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Tischreden und Lesekost

Jutta Geißler-Hehlke - Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission e.V.

Dortmund, 24.02.2012

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

Macht hat häufig - besonders in Frauenkreisen -
den schäbigen Beigeschmack von Gewalt,
Unterdrückung und Ausbeutung.

Deshalb war ich zunächst ziemlich erschrocken,
dass ich hier etwas zum Thema „Frauen und Macht“
sagen soll.

Und damit auch noch „biografisch“ anfangen,
mit meinem „eigenen Weg zur Macht“.
Wie stellen sich die Organisatorinnen
vom Dortmunder Frauenmahl denn meine Macht vor?

Und so musste ich mir die Fragen stellen:
„Hab ich Macht?“
„Wie zeigt sich das?“
„Wie bin ich an Macht gekommen?“

Ich leite die Dortmunder Mitternachtsmission,
eine Beratungsstelle für Prostituierte,
Menschen, die aus der Prostitution aussteigen wollen
und Opfer von Menschenhandel
 9 festangestellte Mitarbeiterinnen
38 Honorarkräfte und
41 Ehrenamtliche haben im Jahre 2011
......... Klientinnen und Klienten beraten und betreut

2.

Die Dortmunder Mitternachtsmission
ist bundesweit und international bekannt.

Unsere Projekte haben Modelcharakter,
wir beraten Bundes- und Landesregierungen,
wir haben den Runden Tisch initiiert,
aus dem das bekannte Dortmunder Modell entstanden ist

Wir kennen uns im Prostitutionsmilieu gut aus.
Wir haben einen guten Ruf und es ist uns gelungen,
Betreiber, Besitzer und VerwalterInnen von Clubs,
Bars und der Linienstrasse
an einen Tisch mit Ämtern, Behörden wie z.B.
Polizei, Ausländer- und Finanzbehörde,
Ordnungs- und Bauamt zu bringen
und Verständnis für die unterschiedlichen Positionen zu wecken.

Das Team der Mitternachtsmission hält zusammen.
Alle Kolleginnen unterstützen sich gegenseitig
und fühlen sich für und miteinander verantwortlich.

Der Druck von Außen und die Härte der Arbeit
lassen weder Zickenkrieg noch Konkurrenzkampf zu.

Die Arbeit geht oft bis an die Grenzen unserer Kraft
und setzt die Einigkeit mit den gemeinsamen Zielen,
Solidarität der Mitarbeiterinnen untereinander
und Vertrauen in die Leitung voraus.

Für mich als Leiterin bedeutet
das eine große Verantwortung.
Wenn mir das Macht verleiht - dann stimme ich zu.

Das beantwortet die ersten beiden Fragen:
Hab ich Macht ? und Wie zeigt sich das?

3.

Wie bin ich denn an diese Macht gekommen?

Ich komme aus einer bürgerlichen Familie
mit festen Grundsätzen und Ehrbegriffen.
Mein Vater war Polizist.
Meine Mutter, die nun schon fast 100 Jahre alt wäre,
hat in ihrer Jugend schon einen Beruf gelernt.

Ein ehernes Gesetz in der Familie war,
dass die Stärkeren verpflichtet sind,
den Schwächeren zu helfen

und dass die, die mehr haben
denen abgeben müssen, die weniger haben.

Ich bin im Dortmunder Norden aufgewachsen
und zur Schule gegangen, habe sehr lange dort gewohnt,
kannte von klein auf die Gedanken
und die Situation der Menschen dort.

Habe gesehen, wie aus Mitschülern und Mitschülerinnen,
aus Freunden und Freundinnen und aus Nachbarn

ordentliche Bürger, erfolgreiche Geschäftsleute, Künstler, Schriftsteller,
Politiker und Wissenschaftler wurden

aber auch Verbrecher, Zuhälter, Prostituierte, kleine Gauner, Opfer, Abhängige und gescheiterte Existenzen.

Und sehr schnell habe ich begriffen,
warum das so war und den Mangel erkannt,
der letztendlich zum Scheitern führt.

Wen wundert es da,
dass ich studiert habe, um Sozialarbeiterin zu werden?

4.

War es Zufall oder musste es so sein,
dass ich später bei der Mitternachtsmission landete?

