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Tischreden und Lesekost

Kerstin Griese MdB - Mitglied des Bundestages und der EKD-Synode

Ratingen, 18.01.2013


Liebe Frauen,


vielen Dank für die Einladung!

„Frauen entwickeln Visionen...“ ist die Idee der Frauenmahle in der Luther-Dekade. Ein Austausch zur Zukunft von Religion und Kirche. Und Sie haben es noch mit dem schönen Appell „Aufbrechen“ überschrieben.

„Luther gelang es in seinen Tischreden, Theologie und Alltag überzeugend zu-sammen zu bringen“, so Ulrike Wagner-Rau, Professorin für Praktische Theologie und Mitorganisatorin des Marburger Frauenmahls. Das ist eine gute Idee auch für heute Abend. Sie haben mich gebeten, in sieben Minuten etwas zur Zukunft von Kirche und Religion in der Gesellschaft zu sagen.


Sieben Minuten, drei Anliegen zur Zukunft von Kirche und Politik:


1. Mehr Frauen an die Macht!

Frauen haben klare Zukunftsvisionen, sind aber in Entscheidungsfunktionen in der Unterzahl. Das gilt für die Kirche ebenso wie für die Politik. Wir haben zwar eine Kanzlerin, in NRW eine Ministerpräsidentin, so manche Superintendentin – aber im Rheinland leider keine weibliche Präses, eine Luther-Botschafterin, aber noch

lange keine echte Gleichstellung von Frauen und Männern in Kirche, Gesellschaft und Politik.

Im Bundestag haben wir knapp 33 % Frauen, in der Professorenschaft gerade mal 18 %. Gerade in dieser Woche wurde im Bundestag in einer öffentlichen Anhörung darüber beraten, wie wir mehr Frauen in die Aufsichtsräte und Vorstände der Un-ternehmen bringen können. In der Wirtschaft haben wir hier noch ein großes De-fizit, in den Vorständen finden sich nur sehr wenige Frauen. Wir haben aber 96 Prozent Männer in den Vorständen der – gemessen am Umsatz – 200 größten deutschen Unternehmen. Da stellt sich die Frage, ob das wirklich alles nur mit Qualifikation zu tun hat.

Der Manager Thomas Sattelberger, bis vor kurzem Personalvorstand der Telekom, die die 30-Prozent-Quote für Frauen in Führungspositionen eingeführt hat, hat in der Bundestagsanhörung von der hohen Bedeutung von männlichen Seilschaften, von Tauschgeschäften und von Statthalterbesetzungen gesprochen. Hier gibt es immer noch strukturelle Ungleichbehandlung.

Das Grundgesetz verlangt, dass der Staat aktiv auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirkt. Und deshalb müssen wir hier handeln, ich bin für eine gesetzli-che Quote für Frauen in der Wirtschaft, damit sich endlich etwas ändert und die vielen gut qualifizierten Frauen eine Chance haben.

In der Kirche gibt es die ersten Bischöfinnen, eine in Hamburg und eine in Mittel-deutschland, und eine Präses, in Westfalen. Aber auch hier sind es die Frauen, die die Arbeit vor Ort machen, die der größte Teil der Ehrenamtlichen in den Gemein-den sind und die immer noch nicht gleichberechtigt in der Leitung repräsentiert sind. Und das, obwohl wir sogar inzwischen mehr Theologiestudentinnen als –studenten haben. Also auch hier gibt es noch viel zu tun.


2. Kirche mitten im Leben, in der Mitte der Gesellschaft

Allerorten wird über Werteverlust geklagt. Und gleichzeitig erlebe ich eine zu-nehmende Distanz zu den Kirchen, manchmal sogar Religionsfeindlichkeit. Da wünsche ich mir von meiner Kirche, offensiver zu sein und klar zu sagen, wofür wir als Christinnen und Christen in der Gesellschaft stehen. Wenn wir den solidari-schen Zusammenhalt von Menschen gestalten und unterstützen wollen, dann sind die Kirchen ganz wichtig, um Menschen zusammen zu bringen und davon zu über-zeugen, sich füreinander und miteinander zu engagieren. Die Arbeit in unseren Kirchengemeinden und in der Diakonie ist ein Beispiel von gelebter Solidarität und Nächstenliebe. Das beginnt in unseren Städten, wenn in Tafeln für arme Men-schen Lebensmittel angeboten werden, aber auch gemeinsam gekocht wird, und das geht bis zur weltweiten Solidarität, wenn wir uns bei Brot für die Welt enga-gieren oder die Partnergemeinde auf einem anderen Kontinent unterstützen. Mir sind die christlichen Kirchen manchmal zu zaghaft. Sie könnten deutlicher und lau-ter den Mund aufmachen, wenn Armut immer größer wird und gleichzeitig auch der Reichtum wächst, wenn unverantwortlich mit der Schöpfung umgegangen wird. Kirche muss Stimme und Anwalt der Schwachen sein.

