Kinder
Kinder sind ein Armutsrisiko, nicht nur wegen der Kosten, sondern vor allem wegen der Unterbrechung der Berufstätigkeit zur Kindererziehung.
Ein noch erhöhtes Armutsrisiko haben alleinerziehende Frauen. 32 % aller Berliner Familien haben nur ein Elternteil (epd Wochenspiegel, Ausgabe Ost Nr.44_2014, S.18). In den meisten Fällen leben die Kinder bei den Müttern, für die die Vereinbarkeit der Kindererziehung mit dem Beruf besonders schwierig ist. Einelternfamilien sind steuerrechtlich durch die Nichtanwendbarkeit des Ehegattensplittings benachteiligt. Zusätzlich leiden Frauen oft unter der schlechten Zahlungsmoral der Väter (NRW 2009: 100 Mio. für Unterhaltsvorschusszahlungen).
Offen ist, wie sich veränderte Lebensentwürfe der jüngeren Frauengeneration auswirken: höherwertige Schulschlüsse, seltener Schulabbruch, bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder.

2 Minijobs
Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen und verdienen weniger als Männer. Viele der „typischen Frauenberufe“ haben gerade in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung verloren: Gastronomie und Hotelgewerbe, Einzelhandel und Pflege und Erzieherin – bieten kaum noch Vollzeitjobs!!
Die Zahl der Minijobs dagegen wächst. Derzeit sind es 7,65 Mio. = 17,8% aller Erwerbstätigen, davon 61 % Frauen! (epd Wochenspiegel, Ausgabe Ost, Nr.44_2014, S.17). Vor allem durch die Minijobs ergeben sich prekäre Lebenssituationen. Oftmals werden nicht einmal die Arbeitsrechtlichen Regelungen (Urlaub, Krankengeld, Kündigungsschutz) eingehalten. Die "Gender Pay Gap", also die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern, ist in Deutschland mit über 22 Prozent besonders hoch.

0 Rente
In Frankfurt/Main bekommt ein Mann durchschnittlich 1034.- Rente, eine Frau 661,- Die Gründe ergeben sich aus den Biografien:
Dem Minijob folgt keine Altersrente, Teilzeitarbeit reicht häufig auch nicht für eine existenzsichernde Rente. Der Trauschein ist kein Garantieschein für die Alterssicherung.
Die Witwenrente ist oft auch nicht existenzsichernd. (60 % der Rente der Männer)
Auch der Mindestlohn reicht nicht für eine gesetzliche Rente oberhalb des Grundsicherungsniveaus! 45 Jahre Mindestlohn ergeben 643,73 € Altersrente.
Die Mütterrente kommt bei Frauen, die Grundsicherung im Alter beziehen, nicht an. Als Einkommen wird die Mütterrente von der Grundsicherung wieder abgezogen!
Frauen pflegen ältere Menschen und sind im Alter ohne Pflege!

Dennoch: Es gibt Bewegung.

Junge Paare wollen sich und ihre Arbeitskraft nicht bedingungslos „verkaufen“.
Der neue Kampf um die Arbeitszeit ist auch ein Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Für Jutta Allmendiger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, wird die 32-Stunden-Woche kommen, weil inzwischen immer mehr junge Arbeitnehmer_innen selbstbewusst Teilzeitstellen, Sabbaticals und Heimarbeit fordern.

Dies hilft aber nur Fachkräften mit gutem Einkommen! Mancher Beruf muss aufgewertet und besser entlohnt werden. Wichtig sind gute Ausbildung für alle und sozialversicherte Arbeitsverhältnisse, da nur so die sozialen Sicherungssysteme Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung erhalten werden können. Deutschland ist ein reiches Land. Steuermittel müssen in Schule, Ausbildung und Beruf investiert werden.

Frauen müssen lernen, für sich zu sorgen. Das beginnt mit dem Vorbild für Mädchen, vor allem bei ihrer Berufswahl und Lebensplanung. (Frankfurt: Mädchen (35,35) bekommen 13,45 Euro weniger Taschengeld als Jungen (48,80), und beachte die rosa Prinzessinen-Ausstattungen bis weit ins Grundschulalter!). Und das endet nicht bei der Forderung nach Gehaltserhöhungen.

Die Altersvorsorge muss immer im Blick sein. Die Mütterrente (1 Punkt = 28 Euro) muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe über Steuern und nicht aus Mitteln der Rentenversicherung finanziert werden. Weitere Rentenpunkte sind erforderlich für Frauen, die nach 1992 Kinder geboren haben.
 
Letztlich geht es um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben möchten.
Ich möchte, dass Männer und Frauen für sich sorgen können, dass Kinder zu jeder Zeit willkommen sind und auch Altwerden niemanden schrecken muss. Ich wünsche mir, dass unsere Söhne und Töchter entspannt Eltern werden und solche Wahnsinnsideen wie „das Einfrieren von Eizellen gezahlt von der Firma Apple und Facebook“ keinen Boden finden. Und ich wünsche mir auch, dass unsere sozialen Sicherungssysteme geschätzt und von allen gestärkt werden, die dazu beitragen können.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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