Sicher ist allemal, dass ich hier meine Erfahrungen
aus dem Umfeld meiner Kindheit und Jugend
bestens mit den theoretischen Kenntnissen
aus dem Studium verbinden
und somit erfolgreich arbeiten konnte.

Diese Kenntnisse und Fähigkeiten
und das mit der Zeit erworbene Wissen
um Schwächen, Ängste, Eitelkeiten, Begierden,
Verfehlungen, Betrügereien und Intrigen

und das sorgfältige Ausnutzen dieses Wissens
haben es mir letztendlich ermöglicht
Menschen im Milieu und außerhalb zu manipulieren,
zu erpressen und für meine Ziele auszunutzen.

Ich sehe in – zum Teil – fassungslose Gesichter.

Ja, das war natürlich Blödsinn,
ich wollte nur mal sehen,
ob Sie noch zuhören oder
ob ich Sie schon in den Schlaf gelangweilt habe.

Nun, Sie alle hier wissen,
dass man Menschen nicht durch Angst,
Intrigen, Erpressung und Manipulation
zu Kooperationspartnern machen kann.

Überzeugen kann man nur durch
ehrliche Anteilnahme, Respekt
mit guten Gründen und Argumenten
und glaubwürdigen Perspektiven.

5.

Ich muss noch hinzufügen,
dass zum Führungserfolg für mich
die Identifikation mit der Einrichtung oder Firma,
Fleiß, Disziplin und Fachkompetenz gehören.

Eine Führungsposition kann nicht erhalten bleiben,
wenn von oben herab angeordnet wird,
ohne dass der Sinn und das Ziel
einer Aktion sichtbar und verständlich sind.

Führen heißt für mich „Andere erfolgreich zu machen“,
deren Stärken und Fähigkeiten
zu erkennen, zu fördern
und Freude an ihrem Erfolg zu haben.

Einschätzbar zu bleiben
und somit Sicherheit zu geben.

Das sind aber alles keine Geheimnisse,
das kann in jedem mittelmäßigen Karriereratgeber
nachgelesen werden.

Wenn ich persönlich Frauen einen Rat geben soll,
wären dies die wichtigsten Punkte:
-    Räume Deiner Arbeit eine hohe Priorität ein
-    erwerbe Fachwissen und Kompetenz
-    suche Dir Netzwerke und KooperationspartnerInnen
-    sei zuverlässig und beharrlich
-    höre Dir den Rat und die Vorschläge Deines Teams sorgfältig an
-    behalte bei Entscheidungen die Gesamtsituation im Auge
-    entscheide nicht nur „aus dem Bauch“
   aber auch nicht ohne Empathie für die Beteiligten
-    begründe Deine Entscheidungen sachlich

6.
-    lass Dich nicht einschüchtern oder unter Druck setzen
-    lass Dich auf keinen Fall emotional manipulieren 
   oder durch Schmeicheleien einlullen.


Geboten ist ein sehr vorsichtiger Umgang mit der Macht.

Ausübung von Macht kann leicht zum Bumerang werden.
Wer anderen Angst macht, lebt gefährlich.

Machtinstrumente einmal falsch ausgespielt,
führen zum Verlust von Einfluss und Glaubwürdigkeit.

Immer die Dosierung im Auge behalten.
Nicht die Fliege auf der Glatze von Papa
mit dem Hammer beseitigen ;-).

Für meine Arbeit in dem außergewöhnlichen Milieu
mit unterschiedlichen, eigenwilligen
und sehr oft machtbewussten Menschen

ist es wichtig, nicht vorzugeben jemand zu sein,
der oder die man nicht ist

es ist besser einen Irrtum und Unkenntnis einzugestehen
als Wissen und Kompetenz vorzutäuschen.

Ein alter Kioskbesitzer im Dortmunder Norden
hat mir als Kind mal gesagt:
„Man darf die Leute nicht verarschen.
Die merken das und Du bist erledigt.“
Im Fachjargon heißt das wohl „Authentisch bleiben“.

Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen.

7.

Wenn Sie jetzt noch nachbohren wollen,
wie ich eigentlich an diese Position gekommen bin:

Nun, vielleicht einfach, weil ich ziemlich gut bin –
oder, weil nie ein Mann auf meinen Job scharf war.

Das können Sie je nach Sympathie entscheiden.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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