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Tischreden und Lesekost

Dr. Cornelia Johnsdorf - Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst

Tischrede von Dr. Cornelia Johnsdorf, Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst der evangelisch-lutherischen Landeskirchen in Braunschweig und Hannovers beim 3. Oldenburger Frauenmahl am 28. Oktober 2016 im Lambertus-Saal der St. Lamberti-Kirche
 
Der Blick über den Tellerrand ….
Eine junge Frau in Pakistan, Quandeel Baloch, wurde gerade vom eigenen Bruder und einem Cousin ermordet, weil beide durch ihr Verhalten die Familienehre als beschmutzt ansehen. Das war am 6. Oktober auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Das ist schon sehr zugespitzt, aber es sagt etwas aus über den Wert, den eine Frau in der dortigen Gesellschaft hat.
Wenn eine Frau in Pakistan einer Arbeit nachgeht, das Haus verlässt, ohne männliche Begleitung, mit dem Bus in die nächste Stadt fährt, einen Arbeitsvertrag abschließt, braucht sie viel Mut, um das klug, vorsichtig und trotzdem zielstrebig umzusetzen. Es kann ihr ein kleiner Fehler zum Verhängnis werden.
Jemand braucht nur zu behaupten, sie habe sich mit einem Mann getroffen, sie habe sich unschicklich gekleidet – und schon gerät ihre Familie unter Druck und verbietet ihr die Arbeit außer Haus, obwohl die Familie das Geld dringend braucht.
Frauen wachsen in Familien auf, in denen Väter das Familienoberhaupt sind. Die Ehefrau hat einen nur sehr begrenzt eigenständigen Rechtsstatus, z.B. im Hinblick auf den Abschluss von Verträgen. Das Erbrecht sieht die Weitergabe von Land nur an die Söhne vor und gibt damit im ländlichen Raum den Töchtern wesentlich schlechtere Chancen. Das gilt für Länder in Asien, Afrika und auch in Südamerika.
Neben der Rechtslage wirkt aber wesentlich stärker das Gewohnheitsrecht. Denn selbst, wenn es Gesetzesveränderungen zu Gunsten der Frauen gibt, müssen die Beteiligten selbst es wissen und es auch umsetzen wollen.
Die Gewohnheit, den Männern den Vorzug zu geben, wird unabhängig von der Gesetzeslage durch die Menschen selbst weitergegeben – natürlich auch von den Müttern an die Töchter selbst. Ganz subtil und damit den Betroffenen nicht bewusst, kann es sein, dass Söhne als die zukünftigen Ernährer der Familie gegenüber den Mädchen schon im Kleinkindalter besser ernährt und medizinisch versorgt werden. Sie erhalten mehr Förderung und Aufmerksamkeit von den Eltern. Allein dadurch entwickeln sie schon im Vorschulalter bessere Sprachkompetenz, Auffassungsgabe und allgemeine Kenntnis und werden deshalb eher auf weiterführende Schulen geschickt. Eine Studie (2014) im Bereich der Gender Ökonomie an der British Columbia Universität in Kanada (Debraj Ray/Siwan Anderson) hat gezeigt, dass in Indien 2 Millionen Frauen und Mädchen pro Jahr sterben durch unbewusste und doch systematische Unterernährung sowie Mitgiftmorde, Witwenverbrennungen und die Tötung weiblicher Föten.
Durch die Brautpreise, die für die Heirat der Töchter zu zahlen sind, werden sie den Eltern zur Last.
Heiratet dagegen ein Sohn, führt dies der Familie Vermögen hinzu in Form des Brautpreises, den man als Mitgift bezeichnet. Manche Frauen, insbesondere in den armen Familien, trauen sich nicht, ein Mädchen zu gebären.
Wenn die Ultraschall-Untersuchung einen weiblichen Fötus zeigt, wird auf Druck der Familie in einer anderen Klinik abgetrieben. Ein offizieller Grund findet sich immer.
Es wird derzeit berechnet, dass es aufgrund dieser Praxis ab 2020 einen regelrechten Mangel an Frauen geben wird.
Frauen sind eindeutig weniger wert als Männer und zum Teil nicht gewünscht. Dies ist nicht nur eine traurige Aussage der Statistik sondern zeigt, dass Gesetze allein nicht genügen. Es braucht ein Bewusstsein für den Wert von Frauen in den betroffenen Gesellschaften, der dann auch von den Müttern selbst weitergegeben werden muss.
Auch in Deutschland gab es Zeiten, in denen Frauen einen deutlich eingeschränkten Handlungsspielraum hatten. Mit dem Hinweis darauf, dass sie das schwache Geschlecht seien, durften sie nicht Medizin studieren. Als Sanitäterinnen in den Lazaretten schwer verwundete Soldaten pflegen, das war üblich – aber eben nicht in die leitende Stellung als Arzt gelangen. Heute dagegen sind in Hannover an der Medizinischen Hochschule zwei Drittel der Studierenden weiblich.
Das Wahlrecht für Frauen, die Freiheit der Studien- und Berufswahl sowie deren Ausübung, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, die Reform des BGB, das alles haben sich Frauen in Deutschland erkämpfen, erstreiten und erarbeiten müssen bis hin zu aktuellen Arbeitsfeldern um Gender und Gleichstellung sowie Kinderbetreuung außerhalb des Hauses und Quoten in den Führungsetagen.
Frauen sind auch bei uns noch nicht in allen Spitzenpositionen in der gleichen Anzahl wie Männer vertreten, und das Angebot an hochwertig qualitativer und zugleich bezahlbarer Kinderbetreuung hat noch Luft nach oben.
Der Unterschied zur Situation von Frauen bei uns und in den Entwicklungsländern liegt aber darin, dass wir gewohnt sind, diese Themen in öffentlichen Diskursen zu erörtern. Es gibt dazu täglich Artikel in den Zeitungen, Fernseh- und Rundfunksendungen sowie Diskussionsveranstaltungen. Wir können darüber öffentlich diskutieren und niemand muss Angst haben, dafür bestraft zu werden oder individuell bedroht zu sein.
Ich möchte uns ermuntern, bewusst wahrzunehmen, dass individuelle Freiheit und Selbstbestimmung für Frauen und Männer in unserer Gesellschaft ein selbstverständliches Lebensgefühl ist. In meinen täglichen Gesprächen mit Studentinnen aus Afrika, Asien und Südamerika bekomme ich wieder buchstäblich vor Augen geführt, wie wenig dieses Lebensgefühl Teil des Erlebens dieser internationalen jungen Frauen ist. Durch das Studium und den Aufenthalt hier bei uns erfahren sie, wie Frauen in allen Bereichen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und Verantwortung für sich und ihre Familien tragen.
Wenn die jungen Akademikerinnen in ihre Herkunftsländer zurückkehren, ist dies ihr größtes Problem:
der viel kleinere individuelle Handlungsspielraum, die starke Einbindung und Bevormundung durch die Familie, die gegenüber Europa traditionelle Rollenteilung zwischen Mann und Frau, die ihnen das Leben schwer macht.
 
