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Tischreden und Lesekost

Sabine Hahn - Interkulturelles Büro des Landkreises Darmstadt Dieburg

Tischrede von Sabine Hahn beim Frauenmahl in Groß-Umstadt 3.11.2016

EINE WELT – schön BUNT!

Liebe Gastgeberinnen, liebe Gäste,
 
danke für die Einladung. Ich freue mich sehr heute Abend hier zu sein!
 
Ich werde mit dem persönlichen Bezug zum Thema „Eine Welt“ beginnen:
 
Ich wurde in Darmstadt geboren. Als ich 8 Jahre alt war (das war 1971), zog ich mit meinen Eltern und meinem Bruder nach Kenia. Dort lebten wir 5 Jahre. Ich ging zur Schule, hatte Freundinnen und kam zum ersten Mal bewusst mit Menschen in Kontakt, die eine andere Hautfarbe hatten als ich. Ich sah und erlebte, dass Realität und gestalteter Alltag anders sein kann, als ich sie kannte.
 
Die Autos fuhren auf der anderen Straßenseite, es gab keinen Schnee, Weihnachten feierten wir zur heißesten Jahreszeit, das ganze Jahr musste ich keine – sehr von mir verhassten – Strumpfhosen tragen!
 
Die wichtigste Erfahrung aus diesen Jahren ist, dass es viele Realitäten gibt!
Ein und dieselbe Situation kann ganz anders wahrgenommen werden, Regeln, die ich für selbstverständlich halte, müssen in anderen Zusammenhängen nicht gelten, sondern es können ganz andere Regeln existieren, die ich zunächst nicht kenne und erst kennenlernen muss und dann entscheiden kann, ob ich sie übernehme.
 
Als ich 13 war zogen wir in den Iran, damals noch unter der Herrschaft des Shahs.
Ich erlebte, wie religiöse Praktiken den Tagesablauf, den Wochenablauf und den Verlauf des Jahres gestalten. Nicht mehr sonntags war nun der freie Tag, sondern freitags und der Muezzin rief mehrmals am Tag zum Gebet. Ich lernte, dass eine verabredete Uhrzeit für einen Besuch nicht unbedingt bedeutet, dass die genannte Uhrzeit gemeint ist, sondern, dass sie eher eine Richtzeit für die Tageszeit sein kann an der das Treffen stattfinden soll.
Und ich lernte, dass es nicht überall üblich ist etwas explizit abzulehnen, sondern dass dies auch durch leise Zwischentöne geschehen kann.
 
Ich machte die Erfahrung, wie wichtig die eigene Muttersprache für die eigene Identität ist und dass es ein Bedürfnis ist, diese zu pflegen und Kontakte zu Menschen zu suchen, die die gleiche Muttersprache sprechen.
 
Auch im Iran erlebte ich wie es sich anfühlt anders auszusehen, als die Mehrheit der Bevölkerung, nicht die Sprache zu sprechen, die auf der Straße und in Geschäften gesprochen wird.
 
So waren meine Kindheits- und Jugendjahre geprägt von der Erfahrung, dass wir in einer Welt leben, die viele Facetten hat, gestaltetes Leben ist nicht dasselbe in Afrika, wie in Deutschland und nicht dasselbe wie im Vorderen Orient. Die Wahrnehmung der Welt hat immer auch etwas mit den Bedingungen zu tun unter denen wir aufwachsen und leben.
Eine wichtige Erkenntnis, die mich bis heute geprägt hat.
Sicherlich ist sie eine Ursache dafür, dass ich heute ein Interkulturelles Büro leite und mich beruflich damit befasse, wie Integration und Teilhabe von Zugewanderten gelingen kann. Ganz sicher prägt sie mein Verständnis davon, dass Integrations- oder Akkulturationsprozesse Zeit benötigen und Begegnung erfordern. Und dass es sich nicht um Anpassungsprozesse handeln kann, sondern darum, dass Zugewanderte und Einheimische mit ihren jeweils eignen Erfahrungen – oder wenn sie so möchten – ihrer Kultur aushandeln, wie die Gesellschaft in der sie leben gestaltet werden soll.
 
Meine Auslandsjahre konfrontierten mich auch mit sozialer Ungleichheit.
Armut war in Kenia und im Iran sichtbar, sichtbarer als in den 70er Jahren in Deutschland.
Ich lebte unter privilegierten Bedingungen in der Migration. Dies ist für viele Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland kommen anders.
 
Soziale Benachteiligung macht Teilhabe schwieriger.
Darum ist es wichtig, soziale Bedingungen nicht zu kulturalisieren.
D.h. wir müssen uns immer fragen, ob unterschiedliche kulturelle Herkunft die Ursache für Konflikte ist oder nicht die soziale Herkunft.
Dies wird auch durch die Sinusstudie belegt. Eine Studie, die unterschiedliche Milieus untersucht, denen sich Menschen zuordnen lassen. Die Übereinstimmungen zwischen Menschen aus einem Milieu, unabhängig von ihrem Herkunftsland, sind größer als die unter Menschen aus einem Herkunftsland.
 
Wichtig ist es, Menschen in ihrer Vielfältigkeit zu sehen.
Nicht nur ein einem anderen Land gibt es verschiedene Lebenswelten, sondern innerhalb jeder Gesellschaft. Zusammenleben hat immer mit Dazugehören und Nichtdazugehören zu tun, mit Nähe und Distanz.
Bedingungen unter denen wir groß geworden sind, nicht außer Acht zu lassen, aber nicht alle Unterschiede auf unsere Herkunft zurück zu führen. Aus meiner Sicht geht es darum, Angebote für Begegnung zu schaffen, sich in diesen Begegnungen vorhandene Machtverhältnisse bewusst zu machen und unterschiedliche Perspektiven aber auch Werte und Normen auszuhalten.
 
Wir sollten in einen Dialog darüber eintreten, welche Werte für uns warum nicht verhandelbar sind und welche wir neu aushandeln. Werte und Normen unterliegen immer auch einem gesellschaftlichen Wandel, auch Kultur ist nicht statisch, sondern verändert sich ständig.
Vielfalt bedeutet Unterschiedlichkeit und Gemeinsamkeit, Nähe und Distanz.
Vielfalt bedeutet auch Unterschiede aushalten zu können, dies ist nicht immer leicht, aber wichtig. Vielfalt bedeutet aber nicht, dass wir soziale Ungleichheit hinnehmen sollten!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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