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Tischreden und Lesekost

Heike Hofmann - MdL Hessen

Tischrede Frauenmahl am 6. November 2014 in Groß-Umstadt

Herausforderungen an die Politik für den Zusammenhalt in Stadt und Land


Sehr geehrte Damen,

vielen Dank für die Einladung zum heutigen Frauenmahl!


„Essen, reden, reformieren“ ist der Gedanke der Frauenmahle in der Luther-Dekade. Luther gelang es in seinen Tischreden, Theologie und Alltag zusammen zu bringen. Das ist auch eine gute Idee für heute Abend. Sie haben mich gebeten, etwas zum Thema Herausforderungen an die Politik für den Zusammenhalt in Stadt und Land zu sagen.


Lassen Sie mich zunächst einige Fakten nennen:

Die Lebensbedingungen in Stadt und Land sind unterschiedlich und unterliegen verschiedenen Herausforderungen und Antworten.

So wird angesichts des demografischen Wandels, welcher die Veränderungen der Altersstruktur in der Bevölkerungsentwicklung beschreibt, in Hessen die Bevölkerung bis 2030 von jetzt 6 Millionen Menschen auf 5, 8 Millionen Menschen absinken. In ländlichen Gebieten, wozu ich auch den Landkreis Darmstadt-Dieburg mit Groß-Umstadt rechne, wird es einen Bevölkerungsrückgang von –3% geben, hingegen für die Wissenschaftsstadt Darmstadt einen Zuwachs von ca. 0,8 %.

Dabei lässt der demographische Wandel einen klaren Trend erkennen. Im ländlichen Raum wird der Anteil junger Menschen sinken, der der Älteren weiter steigen. Der Anteil der Älteren in ländlicheren Gegenden liegt heute bereits bei 30 %.


Was bedeutet also Zusammenhalt im ländlichen Raum?

Dies ist differenziert zu beantworten. Zusammenhalt kann man als funktionierende Dorfgemeinschaft verstehen.

Gerade auf dem Dorf „kennt man sich noch, auch über Generationen hinweg.“ Es gibt oft noch eine sorgende Gemeinschaft mit einem gesellschaftlichen Leitbild. Sich in Vereinen, Verbänden, örtlichen politischen Gremien einzusetzen; hier hat der ländliche Raum ein bedeutendes Potenzial. Oft kann man auf lange gemeinsame Traditionen zurückschauen wie, z. B. die Raiffeisenbewegung zeigt. Gerade dieser Zusammenhalt ist ein wichtiger Entwicklungsfaktor für den ländlichen Raum.


Dabei ist es wichtig, die Identität und Verbundenheit der Menschen mit ihrer Regionen zu fördern, die kulturelle Identität zu bewahren, das Vereinsleben sichern. Wir müssen die sozialen Prozesse und Konzepte zur Belebung unserer Dörfer unterstützen. Dorfgemeinschaftshäuser sollen in Zukunft noch stärker als dauerhaft belebte Kommunikationsorte gestaltet und wenn möglich als Multifunktionszentren (Café, kleiner Laden, Veranstaltungsräume, Praxisräume etc.) dienen.


Aus meiner Sicht ist es besonders wichtig, dass die Lebensbedingungen in Stadt und Land gleichwertig sind. Gleichwertige Lebensbedingungen sind für den sozialen Zusammenhalt wichtig und gerade diese stehen immer mehr in Frage und müssen erkämpft bzw. erstritten werden.


Was bedeutet Zusammenhalt in der Stadt?

Auch in der Stadt ist die füreinander einstehende Nachbarschaft sehr wichtig. Das Projekt „soziale Stadt“ und nachhaltige Wohnbauprojekte, wie z. B. Mehrgenerationenhäuser fördern den sozialen Ausgleich und das Miteinander.


In den Städten ist das Thema Integration, das Miteinander von unterschiedlichen Kulturen groß. Dabei bedeutet für mich Integration nicht Assimilation, sondern einander verstehen, anerkennen, respektieren, sich miteinander auseinandersetzen. Es gibt auch einen Zusammenhalt von Stadt und Land, nämlich dass Stadt und Land nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.


Es gibt viele positive Beispiele wie Gemeinsinn gestiftet und gefördert werden kann, z.B. durch Bürgerbeteiligungsprozesse. Dazu habe ich erst jüngst selbst ein positives Beispiel erfahren: In meinem Dorf Gräfenhausen, wo ich lebe, wollen wir einen Mehrgenerationenparcours im Herzen unseres Dorfes entstehen lassen. Anstatt den Bürgern einfach „etwas überzustülpen“, werden sie befragt und einbezogen mit ihren Ideen und Anregungen.


Ich bin persönlich von den Familienzentren überzeugt und begeistert. Bei Familienzentren werden bei Kindertagesstätten Familien Räume für gemeinsame Begegnungen geschaffen, es finden Erziehungsberatungsgespräche statt etc. Die ganze Familie wird in das pädagogische Konzept miteinbezogen. Oder die Bürgerstiftungen, die es bereits in vielen Städten gibt. Dort nehmen sich Bürger aktueller Themen an und gehen sie gemeinsam an.


Gestatten Sie mir zum Schluss noch zwei Anmerkungen zu machen. Ich finde es gerade als Christin sehr positiv, dass sich die Kirche, hier die evangelische Kirche, auch mit einer solchen Veranstaltung aktiv in gesellschaftspolitische Debatten einbringt.


Gerade wir Christen dürfen zu Ungerechtigkeiten nicht schweigen und ich persönlich wünsche mir sogar eine Kirche, die noch offensiver sagt, wofür wir als Christinnen und Christen in der Gesellschaft stehen!


In diesem Sinne wünsche ich uns allen noch einen interessanten, geselligen und leckeren Abend!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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