Vor kurzem haben die evangelische und katholische Kirche gemeinsam den Bun-desinnenminister zur Mäßigung gemahnt, als er angesichts der Roma, die aus Ser-bien und Mazedonien fliehen, permanent von „Asylmissbrauch“ gesprochen hat. Diese Menschen fliehen vor Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Gewalt, die Zustände unter denen die auf dem Balkan leben müssen, sind un-vorstellbar. Sie fliehen auch hier zu uns, auch hier in Homberg sind jetzt wieder Roma, die Asyl beantragen, in der alten Schule auf der Mozartstraße unterge-

bracht worden. Es war nicht überraschend, dass mit dem Winter mehr Flüchtlinge kommen werden, es sind übrigens in der Gesamtzahl 11 % der Anzahl der Flücht-linge, die Anfang der 90er Jahre pro Jahr gekommen sind, also eine sehr viel gerin-gere Zahl. Dennoch ist jedes einzelne Schicksal wichtig und wir müssen sowohl das Recht auf einen Asylantrag jedem Einzelnen zugestehen, als auch endlich mehr gegen die unbeschreiblichen Zustände in den Herkunftsländern tun, aus denen sie fliehen. Übrigens hat den Bundesinnenminister die Mahnung der Kirchen nicht sonderlich beeindruckt, er hat seine Vorwürfe wiederholt und verschärft.


3. Ein Aufruf zu Toleranz und Klarheit der Religionen

Wir erleben zur Zeit eine Radikalisierung von Religion, jeweils von kleinen Grup-pen innerhalb einer Religion. Am meisten wird sicherlich über islamischen Extre-mismus berichtet und leider ist das öffentliche Bild in den Medien, das über den Islam verbreitet wird, oft allein von Extremen geprägt. Aber auch das, was wir von US-amerikanischen Evangelikalen hören, finde ich befremdlich und beunruhigend. Im US-Wahlkampf haben wir gehört, dass dort einige Gruppen eigentlich die De-mokratie aushebeln wollen. Extreme Gruppen fallen auf, auch wenn sie nur eine Minderheit sind.

Was ist da nötig? Erst einmal Toleranz der Religionen untereinander und mitei-nander. Um tolerant zu sein, muss man die eigene Religion gut kennen und viel über sie wissen. Deshalb bin ich auch für einen bekenntnisorientierten Religions-unterricht, bei dem man sowohl die eigene Religion als auch andere gut kennen lernt. Nur, wenn man selbst einen Standpunkt hat, kann man andere einordnen, verstehen und akzeptieren. Deshalb brauchen wir zweitens die kritische Ausei-nandersetzung und Klarheit. Wenn innerhalb einer Religion z. Bsp. gepredigt wird, dass Frauen nicht gleichberechtigt sind, dann müssen wir das klar kritisieren und

können das eben nicht akzeptieren. Und ganz aktuell – weil uns das sicher alle sehr bewegt hat – sage ich ganz deutlich: wenn katholische Krankenhäuser eine Frau, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, abweisen, dann ist das unter-lassenen Hilfeleistung und das hat nichts mit christlicher Nächstenliebe zu tun. Hier muss der katholische Klerus darüber nachdenken, welche Folgen ihre verque-ren Moralvorstellungen haben können. Aus diesem Vorfall müssen Konsequenzen gezogen werden.

Ich wünsche mir eine offene Kirche und engagierte Gemeinden, die vor Ort sich gegenseitig in Kirchen, Synagogen und Moscheen besuchen und deren Mitglieder sich und ihre Religion kennen. Dann können Extreme keine Macht gewinnen.


In diesem Sinne danke ich Ihnen allen sehr herzlich für ihr ehrenamtliches Enga-gement in unserer Kirche und damit auch in unserer Gesellschaft. Sie werden ge-braucht und ohne dieses Engagement wären unsere Städte und wäre unser Alltag ärmer. Ihnen allen ein gutes, gesundes und gesegnetes neues Jahr und noch ein schönes Frauenmahl.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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