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Tischreden und Lesekost

Kerstin Hensel - Professorin Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch Berlin“

Tischrede Frauentreff Meißen am 8.3.2015


„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, daß ich erkannt bin.“ Was für Sätze! Sie haben für mich eine ins Endlose gehende, gleichsam beklemmende Faszination – wie vieles, was in der Bibel steht. Was mich faszinieren soll, muß ein Geheimnis haben. Die zitierten Sätze aus dem ersten Korintherbrief sprechen vom „dunklen Bild“, das „durch einen Spiegel“ gesehen wird und sind doch selbst ein BILD – nämlich ein poetisches.


Für meine Begriffe geht es um das kreative Sehen, um das Wahrnehmen/Erkennen Gottes, der Welt, sich selbst. Das Erkennen geschieht nicht durch Aufzählen von Fakten oder Informationen, nicht durch eine klare Ansage, Mitteilung oder Formel. Gleichnisse, Symbole, Metaphern sind  Katalysatoren dieses Erkennens. „Unser Wissen ist Stückwerk“ heißt es im selben Brief. Dem Denken als „Stückwerk“ stimme ich zu, das ist das Spannende, weil veränderbar, korrigierbar. Das „Vollkommene“, wenn es denn kommen würde, heißt es im folgenden Satz – würde das Stückwerk aufheben. Das wäre mir suspekt, weil es eben kein deutbares Bild zulassen, weil es starr, apodiktisch, ideologisch – also langweilig sein würde. 


Mit einer starken Metapher kommt keine Langeweile auf. Das Wort stammt vom griechischen „meta pharein“ und bedeutet „anderswohin tragen“. Die Sätze tragen anderswohin – sie sind auslegbar wie ein Gedicht, im theologischen, philosophischen wie im literarischen Sinne. Die Sätze handeln vom Schöpfer und sind selbst Resultat eines schöpferischen Vorganges (in diesem Fall ist der Urheber Apostel Paulus). Das „dunkle Bild“ ist eine Metapher, und eine Metapher ist etwas wie ein dunkles Bild. Hier verkörpert Gott das dunkle Bild. Dunkel bedeutet Undeutlichkeit, das nicht Festlegbare, das Undurchschaubare, an das man sich als betrachtender Mensch bestenfalls annähern kann. Also kein Bild im Sinne der Abbildung Gottes in einer sicht- oder faßbaren Gestalt „In Bildern sprechen“ bedeutet Gleichnisse und Metaphern gebrauchen, um zu erkennen und um das Geheimnis zu bewahren. Es ist das Transzendente, was jede Kunst in sich trägt.


Interessant finde ich, daß es in der originalen Lutherübersetzung „Wir sehen itzt durch einen Spiegel in einem tunckelen Wort…“ heißt. Also WORT, nicht BILD.  Das Wort wird zum Bild, weil es ein besonderes Wort ist. „Am Anfang war das Wort“: das heißt: am Anfang war das Bild. Im Altgermanischen heißt Bild „bil“, das bedeutet „Wunderkraft“.


Wir werden beim Blick durch den Spiegel (Nicht IN, sondern DURCH den Spiegel!) nicht mit einem hellen, klaren, schönen oder bunten, sondern mit einem „dunklen Bild“ konfrontiert (sei damit das Urbild der Liebe Gottes, eine Ikone, ein Weltbild oder die irdische Zukunft gemeint). Das Dunkle macht Angst, aber auch Lust auf Abenteuer der Bilderkundung. Sehen wir uns von „Angesicht zu Angesicht“ – könnte es heißen: der Mensch schaut Gott, Gott schaut den Menschen. Das wirkt auf mich selbstbewußt-erhaben, wie auch beängstigend. Die Menschen- bzw. Gottesebenbildlichkeit ist eine unendlich deutbare Metapher, die Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten beschäftigt. Wie auch immer: Das Erkennen geschieht „stückweise“, also nicht mit einem schnell drüber geworfenen Blick, sondern der Vorgang ist mit aufregendster Anstrengung verbunden. 


