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Tischreden und Lesekost

Karen Hinrichs - Oberkirchenrätin

Textcollage von Karen Hinrichs für die Jahrestagung des Konventes Evangelischer Theologinnen vom 14.-17. Februar 2016 in Bad Herrenalb


Karen Hinrichs als Olympia Morata (1526-1555)

Seid gegrüßet, liebe Schwestern, die ihr so fern seid von mir und doch verbunden in einem Geiste und einer Taufe!

Vergebt mir, wenn meine äußere Erscheinung nicht dem Bildnis entsprechen kann, das vor Zeiten von mir gemalt wurde, als ich als Hoffräulein der Prinzessin Anna diente am Hofe der Este in Ferrara. Nie zuvor und niemals danach habe ich ein solch prächtiges Gewand getragen wie auf jenem Bildnis!

Das Gewand aber, mit dem ich nun dank Gottes Gnade die Ehre habe vor euch sprechen zu können, das gab mir die Gräfin Elisabeth von Erbach in ihrem Großmut. Im Wasserschlosse von Michelstadt im Odenwald hatten wir Zuflucht gefunden nach unserer Flucht aus der Stadt Schweinfurt, das von den bischöflichen Soldaten niedergebrannt wurde, wobei wir erneut unser Hab und Gut verloren, welches wir nach all den Strapazen auf dem Weg aus dem papistischen Italien endlich wieder gewonnen hatten. Doch dazu später mehr.

Dies Gewand also gab mir die Gräfin Elisabeth von Erbach und sprach dazu: „Zuerst wollte ich es dir schenken als Frau des Professors Grundler, der berufen wurde, die Heilkunde zu unterrichten an der Universität zu Heidelberg. Doch nun freut es mich besonders, es dir zu geben als der ersten Frau, die eine Hochschullehrerin wird.“
Kaum konnte ich es selbst fassen, denn so war in Erfüllung gegangen, was ich als junges Mädchen erträumt und in griechische Verse gefasst hatte. Ich trage es euch in der deutschen Sprache vor, die ich so mühsam erlernte. So also dichtete ich mit 15 Jahren, damals in Ferrara:

„Niemals erfreute das Herz aller Menschen ein und dasselbe,
niemals gab gleichen Sinn Zeus allen Menschen zugleich.

Rossebezähmer war Kastor, im Faustkampfe stark Polydeukes,
stammten vom selben Schwan beide Helden doch ab!

Ich, zwar Frau von Geburt, verließ doch die Werke der Frauen:
Körbe und Spulen mit Garn, Fäden zum Zettel gespannt.

Mir schenken Freude die blühenden Auen der Musen,
die Chöre auf dem hohen Parnaß, der sich zweifach erhebt.

Andere Frauen mögen an anderen Dingen sich freuen.
Dies allein bringt mir Ruhm, dies allein ist mein Glück.“

So dichtete das junge Mädchen, das einst ich gewesen. Und seltsam, als durch Gottes Gnade ich wirklich fand, wonach ich einst suchte, und das Griechische lehren durfte, da war es mir das kleinste Glück.

Die größere und größte aller Ehren war mir, im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus ein anderes Ziel gefunden zu haben: die himmlische Heimat, das ewige Leben.
Nach den Jahren der Flucht, nach all der Not und Angst, die ich durchlitten, nach der Trauer um so Viele und um die Geschwister im wahren Glauben, die mir durch die Häscher des Papstes genommen wurden, durch Kriege und durch die Pest, nach dem Verlust meiner geliebten Bücher, und auch meiner eigenen Schriften, nach so viel Trauer, habe ich dies erkannt.

Ach, liebe Schwestern, es gibt flüchtige Freuden und ich kannte viele davon, einst am Hofe von Ferrara, wobei neben dem Studium der Schriften Homers, des Cicero, des Platon und all der anderen auch das Tanzen mir großes Vergnügen bereitete.