Wie können wir Frauen in Gesellschaften mit wenig Rechten unterstützen? Es gibt keine einfache Lösung. Die Frauen selbst müssen ihre Gesellschaften verändern und das wird dauern. Ganz wichtig ist, dass die Frauen wirtschaftlich eigenständig werden und zu Wohlstand kommen. Das wird Frauen motivieren, ihnen nachzueifern und damit wächst ihr gesellschaftliches Gewicht bis dahin, dass sie politisch mitgestalten können.
Ich möchte auf ein Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hinweisen, das ich für sehr gelungen halte. In den Flüchtlingslagern in Jordanien können sich syrische Frauen zu Installateurinnen ausbilden lassen. Wasserknappheit ist in Jordanien an der Tagesordnung – umso wichtiger sind funktionierende Wasserleitungen. Die durch die Flüchtlinge aus Syrien gewachsene Bevölkerungszahl hat das Problem drastisch verschärft. „Water Wise Women Plumbers-Initiative“, so der Name des Projekts, gibt Frauen eine wichtige Funktion, die Chance ein Unternehmen zu führen, wirtschaftlich eigenständig zu werden und dies in einem Umfeld, in dem sie als Frauen leichteren Zugang zu den im Haus lebenden Frauen haben als die männlichen Kollegen.
Als Frauen unser Leben selbst verantwortlich zu gestalten, mit all den Risiken, die damit verbunden sind. Dieses selbst gestalten, das sind unsere kulturellen Wurzeln aus dem Gedankengut der Aufklärung und dem reformatorischen Erbe.
Dies uns zu erhalten, halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.
Dr. Cornelia Johnsdorf

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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