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Tischreden und Lesekost

Miyesser Ildem - ZIF-Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung, Köln

Tischrede zum Frauenmahl Konstanzer Konzil 25.06.2016

Liebe Frauen, liebe Kolleginnen und Mitstreiterinnen, as salamu alaikum, Shalom und Friede sei mit Ihnen/Euch.
Zunächst einmal bedanke ich mich herzlich für die Einladung zum heutigen Frauenmahl, denn entgegen vieler beschönigender Worte ist es auch heute, im 21. Jahrhundert, noch nicht selbstverständlich, dass eine deutsche Muslimin mit sogenanntem Migrationshintergrund an exponierter Stelle und an solch einer gesichtsträchtigen Örtlichkeit steht.
 
Nach dem Abitur habe ich meine Eltern, die in den 70er Jahren aus der Türkei nach Deutschland migriert sind, um hier ihr Glück zu finden und eine Zukunft für ihre Kinder aufzubauen, vor eine Heurausforderung gestellt. Ich beschloss zum Studium nach Köln zu ziehen.
Vor über 20 Jahren war das in meiner Familie ein Novum – eine junge, unverheiratete Frau zieht allein in eine andere Stadt.
Heute noch bin ich meiner Familie dankbar für ihr Vertrauen, denn ich komme aus durchaus als türkisch konservativ zu bezeichnenden Verhältnissen. Interessant war allerdings auch die Situation als wir uns als Studierende im Erstsemester gegenseitig bekannt machten: auf die Frage hin woher ich denn komme, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Aus Delmenhorst!“. Die Nachfrage ließ mich dann allerdings Zweifel am Geographieunterricht meiner Kommilitoninnen bekommen, sie lautete: „Aha, wo liegt denn das in der Türkei?“ Verwirrt sagte ich daraufhin: „Türkei? Ich komme aus Norddeutschland, dort bin ich geboren!“ Die nächste Nachfrage war fast noch merkwürdiger, denn sie lautete: „Und vorher?“
Seither hat sich in meinem Freundinnenkreis der Begriff der ‚pränatalen Migration’ eingebürgert.

Nun ja, diese Reaktionen wären, so befürchte ich fast, auch heute noch oder wieder möglich. Ich frage mich umso mehr: Ist es wirklich wichtig, woher jemand kommt oder ist es nicht wichtiger was für ein Mensch mein Gegenüber ist?
Aber gerade dabei sollten wir stets berücksichtigen, dass Menschen sich immer wieder verändern können. Übrigens, mittlerweile bin ich begeisterte Rheinländerin.
 
Viele Dinge hatten mich dazu bewogen Humanmedizin zu studieren, aber gleichzeitig hatte ich auch ein großes Interesse an der Informatik.
Erst als ich erkannte, wie unmenschlich es in Kliniken und anderen Bereichen im Gesundheitswesen zuging, wandte ich mich ganz den Computern zu.
Wobei auch da die Erfahrung zunächst einmal war, dass mehrheitlich die Welt ‚männlich’ zu sein schien.
Auch dort war ich mit Vorurteilen konfrontiert, die einen Aspekt meiner Persönlichkeit betrifft, diesmal das Frau sein. „Kann eine Frau so gut Programmieren wie ein Mann“ oder „kann sie rational genug denken“.
Wie häufig erinnerten mich die Aussagen meiner Kollegen und Vorgesetzen an Aussagen von Ghazali, einem muslimischen Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert, oder Thomas von Aquin etc. Trotzdem gelang es mir dort meinen Weg zu machen und dabei hat mir tatsächlich in besonderer Weise mein Glaube geholfen.
Ein Glaube, der mich verpflichtet bei Unrecht aufzustehen und Position zu beziehen.
Im Arbeitsleben gegen die Männerdominanz anzugehen. Kritik üben zu dürfen, wenn z. B. in einer Fortbildung ein TrainerInnen-Trio, bestehend aus zwei Männern und einer Frau, die Frau ohne Absprache in die Funktion der zuarbeitenden Person gedrängt wird.
 
