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Tischreden und Lesekost

Barbara Gladysch - „Mütter für den Frieden“

Düsseldorf-Erkrath, 28.10.2012


Hinweis: Das Impulsreferat von Frau Gladysch wurde etwas verkürzt und mit einem etwas abweichenden Text vorgetragen (Anmerkung der Veranstalterinnen)



„Was macht die Institution Kirche mit dem Thema:

- Frieden und Gerechtigkeit in der Welt - “?


Frauenmahl - Tischreden zur Zukunft von Religion und Kirche


Religion und Kirche gehören in der Regel –

und nach alter Sitte und Gebrauch –

zusammen;


Ohne Religion – keine Kirche; ohne Kirche – keine Religion;


Kirche ist ein Gebäude aus Stein.

Kirche ist auch lebendige Gemeinde.

Kirche ist Hierarchie, Bürokratie, Machtapparat.

Kirche ist auch Kerzen, Wohlfühlen, Singen.

Kirche ist Institution.

Kirche ist das Gotteshaus;

Kirche ist auch Heimat und Zufluchtsort.


Kirche sind wir.


Religion ist die Lehre von Glaubensinhalten;

 Religion weist auf die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft hin;

Religion ist ein Schulfach, das benotet wird.

Religion erzählt Geschichten von Gott.

Religion ist ein schön klingendes Wort

mit manchmal unheilvoller Bedeutung.

Religion ist:  Moralkodex, Regeln, Gebote und Verbote;

Religion  kann Entschuldigung sein für Fehlverhalten

genauso -  wie Ermutigung für Wohlverhalten.


Kirche und Religion sind für mich bürokratische Begriffe,

denen Seele und Geist fehlen.


Religion ist ein allgemeiner Begriff, über den man schreiben, lesen, diskutieren kann – über deren Inhalt man sich informieren kann – das Wissen über Religion ist für jedermann zugänglich;

Religionswissenschaften kann man studieren –

Ob man dann allerdings auch wirklich glauben kann,

ist eine andere Sache.

Für Religion kann man nicht sterben – aber für den Glauben.


Glauben ist privat, persönlich, einzigartig – individuell von mir auf Gott bezogen; meine persönliche Glaubens-Fähigkeit und - Erkenntnis

ist nicht übertragbar auf andere.


Als römisch katholisch getaufte Christin wurde mir von Jahr zu Jahr die katholische Weltkirche zu eng. Beschränkt erschienen mir die Gesetze und Gebote, meine Fröhlichkeit erstickte im Weihrauch, mein Vertrauen verlor ich in der Beichte.

Da kam mir Luther zu Hilfe, der in der katholischen Kirche keinen Platz hat. Ich las, was er 1520 „von der Freiheit des Christenmenschen“ geschrieben hatte:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Das hatte ich verstanden und für mich als gut befunden.


Für mich ist Glaube:

Leben nach Gottes Willen - begleitet mit Seiner Liebe -

und dabei mein Leben in Freiheit und Verantwortung gestalten.

In diesem Glauben zu leben macht Sinn und … Freude,

denn:


„Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei Dir sucht:

Nichts anderes, als

Gerechtigkeit tun,

Freundlichkeit lieben

und aufmerksam mitgehen mit Deinem Gott!“

                                                                   (Micha 6.8)



Bevor ich glauben konnte, musste ich die christliche Religion erst kennen lernen, mit der und in der ich in meinem Sozialisationsprozess aufwuchs.

Von der  „religiösen Kleinkinderziehung“ bis hin zum Schulfach Religion und erweitert durch die Kenntnisse  anderer Religionen bis hin zu theologischen Gottesbeweisen, philosophischen, psychologischen und anthropologischen Studien machte ich mich über meine Religion „kundig“ , lernte ich sie kennen – was nicht heißt, dass ich dadurch ein gläubiger Mensch geworden wäre.


