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Tischreden und Lesekost

Dagmar Giesecke - Leitende Oberärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Bad Homburg

Bad Homburg, 03.11.2013



Sehr geehrte Damen, liebes Organisationsteam,


zunächst einmal möchte ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken. Ich empfinde es als große Ehre, hier heute sprechen zu dürfen.
Als ich allerdings vor einigen Monaten zugesagt hatte, wusste ich noch nicht so recht, worauf ich mich einlassen würde.
Referate, wissenschaftliche Vorträge, Studentenunterricht und Informationsbeiträge für Patientinnen und Interessierte – all das sind durchaus gängige Aufgaben in meinem Berufsleben, aber eine 7– minütige Tischrede als Impuls zu gemeinsamen Gesprächen zur Zukunft von Religion und Kirche?
Hier betrete ich Neuland.
Ich bin Frauenärztin und die einzige Einseitigkeit meines vielseitigen Tuns ist die Tatsache, dass ich nur, besser gesagt überwiegend, Frauen betreue. Mein beruflicher Weg hat mich zu einer Spezialisierung geführt, der Behandlung an Krebs erkrankter Frauen.
Ich lade Sie heute Abend ein, sich gedanklich auf die Situation einer betroffenen Frau einzulassen, zu verstehen wie individuelle Entscheidungswege entstehen und wie einzigartig die Geschichte einer jeden Frau ist, die in einer Phase Ihres Lebens in die Situation kommt, die John Lennon folgendermaßen nannte:
„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“
Eine Krebserkrankung gehört in keinen Plan.
Die häufigste Krebserkrankung einer Frau ist der Brustkrebs.
Mit rund 74.500 Neuerkrankungen jährlich (RKI)  ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland.
Der Brustkrebs tritt wesentlich früher auf als die meisten anderen Krebsarten. Die Hälfte der betroffenen Frauen erkrankt vor dem 65. Lebensjahr, jede zehnte ist bei Diagnosestellung jünger als 45 Jahre – ein Alter, in dem die meisten übrigen Krebserkrankungen zahlenmäßig noch kaum eine Rolle spielen, ein Alter wo eine Frau mitten in Familien- und/oder Berufsleben steht.
Sei es die Screeninguntersuchung oder der  plötzlich entdeckte tastbare Knoten morgens beim Duschen oder eincremen der Haut – auf einmal ist alles anders und Ereignisse beginnen sich zu überschlagen.
Selten wächst ein Tumor so schnell, dass Minuten, Stunden, Tage entscheidend werden, aber mit dem Wissen um die Veränderung im eigenen Körper spielt Zeit aus psychologischer Sicht von dem Moment an eine Rolle, wo die Befundwahrnehmung nicht verdrängt, anderweitig erklärt wird sondern bewusst wahrgenommen und als Abweichung von der Normalität erkannt wird.
Genau das greife ich beim ersten Kontakt auch auf, die Befundsicherung wird zügig angestrebt und im Falle eines Karzinoms erfolgt dann, bevorzugt mit dem vertrautesten Menschen aus dem sozialen Umfeld, die Therapieplanung, die in einigen Fällen das gesamte Spektrum aus OP, medikamentöser Therapie und Bestrahlung umspannt.
Wenn Sie sich die Häufigkeit dieser Erkrankung vor Augen führen, dann ist natürlich klar, dass es auf der einen Seite für uns Mediziner eine enorme Datenlage zu Behandlungsoptionen gibt, auf der anderen Seite sich im Umfeld einer jeden Frau Menschen finden lassen, die selbst betroffen sind oder jemanden kennen, der betroffen ist.
Zu kaum einem anderen Organkarzinom gibt es einen größeren und rascheren internationalen Datenzuwachs wie zum Mammakarzinom, dem Brustkrebs.
Therapieempfehlungen stammen aus:
•    2004 publizierte und ständig aktualisierte S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mamakarzinoms der Deutschen Krebsgesellschaft
•    Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) 2013
•    Kongresse der American Society of Clinical Oncology (ASCO)
•    Dezember-Kongress in San Antonio
•    Konsensuskonferenz zur Primärtherapie des frühen Mammakarzinoms in St. Gallen 2013
Können Sie sich vorstellen, wie wenig hilfreich es dann für eine betroffene Frau in der ersten Verarbeitungsphase ist, wenn Sie mit Verläufen und Geschichten anderer aus dem sozialen Umfeld konfrontiert wird, solche, die vielleicht auch noch Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen?
Aktuelle Behandlungsoptionen ermöglichen heute viel mehr gesundes Überleben dieser Erkrankung. 
Die Frauen gehen durch mehrere verschiedene Phasen und suchen Halt und Zuwendung. Nach der Operation gibt es Veränderungen der äußeren weiblichen Geschlechtsmerkmale, bei Chemotherapie auch noch der Verlust der Haare, Wimpern, Augenbrauen und natürlich der Verlust einer zuvor typischen Aktivität zu verarbeiten.
Wie geht die betroffene Frau damit um, wie gehe ich als Familienmitglied, Freundin damit um? Eine Frage, die sich natürlich jede stellen muss, die an der Seite eines derart betroffenen Menschen steht.
Aus meiner Erfahrung rate ich, sich ganz auf die eigene Geschichte einer jeden betroffenen Frau einzulassen, eigene frühere Geschichten und Erfahrungen hintenanzustellen, ja sogar auszulassen und mit der Frau zu gehen, mit ihrer ureigenen Situation.
Fast jede Betroffene sucht nach Schuld, denkt über Vermeidung von möglichen falschen Gewohnheiten nach.
Hilfreich ist sicherlich, Schuldgedanken zurückstellen zu können, Empathie aufleben zu lassen, Barmherzigkeit und Demut empfinden zu können und bei der Hoffnung bleiben zu können.
Es ist hilfreich, wenn das Umfeld akzeptieren kann, dass die betroffenen Frau ganz eigene Entscheidungen trifft und die Auswahl derer, die Verantwortung für Abläufe übernehmen, akzeptieren kann.
Die betroffenen Frauen kommen in die Situation, sich zu outen, Ihre neuen Schwächen zeigen zu müssen und ich sehe es auch als meine, als unsere Aufgabe an, ihnen zu helfen, mutig zu werden, Selbstbewusstsein nicht zu verlieren, den Körper nicht als Mängelexemplar zu erleben bzw. Veränderungen als „Narben des Lebens“ anzunehmen.
Gerne rufe ich mir das Bild des Ruderns vor meine Augen.

Wer rudert, sieht nicht wohin die Reise geht. Jeder kann nur auf die Wegstrecke zurückschauen, die hinter ihm liegt. Aber es gibt die Erfahrung, dass das Wasser trägt, dass es vorangeht und irgendwann wird in diesem Vertrauen auch einmal das Ziel, das andere Ufer erreicht sein.
Dieses Bild des Ruderns möchte ich abschließend auf unser Leben im Glauben übertragen.
Wer im dankbaren und auch selbstbewussten Rückblick auf das, was bislang erlebt und gemeistert wurde das Boot des Lebens rudert, der sieht zwar nicht genau, wohin er sich bewegt, aber er weiß, dass Hoffnung und Vertrauen in sich selbst, in die Menschen, die das Leben begleiten und in Gott tragen können.


 Herzlichen Dank für ihr Interesse!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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