Doch kein Buch und kein Gewand, sei es noch so schmückend, keine goldenen Wagen, keine Edelsteine, ja nicht einmal die Liebe meines Gatten Andreas Grundler und die Freundschaft meines Mentors Celio Curione im fernen Basel ist mir so kostbar geworden wie dies: Mein Kreuz zu tragen und so das Schicksal Jesu zu teilen. Etwas Größeres gibt es nicht für einen Menschen. So sehnte ich mich in Heidelberg immer mehr danach, mit meinem Herrn Jesus Christus, dem wahrhaften Erlöser, in jenem ewigen und seligen Leben zusammen sein zu können.

Doch will ich, liebe Schwestern, in Kürze berichten von meinem Lebenswege von nicht einmal dreißig Jahren.

Geboren ward ich als Tochter der Lucrezia und des Gelehrten Fulvius Morata in Ferrara. Olympia nannte er mich, der die griechischen Dichter liebte, und Pellegrinus, einen Pilger, nannte er sich. Denn er war ein frommer Mann, dem übel wurde, wenn der Glaube verunreinigt wurde durch allerlei Abgötterei und Unkenntnis der heiligen Schriften auch unter den Priestern.

Durch meinen Vater erfuhr ich schon früh von der neuen und einzig wahren Lehre, las Schriften aus Genf von dem hochverehrten Calvin, der einmal kurz in Ferrara weilte. Ich allerdings liebte damals noch mehr als alles Theologische die alten Dichter, Prosa und Poesie. Früh lernte ich zu parlieren und auch zu disputieren in der lateinischen und griechischen Sprache und beschämte so manchen der Studiosi, die meinten, einem Weibe die Fähigkeiten des Denkens absprechen zu können.

Ein tiefer Schrecken war für mich, am Schicksal eines Predigers und Bruders im Glauben zu erkennen, wie grausam die Inquisition die Anhänger der evangelischen Lehre verfolgte. Denn einmal habe ich, all meinen Mut zusammen-nehmend, den Prediger Fanino Fanini in seinem Kerker besuchte, um ihn zu trösten. Und ward dann so viel mehr selbst getröstet ob seiner Standhaftigkeit und seiner Glaubensfestigkeit! Kurz darauf ward auch ich unter einem Vorwand vom Hofe gewiesen.
Dann pflegte ich meinen Vater, bis er starb und unsere Familie geriet in Armut.

Doch immer wieder sendet Gott Menschen, um den Seinen zu helfen!
Als ein junger Glaubensbruder und Freund meines Vaters, ein deutscher Heilkundiger aus der Stadt Schweinfurt, der an der Universität zu Ferrara promovierte, um meine Hand anhielt, da sagte ich zu. Doch mehr aus Not und Ratlosigkeit, denn aus Liebe. Aber es wuchs in mit die Liebe zu meinem Manne von Tag zu Tag, und niemals hätte ich einen treueren Unterstützer finden können in meinem Ehrgeiz, Bücher zu studieren und die Sprachen zu erlernen.

So ging ich mit ihm in seine Heimat, und wir nahmen meinen kleinen Bruder Emilio mit uns, um ihm eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Mit diesem Ziel verabschiedete ich mich von meiner Mutter und meinen Schwestern, die ich nie wieder sehen sollte.

Ach, es war ein langer Weg durch unerwartet große Gefahren. Nicht wie Reisende waren wir, sondern so viel mehr wie Flüchtende, 14 bittere Monate lang, unstet und heimatlos. Mal flohen wir vor den kriegerischen Horden, die ihr Unwesen trieben, mal hieß es, den Häschern der katholischen Fürsten aus dem Wege zu gehen oder die Ansteckung zu fliehen vor den Seuchen, die überall grassierten. Nur sehr langsam kamen wir über die Alpen und weiter nach Norden voran. Schließlich fanden wir Aufnahme im Augsburger Land bei dem königlichen Rat Georg Hörmann. Wo ich endlich, endlich wieder eine Bibliothek nutzen konnte zum Studieren und Unterrichten meines Bruders Emilio!

