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Tischreden und Lesekost

Constanze Hintze - eschäftsführerin von Svea Kuschel + Kolleginnen, Finanzdienstleistungen für Frauen

Tutzing, 5.7.2012


Ladys, das ist Euer Geld!


Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, suchen nicht den Extra-Kick fürs Depot, sondern wollen sich um ihre Altersvorsorge kümmern. Nichts treibt Frauen mehr an, als die Sorge, im Alter mittellos zu sein. Denn Fakt ist: Altersarmut ist weiblich.

Die gesetzliche Durchschnittsrente betrug in den letzten Jahren im Schnitt 848 Euro — bei Männern waren es 1.205, bei Frauen jedoch nur 577 Euro (Alterssicherungsbericht 2008).

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel, wie der Volksmund sagt. (Quelle: DlW Deutsches

Institut für Wirtschaftsforschung).

Wovon leben also Frauen und Männer im Alter? Die Gesetzliche Rentenversicherung macht 65 Prozent aus. 19 Prozent kommt aus betrieblicher Versorgung, Zusatzversorgung und anderen geförderten Renten. Den Rest bilden Transferzahlung und Einkommen. 10 Prozent macht die Private Vorsorge aus (darunter: Ehepaare 12%, Single-Männer 11%, Single-Frauen 6%). Fakt ist auch: Sobald Lebensbiografien von der Norm abweichen, erhöht sich das Risiko, im Alter arm zu sein.

Frauen haben viel zwar viel erreicht in den letzten Jahrzehnten — so verwaltete der Mann noch bis Mitte 1958 das von seiner Frau in die Ehe eingebrachte Vermögen ihr Einkommen — doch hinken Frauen in Sachen Vermögensbildung, Einkommensentwicklung und Machtfülle den Männern noch immer hinterher. Immer noch viel zu viele Frauen haben auch, wenn es ums Geld geht, wenig Freude und keinen Plan. Sie alle verpassen mit dieser Einstellung den Zug in Richtung Wohlstand.

„Komm mir nicht schon wieder mit der Altersvorsorge! Was soll denn da schon groß rüber- kommen? Und wer weiß, ob ich überhaupt so lange lebe ...“.

Woran liegt es? Die meisten Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, denken anders. Ihre Sätze beginnen mit „wir“: Wir wollen uns eine lmmobilie kaufen. Damit meinen sie ihre Familie. Sie selbst, ihre Wünsche und Ziele, stellen sie wie so oft hinten an. Sie sind damit anders als die Männer, deren Ego-Gen einfach ausgeprägter ist. Es mag auch daran liegen, dass uns unsere Kinder, die wir geboren haben, uns schon allein deshalb mehr am Herzen liegen.

Dann ist da noch das Wort. Die Sprache der Finanzwelt zieht nicht wirklich in ihren Bann.

