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Tischreden und Lesekost

Sigrid Hornung - Gefängnispfarrerin

Sigrid Hornung
Gefängnispfarrerin in der JVA Darmstadt-Eberstadt und Beiratsmitglied der Ev. Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland
 
Tischrede anlässlich des 2. Darmstädter Frauenmahls am 22.5.2016
 
Heimat auf 7 qm? Und die Sehnsucht nach mehr…..

Sie sehen ein Bild, auf dem sehen sie die 7 qm. Ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, ein Waschbecken nur mit kaltem Wasser, einen Schrank und die Toilette mitten im Raum. Keine Gegenstände, die Heimat oder heimatliche Gefühle vermitteln wie vielleicht das Kuscheltier oder die Kuscheldecke bei einem Kind. Solche Gegenstände – außer Bildern an der dafür vorgeschriebenen Leiste – sind verboten, auch das Kuscheltier wäre verboten – aus Sicherheitsgründen. Nur religiöse Gegenstände wie ein Kreuz, eine Ikone oder ein Gebetsteppich sind erlaubt.
Zunächst einmal der Blickpunkt auf die verschiedensten Definitionen von Heimat aus Sicht der Inhaftierten aufgrund diverser nationaler, kultureller und erziehungstechnischer Herkunft. Hinzu gesellen sich die unterschiedlichen Strafmaße was dazu führt, dass der Blick auf die „7 qm“ fast vom jedem der „Bewohner“ anders ausfällt.
Da ist der Kurzstrafler, der nicht einmal den Haftraum säubert und putzt, geschweige denn irgendeine Art Heimatgefühle dafür entwickelt. Für ihn ist es eine Durchgangsstation ohne Bezug zum Inhalt.
Dann gibt es die Menschen mit längeren, mehrjährigen Haftstrafen, so dass ein Haftraum entsprechend „eingerichtet“ wird. Wird damit der Haftraum zur Heimat oder der Gefangene entwickelt heimatliche Gefühle?
Vielleicht nicht derjenige, der zum ersten Mal in Haft ist. Bei Gefangenen, die schon öfters in Haft gewesen sind und in der Welt draußen keine tragfähigen sozialen Beziehungen haben entwickeln sich immer öfters diese heimatlichen Gefühle. Sie fühlen sich im Gefängnis zu Hause und äußern dies auch: „Jetzt bin ich wieder zu Hause.“
Sicherlich ist diese Sichtweise auch in der Persönlichkeit jedes einzelnen begründet.
Inhaftierte mit Migrationshintergrund definieren den derzeitigen „Wohnraum“ sicher anders als Einheimische. Eine große Rolle spielt dabei ebenfalls die soziale Umgebung, die sozialen Bindungen in Freiheit. Hat man die Familie an seiner Seite, die Frau, den Mann, kommen sie zu Besuch, schreibt man sich? Der Bezug nach draußen verhindert (mildert) sicherlich die Heimartgefühle zum Haftraum.
Auch die Inhaftierten sehnen sich natürlich nach mehr – es wäre unmenschlich, wenn nicht.
Der erlebte Freiheitsentzug ist immer ein großer, wenn nicht gar der größte Einschnitt in die Persönlichkeit und das Leben. Dies kann zu Änderungen in der Sicht- und Denkweise führen und aus Sicht der Vollzugsbehörden soll dies eigentlich auch so sein…
Blickt man in Richtung der lebenslang Verurteilten oder Sicherungsverwahrten besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese viel eher von „Heimat hinter Gittern“ sprechen würden. Dies liegt eventuell auch an einer erweiterten Ausstattung und Größe der Hafträume, sowie an den Angeboten der JVA in den Bereichen Freizeit – Beruf und anderweitigen Unternehmungen. Sitzt ein Mensch 20, 25 Jahre oder gar 30 Jahre in Haft ist ein Zurechtkommen in „freier Wildbahn“ kaum noch möglich. Betrachtet man die technische Entwicklung unserer Gesellschaft der letzten 25 Jahre, ist es nicht verwunderlich, wenn Inhaftierte, die nach solch einer langen Zeit für einen Tag zum sogenannten Ausgang die Anstalt verlassen dürfen, nichts sehnlicher wollen, als so schnell als (wie) möglich zurück in ihre gewohnte Umgebung – Heimat – zu kommen. Sie sind überfordert mit den vielen Eindrücken, mit der Schnelligkeit des Verkehrs und den hastenden Menschen.
Heimat soll und kann dort sein, wo man/frau sich wohl fühlt.
Ein ordentlich aufgeräumter, sauberer und mit ausreichend Kaffee, Tabak und Essen ausgestatteter Haftraum kann eine „Wohlfühlatmosphäre“ erzeugen . Aber als Heimathafen ist er nicht anzusehen, zumindest wenn die Haftstrafe kurz ist. Eine angenehme Atmosphäre entsteht aber auch, wenn man als Gefangener als Mensch angesehen und dementsprechend behandelt wird – nach dem ersten Satz des Grundgesetztes, der am Eingang der Verwaltung des Fritz-Bauer-Hauses mit großen Buchstaben zu lesen ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Auf dem Hintergrund der diversen Gesichtspunkte ist es aber schwierig eine abschließende Beurteilung zu treffen. Sicher ist: in der Einsamkeit des Haftraums sehnt sich jeder nach mehr, träumt und fantasiert vom Leben in Freiheit, ja auch von Heimat, der Definition des Einzelnen entsprechend. Nicht zu vergessen sind Ängste und Sorgen, die einen begleiten und sich wie dunkle Schatten über schöne Träume legen. In solchen Augenblicken steigt die Sehnsucht nach mehr, nach Familie, nach Heimat, nach einem sicheren Hafen in schwindelerregende Höhen, wird aber von der Realität der 7 qm brutal auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.
 
Es bleibt die Sehnsucht nach mehr……..!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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