Metaphernsprache ist wichtig für jegliche Erkenntnis, die nicht auf das rein Wissenschaftliche oder Faktische aus ist, die sich nicht schnell formulieren läßt und die man nicht bis ins Letzte fassen kann. In unserer Welt, in deren Medien simple Bilder durch Eindimensionalität und die Flut ihrer Zahllosigkeit herrschen, brauchen wir die Metapher, die gelungene, stimmige Metapher wohlgemerkt. Es geht um das Freisetzen von Fantasie. Da für mich (als Atheistin) die Bibel zu den großen Kunstwerken der Menschheit zählt, ist sie ein Springquell dieser Fantasie. Kunst braucht Diffusion. Bilder, je weniger klar bzw. genau sie sind, werden umso geräumiger für den Geist. Sieht man weniger, kann man mehr beschreiben, und dadurch wiederum mehr sehen. Mißlungene Bilder sind nicht geräumig für den Geist, sondern nur verwirrend.  


Bilder (ob poetische oder malerische) nähren sich seit eh und je aus erzählten und überlieferten Geschichten, und diese nähren sich aus Bildern. Bilder als komplexe Zeichen sind nur lesbar/deutbar, wenn man ihren Code kennt. Kennt man ihn nicht, verliert man die Orientierung. Mißverständnisse verhindern das Erkennen – das kann bis zu narrativen Explosionen und Auslöschungen gehen. 


Ich werde Ihnen jetzt den Anfang der 1. Duineser Elegie von Rilke vorlesen. Diese haben mit unserem Motto zu tun:


Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich an Herz: ich vergingen von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grad ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
Dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
Wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersehen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.


Rilke spricht vom Sichtbaren und Unsichtbaren. Sichtbar gemacht werden die Gedanken in einer grandiosen Bildlichkeit, unsichtbar verborgen sind sie in ebenso starken wie zarten Gleichnissen, Metaphern und kühnen Verkürzungen. Das Übersinnliche ist das Sinnliche, das Sinnliche das Übersinnliche. Rilke spricht nicht von Gott, sondern von Engeln, aber zwischen ihnen und den Menschen herrscht eine vergleichbare Kluft. Der Engel wird schrecklich genannt. D.h. im Rilke’schen Verständnis: der Mensch ist dem Anblick des Engels nicht gewachsen und versetzt ihn in den höchsten Schrecken. Ebenso wie das Schöne. Würde es uns in seiner Vollkommenheit offenbart  – es ginge über unsere Vorstellungskraft hinaus und würde schrecklich werden. Da sind wir wieder beim Anblick Gottes, dem Vollkommenen, dem letzten, dem ENDBILD.


Der Dichter Heiner Müller schrieb 1955 – da war er 26 Jahre alt – einen Intertext zu Rilkes 1. Duineser Elegie.


BILDER
Bilder bedeuten alles im Anfang. Sind haltbar. Geräumig.
Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung.
Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die Wolke vom Flugzeug
Aus: ein Dampf, der die Sicht nimmt. Der Kranich nur noch ein Vogel.
Der Kommunismus sogar, das Endbild, das immer erfrischte
Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder, der Alltag
Zahlt ihn aus mit kleiner Münze, unglänzend, von Schweiß blind
Trümmer die großen Gedichte, wie Leiber, lange geliebt und
Nicht mehr gebraucht jetzt, am Weg der vielbrauchenden endlichen Gattung
Zwischen den Zeilen Gejammer
                                Auf Knochen der Steinträger glücklich
Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.


Hier geht es um das problematische Verhältnis zwischen Bild und Narration, um die Macht der Bilder. Müller kritisiert das religiöse Setzen auf das Bild des Kommunismus, das vorgibt, vollkommen, also ein Endbild zu sein. Der Dichter weiß, daß das Leben, die Realität solchen Bildern die Kraft nimmt und sie als unbrauchbar entlarvt. Die Wirklichkeit, sagt er, ist das Gejammer zwischen den Zeilen.  Auch das Schöne ist nicht mehr bildlich beschwörbar. Es wird zwar als das mögliche Ende der Schrecken zitiert, aber es hat keine Gegenwart. Während Rilke sich zum Sehen bekennt, weiß Müller um das Versagen der Bildlichkeit. 


Für mich, für uns heute, will ich nur noch mal betonen, was mir am wichtigsten ist: Erkennen ist Stückwerk.
(Berlin, Februar/März 2015)

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