Ein glaubender Mensch bin ich nicht durch das Studium geworden, nicht

durch den Religionsunterricht, nicht durch die sonntäglichen katholischen Messen mit dem Empfang des Leibes Christi, nicht durch den Einfluss von Kirche und Religion. Nicht Pfarrer oder Geistliche, Bischöfe oder der Papst haben mir den Glauben vermittelt, sondern die Begegnungen mit Menschen, Menschen die nach der Bergpredigt lebten  – bescheiden und selbstverständlich. Menschen, die radikal – ohne Wenn und Aber – Liebe gelebt haben und mir Vorbild waren.


Wunderbare Erlebnisse in und mit der Natur, göttliche Zeichen und Wunder haben mich beglückt und gestärkt. Ich habe Gottes Nähe erfahren, seinen Atem gespürt und den Sinn meines Lebens erkannt.

Ich begegne Gott im Nächsten. Ob es der Bettler ist oder der eingebildete Reiche. Ich suche Gott …  und finde ihn - im leisen Zwiegespräch – im Nächsten.


Der Weg zum Glauben ist noch lange nicht beendet. Er wird mich bis zum Tod begleiten – Gefühle, Handlungen, der heilige Zorn und die  zärtliche Sanftmut,  Empörung, Begeisterung, Nachdenklichkeit, Diskussionen, Wahrheitssuche und Zweifel begleiten mich auf meinem Weg  - hoffentlich – wenn ich mich bemühe


Gerechtigkeit zu tun,

Freundlichkeit zu lieben

und ich aufmerksam mitgehe mit meinem Gott.


Das entspricht meiner Vorstellung,  wie Christen mit Hilfe ihrer Religion und Kirchen mit Hilfe ihrer Institutionen

Frieden und Gerechtigkeit in der Welt

in Zukunft erleben und vorleben könnten.


Ich fordere Radikalität, Eindeutigkeit und Überprüfbarkeit von kirchlichen

Geboten und Dogmen, von deren Anordnungen und  Handlungen. Dazu gehört die absolute und eindeutige Verurteilung von Unrecht und Gewalt, von Unterdrückung und Hass. Dazu gehört gelebte Nächstenliebe ohne Wenn und Aber. Dazu gehört die klare und eindeutige Absage an KRIEG, Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung. Unrecht und Gewalt verurteilt  jeder vernünftige Mensch. Das ist zu wenig für Kirchen!

Auf ihrem Programm muss an erster Stelle die Beachtung, die  Herstellung und Durchsetzung von  Gerechtigkeit und Frieden stehen – weil diese Werte die notwendige Voraussetzung für menschenwürdiges Leben bedeutet… und  Jesus genau diese Werte auch an die erste Stelle seiner frohen Botschaft gesetzt hat.

Meine lieben evangelischen Schwestern,

neidvoll schaute ich immer wieder zur „Konkurrenz“, zu den evangelischen Christen. Der Papst billigt ihnen bis heute nicht den Begriff „Kirche“ zu – ich umso mehr!


Ich habe die Friedensdenkschrift der EKD von 1981 noch im Sinn:

“Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“!

Das war die Zeit der Friedensbewegung; 1981 gründete ich die Frauen-Friedens-Iinitiative „Mütter für den Frieden“; ich war damals Mitglied von IKvU – „Initiative Kirche von unten“. „Schwerter zu Pflugscharen“ war die evangelische Friedenslosung – im Osten und im Westen Deutschlands.

Die evangelischen Friedensimpulse gehörten wesentlich zu den Konsens - Forderungen innerhalb der gesamten bundesdeutschen Friedensbewegung. Unsere lila Friedenstücher waren unübersehbar

auf Kirchentagen und Friedendemonstrationen, bei Fastenaktionen und

Menschenketten, bei Gottesdiensten und Mahnwachen.


Der Ökumenische Rat der Kirchen rief 2001 zur Dekade (Dauer bis

2010) auf: zur Überwindung von Gewalt – mit wunderbaren Aufsätzen und Veranstaltungen.


Vor 5 Jahren, im Oktober 2007 veröffentlichte der Rat der EKD eine neue Friedensdenkschrift: „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“!

Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten. Wer aus dem Frieden Gottes lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein. Alles logisch.

In der Denkschrift wird gefordert: eine internationale Friedensordnung, zivile Konfliktbearbeitung hat immer den Vorrang vor militärischer Intervention; „gerechte Kriege“ gibt es nicht – dafür die Notwendigkeit von gerechtem nachhaltigen Frieden weltweit.

Aufrufe, Appelle, Worte … wer hört sie, wer versteht sie, wer setzt sie in die Tat um? Gehen die Worte in die Leere?  Nein – ich sehe diese Bemühungen für sehr notwendig an. Sie füllen die Leere des Nichtstuns.

Ich erhalte Informationen und schöpfe Kraft aus den Forderungen und Ermutigungen.  „Auftanken“ nenne ich das. 


Die Würde des Menschen besteht in seiner Gottes-Ebenbildlichkeit!

Flüchtlinge aus Somalia, aus Tschetschenien , Roma aus Serbien – auch diese Menschen sind Gottes Ebenbild. Wir schauen lieber weg, als dass wir uns helfend einmischen, für sie „Partei ergreifen“, wenn sie in Not sind.


Wenn es darum geht, selbst  aktiv zu werden, ziehen wir uns lieber zurück.

Aus Bequemlichkeit? Aus Unsicherheit?

Was fürchten wir? Vor was, vor wem haben wir Angst?


Wir verfügen über alle Qualitäten, die wir brauchen, um

„Gerechtigkeit zu tun,

Freundlichkeit zu lieben

und aufmerksam mit unserem Gott zu gehen!


Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott – auch wenn wir das nicht richtig begreifen können.


Begreifen können wir aber die logische Folgerung:

zu handeln,  einzugreifen – da wo es Not tut – ausgerüstet mit unserem Glauben und unserer Freiheit:

„Der Geist Gottes weht wo er will“ - auch z.B.  in Ausländerbehörden.


Nach dem Verstehen und Begreifen kommt logischerweise das Ergreifen, das Handeln, das Tun. Darum geht es mir.


Wenn die Kirche wirklich Vermittlerin unseres Glaubens ist,

… dann müssen wir sie an ihren Taten, an ihrer Geschichte, an ihrem Volk erkennen,

…  dann müssen wir Christen Zeugnis geben, die Kirche und unsere christliche Religion  als die Trägerin des Vermächtnisses Jesu Christi wahr und ernst nehmen

und nicht nur Predigen hören und Gedenkschriften lesen,


sondern Jesu Worte kompromisslos in unserem Verhalten umsetzen,

danach leben und unaufhörlich und wahrhaftig uns um Gerechtigkeit und Frieden um uns herum nicht nur bemühen,

sondern dafür kämpfen – ohne Wenn und Aber – mit friedlichen Mitteln!


Dafür ist Phantasie, Lust, Listigkeit, Empathie, Klugheit, Langmut, Wut und Mut … und eine große Portion Lebendigkeit notwendig. Und die haben wir Frauen – aus meiner Erfahrung mehr als unsre Männer.

Nutzen wir unsere Vorteile: mit Gottes Segen uns zusammenschließen und handeln. Überall da, wo wir sind. Entschlossen und  ohne Zögern!


Das käme einer Revolution gleich!


Max Frisch: "Der Glaube an die Möglichkeit des Friedens ist ein revolutionärer Glaube“ –


Ernesto Cardenal: „ Lasst uns Gott darum bitten, dass Seine Revolution geschehe – wie im, Himmel so auf Erden“!


Lasst uns hier und jetzt, morgen und überall gemeinsam dazu beitragen, dass die Revolution geschehe:


Gerechtigkeit und Frieden

für die Menschheit auf der ganzen Welt -

mit Hilfe der Institution Kirche

denn:

eine gottgewollte, menschenfreundliche und friedliche Zukunft

hat Religion und Kirche nur dann,

wenn sie kompromisslos die Worte Jesu

in die Tat umsetzt …


… und das würde wirklich

einer weltweiten Revolution nahe kommen!



Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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