Dann mussten wir wieder gehen und kamen nach Würzburg und schließlich nach Schweinfurt, in die Heimat des Gatten. Dort hat mein Mann Andreas bald Arbeit gefunden als Stadtphysikus. So hatten wir endlich wieder ein Auskommen und ein Haus mit einem Herd, ja, mit einem eigenen Ofen.

Als dann mein Mentor und Freund Celio Curione, der nunmehr in Genf, darauf in Basel die reformatorische Lehre und die Bücher der Humanisten verbreitete, mir ein versiegeltes Fass mit Büchern kommen ließ, habe ich mein Glück nicht fassen können.

Doch dann kam neues Elend über uns und großes Leid. Erst wurde Schweinfurt überfallen von dem üblen Markgraf Alkibiades von Brandenburg, dann wurde die Stadt belagert von den Soldaten der fränkischen Bischöfe, die grausam wüteten. Wir verloren alles, was wir hatten, als die Soldaten die ganze Stadt in Brand und Trümmer legten. Zu Fuß flohen wir, rannten um unser nacktes Leben und konnten nichts retten, als was wir am Leibe trugen.

Vollkommen entkräftet fanden wir Flüchtenden Aufnahme erst in Hammelburg, dann auf der Burg Rieneck, und schließlich bei den evangelisch gesinnten Grafen von Erbach. Das habe ich euch schon berichtet. Die Barmherzigkeit der beiden Brüder und Grafen Eberhard und Georg und ihrer Frauen erstaunte mich sehr. Besonders Gräfin Elisabeth, die Gattin des Grafen Georg von Erbach und Schwester des Kurfürsten Friedrich, nahm uns mit offenen Armen auf und beschenkte uns reichlich.

Mir kam es wie ein Wunder vor, dass diese hohen Herren um des Evangeliums willen Leben und Besitz Gefahren aussetzten und ein so frommes Leben führten. Ich wollte, alle Herren und Fürsten wären so!

Graf Georg vermittelte also erst meinen Mann Andreas an die berühmte Universität zu Heidelberg und schon bald darauf durfte auch ich die ersten Schüler im Griechischen unterrichten und einige Vorlesungen halten, und das als ein Weib. Doch war ich geschwächt seit den Strapazen der Flucht und hustete sehr und war immer wieder für Wochen sehr fiebrig.

So konnte ich außer vielen Briefen nur wenig Eigenes schreiben. Ich versuchte, die im Schweinfurter Stadtverderben verloren gegangenen Texte aus dem Gedächtnis von Neuem zu Papier zu bringen, weil Celio Curione, nun in Basel weilend, sie verlegen und drucken wollte.

Das gab mir wohl neue Kraft, ebenso das freie Gespräch mit den Studenten, das Übersetzen von Psalmen, die Lektüre der Schriften des Doktor Luther und des verehrten Johannes Calvin.
 
Meinen Frieden aber habe ich gefunden im Studium der Heiligen Schrift und im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. So konnte ich als eine Tochter Gottes mit Freuden über die Schwelle des Todes hinübergehen in das ewige Licht.

Aus der Ferne bitte und beschwöre ich euch, meine Schwestern, auf das Herzlichste: Übet ernsthafte Frömmigkeit, verlegt euch auf die Heilige Schrift und auf das Beten.

So behüte euch Gott! Lebet wohl!

Verwendete Literatur:
1) Olympia Fulvia Morata, Briefe, Hrsg. Rainer Kößling, Leipzig 1990
2) Olympia Fulvia Morata, Stationen ihres Lebens, Katalog zur Ausstellung im Universitätsmuseum Heidelberg, 26.März-8. Mai 1998, bearb. Von Reinhard Düchting u.a. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher, 1998
3) Ulrike Halbe-Bauer, Olympia Morata- In Heidelberg lockte die Freiheit, Mannheim 2012
4) Sonja Domröse, Frauen der Reformationszeit, Göttingen 2014.

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