Ein Glaube, der mir hilft meine Frustration zu verarbeiten, wenn mir genau bei dieser Kritik die Männer angebliches Verständnis entgegen bringen, da ich diese Situation schließlich aus meinem Kulturkreis kennen und es mich deshalb ärgern würde.
 
Ein Glaube, von dem viele behaupten, er sei frauenfeindlich und würde das weibliche Geschlecht nicht nur benachteiligen, sondern auch unterdrücken. Und tatsächlich sehen wir jeden Tag Bilder, die uns genau das zu bestätigen scheinen.
 
Sie haben sicher schon erkannt, dass auch das mir bereits vor über 20 Jahren keine Ruhe gelassen hat.
Wenn Gott gerecht ist, und das ist eine Essenz der islamischen Lehre, warum nicht gegen alle Geschaffenen, egal welchen Geschlechts, egal welcher Herkunft, egal welcher sexuellen Orientierung?
Ich wandte mich dem Islam wissenschaftlich zu und beschäftigte mich also auch mit Theologie, und was in konservativen Kreisen noch schlimmer ist, mit feministischer Theologie.
Das war in den Neunzigern nicht so einfach, da es keinen Institutionen gab, die islamische feministische Theologie überhaupt in Betracht zogen.
Die Gründung des Zentrums für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung hat mir eine Perspektive eröffnet, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat.
Die Möglichkeit einer geschlechtergerechten Sichtweise auf den Qur’an.
Aber – das Patriarchat ist immer und überall. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch immer noch viele traditionelle Kräfte versuchen jungen Musliminnen und Muslimen ihre angebliche ‚Mainstream – Sichtweise’ als den einzigen und wahren Islam zu präsentieren.
Teilweise haben sie damit auch Erfolg, aber der Großteil der muslimischen Jugendlichen sucht nach einer lebbaren Form des Islam.
Es geht um einen Islam, der einen erheblichen Teil unserer Identität darstellt, einen Islam, der nicht mit Gott bricht, sondern mit überholten Vorstellungen.
Mein Glaube verlangt auch in diesen Bereichen für Gerechtigkeit einzutreten, Kritik zu üben, Veränderungen zu fordern und an Änderungen mitzuwirken.
 
Darin können Sie als Christinnen uns unterstützen.
 
Der Wunsch geht hin zu einem selbstverständlichen Miteinander, ein Zusammenleben, bei dem nicht familiäre Hintergründe, Outfit oder gar Hautfarbe eine Rolle spielen.
Wir leiden z. Zt. unter den gleichen Problemen wie Sie im christlichen Bereich es noch kennen:
Die Theologie ist meist in den Händen von Männern, noch dazu meist solcher traditioneller Prägung.
Frauen, die etwas erreichen wollen, müssen sich deren Methoden und Vorstellungen beugen – manche tun das auch gerne.
Wir haben mittlerweile muslimische Frauen in Deutschland, die als Feministinnen an der Gesellschaft mitwirken, an Themen wie „Equal Pay Day“, „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Frauen in Führungspositionen“ arbeiten. Aber muslimische Frauen, die auch an den Missständen in der eigenen Community und sich somit an eine Auseinandersetzung mit theologischen Positionen wagen, sind immer noch rar gesät.
 
Das Rad muss frau nicht zweimal erfinden.
Feministische Theologie ist mittlerweile in der christlichen Kirche etabliert, aber wichtig wäre für uns, dass wir nicht in die bestehenden Formate eingepasst werden, sondern, dass wir mit unseren Formaten und Ideen eine weitere Perspektive liefern können, die auch für andere feministische Theologinnen anderer Religionsgemeinschaften eine Bereicherung darstellt.
 
Gemeinsam könnten wir eine neue Perspektive entwickeln – die einer interreligiösen feministischen Theologie.
Lassen Sie uns also nicht nur ein Update machen, sondern ein neues Betriebssystem entwickeln.
Wenn der Prophet Muhammad erklärt hat: „Es gibt kein Zusammenhalten im Falschen!“ möchte ich Sie auffordern:
Lassen Sie uns im Richtigen zusammenhalten!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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