Wer schon einmal den Rechenschaftsbericht eines Goldminenfonds oder die Bedingungen einer Rentenversicherung gelesen hat, weiß, was ich meine. Nur wenige Frauen wissen, was es mit der Börse auf sich hat. Die meisten ahnen nur: Das ist undurchsichtig, da wird spekuliert und die großen Gewinne machen immer die anderen. Die Finanzkrise hat diesen Eindruck bestätigt. Ihr Vertrauen in die Kapitalmärkte und in Geldanlageprodukte liegt ungefähr bei Null.
Doch zurück zu unseren Ursprüngen. Nehmen wir an, das Mädchen hat ein klasse Abitur geschafft. Macht sie sich jetzt zielbewusst auf den Weg an die Spitze? Schön wär‘s. Bei der Wahl der Studiengänge bestätigen sich die gewohnten Verhaltensmuster. Frauen entscheiden sich gern für die „Schmuse-Fächer“. Sie studieren Germanistik, Kunstgeschichte und Marketing, also die Fächer, mit denen sie im Lehramt, im Museum oder in einer netten.Position im Mittelbau landen. In der Tiermedizin liegt der Frauenanteil bei den Studienanfängern sogar bei 85 Prozent. Idealismus und Tierliebe führen sie zu diesem Studium, nicht die Aussicht auf eine solide finanzielle Zukunft. Anders ist das nicht zu erklären, denn das Anfangs- gehalt einer Tierärztin liegt bei 2.000 Euro — und steigt im Lauf der Zeit auch nicht wesentlich. Kein Wunder, dass die Männerquote so gering ist. Frauentypische Jobs bleiben so lange schlecht bezahlt, so lange sich vor allem Frauen dafür entscheiden. Viele Männer gäben prima Kindergärtner ab. So lange aber vor allem Frauen diesen Job machen, werden gesellschaftliche Anerkennung und Löhne da nicht steigen.
Die Kerle sind schlauer. Sie studieren die Karrierefächer Jura, Volkswirtschaft und Naturwissenschaften. Die Mehrzahl der Vorstände der DAX-Unternehmen kommt aus diesen Fakultäten, und so sind die Top-Management-Positionen fest in Männerhand. Ich fürchte: Da hilft auch keine Frauenquote! Nachfolgerin von Josef Ackermann wird man nicht als Kunsthistorikerin.
Schluss mit der Bescheidenheit: Mehr Mut: Mitspielen, statt Kaffee kochen. Einen „männlichen“ Beruf wählen, wenn wir Lust darauf haben. Fragen wir unsere Töchter, ob sie wirklich Lust auf Dienstleistung oder Tiermedizin haben. Oder nicht doch Software entwickeln und Chirurgin werden wollen. Und mehr verdienen.
Kennen Sie auch Frauen, die zunächst als toughe Managerin auftreten und dann, kaum ist der Nachwuchs da, zur Glucke mutieren?! Bei vielen Paaren kommt es nach der Geburt des ersten Kindes zur traditionellen Rollenverteilung. Sie schultert zuhause die Hauptlast, er macht Karriere. Das liegt nicht immer an fehlender Betreuung für die Kinder, viele Frauen entscheiden sich aus purer Überzeugung für dieses Leben. Sie verzichten zugunsten von Kindern auf eigenes Fortkommen und finanzielle Unabhängigkeit. Und wenn sie doch wieder starten — wir haben ja einen ordentlichen Beruf gelernt! — dann auf Teilzeitbasis. 2009 ist mehr als jede zweite Frau teilzeitbeschäftigt (Institut für Arbeits- und Berufsforschung, IAB).
Teilzeit wird schnell zur Falle! Zuhause das Schuldgefühl, zu wenig bei den Kindern zu sein,
und im Büro die Enttäuschung, weil die Gehaltssprüngelmmer die anderen machen. Und auf dem Rentenkonto landen nur ein paar mickrige Kröten, während der Gatte mit dem Boss über seine Tantieme verhandelt. Für diese Frauen gilt das Prinzip Hoffnung. Denn ihr Altersvorsorgeplan heißt Georg. Wahlweise auch Thomas, Klaus oder Marcus
Und wie schaut es bei den Single-Frauen aus? Die Leichtsinnigen investieren in Gucci, Armani & Co., bei den Zögerlichen schlummert das Geld auf mager verzinsten Tagesgeldkonten. Da allerdings jagen sie jedem Zehnteiprozent mehr Zins hinterher. Wenig Strategie und viel Arbeit. So wird das alles nichts mit der finanziellen Unabhängigkeit.
Wie war das nochmal?! „Komm mir nicht schon wieder mit derAltersvorsorge! Was soll denn da schon groß rüberkommen? Und wer weiß, ob ich überhaupt so lange lebe ...“. Meine eigene Freundin sagt das!
Aber: Eine stetig wachsende Gruppe von Frauen hat das Ernährermodell in die Mottenkiste verbannt. Frauen, die heute heiraten, tun das nicht in der Erwartung, damit eine Lebensversicherung zu unterschreiben. Sie heiraten aus Liebe und haben schon genug damit zu tun, ihre Beziehung so zu gestalten, dass sie auf Dauer eine Chance hat. Aber das ist ein anderes Thema...
Moderne Frauen nehmen ihre finanzielle Selbstverantwortung ganz selbstverständlich wahr und kümmern sich um ihre Altersvorsorge. Mit Leidenschaft, Freude und dem eigenen Geld! 44 Prozent der erwachsenen, berufstätigen Frauen leben bereits von ihrem eigenen Einkommen. Und mittlerweile verdient jede 10. Frau mehr als ihr Partner. 1991 war es erst jede fünfzehnte (Familienbericht der Bundesregierung, veröffentlicht im Juni 2010). Ein schöner Trend, der Mut macht!
Von der finanziellen Unabhängigkeit zum Wohlstand sind es nur noch wenige Schritte. Die
Zeiten weiblicher Bescheidenheit sind längst vorbei. Denn Frauen schaffen alles! Frauen haben die besseren Schulnoten, die besseren Examina und punkten als Chefinnen mit Empathie und emotionaler Intelligenz. Frauen werden bei uns Bundeskanzler oder Chefin des IWF, übernehmen Verantwortung in Unternehmen und Medien. Trauen wir uns also, Forderungen zu stellen. Und selbst aktiv werden. Frauen erwarten zu häufig, dass man ihre Bedürfnisse und Wünsche erkennt, ohne dass sie sie wirklich deutlich formulieren.
Alice Schwarzer sagte einmal „Frauen begnügen sich nicht mehr mit der Hälfte des Himmels, sie wollen die Hälfte der Welt.“ Nun — wir wollen die Hälfte vom Geld (und der Macht). Und das steht uns zu.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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