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Tischreden und Lesekost

Ilse Junkermann - Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Tischrede beim Frauenmahl am 30.10.2015 im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg

Theologin sein im 21. Jahrhundert - Erreichtes feiern - Zukünftiges gemeinsam gestalten

Liebe Schwestern! Herzlich grüße ich Sie alle!
Ich freue mich sehr, dass ich heute bei diesem Frauenmahl dabei sein kann und zu Ihnen sprechen darf!

1. Persönliches

Ich möchte mit einer persönlichen Erinnerung beginnen: Es war wohl 1971 oder -72, als in unserer Klasse eine Doppelseite der Bad Mergentheimer Kreiszeitung kursierte. Auf ihr waren sieben (sieben!!) Theologinnen zu bestaunen, die im kleinen Kirchenbezirk Weikersheim Dienst taten. Ich habe noch vor meinem inneren Auge, dass ganz junge und schon ältere dabei waren, eine sogar mit rauchender Zigarette abgebildet. Allesamt Pfarrerinnen, die in Schule, Krankenhaus oder Gemeinde tätig waren. Auch unsere Religionslehrerin war dabei – und die neue Pfarrerin auf der 2. Pfarrstelle in Bad Mergentheim. Das war eine kleine Sensation! Zumal in der katholischen Deutschordensstadt!

2. Erreichtes

Die Theologinnenordnungen der Evangelischen Landeskirchen sind die entscheidenden Wegmarken für das Erreichte. Nun erhielten die bis dahin ausgebildeten Theologinnen nun die gleichen Ordinationsrechte, die bis dahin nur den männlichen Kollegen zugestanden worden waren.[1]
Es hat lange gedauert, bis Zölibat und erzwungene eingeschränkte Dienstaufträge, bis Rollenbilder und Klischees überwunden waren: von außen herangetragene über den ‚frauengemäßen Dienst’; und von den Frauen selbst entworfene, wie eine Frau zu sein hat, möglichst Feministin! (Ich erinnere nur an die lila Latzhose!)[2]

Wenn ich heute zurückblicke, staune ich: Wie schnell die Veränderungen gegangen sind; wie selbstverständlich Frauen heute den Pfarrberuf anstreben und im Pfarramt Dienst tun; wie vielfältig ihre Dienste geworden sind. Und wie geachtet und geschätzt sie sind. Und wie sie auch weniger gute Pfarrerin sein können und dürfen! Ja, auch das ist erreicht, und das ist sehr viel: Erst wenn auch eine Frau im bisherigen Männerberuf so schlecht sein darf wie ein Mann es sein darf, dann ist Gleichstellung erreicht.

• Heute

Wir haben erreicht – gemeinsam mit der allgemeinen Frauenbewegung seit 1890 – dass jede Frau im Pfarrberuf ein ‚eigener Mensch’[3] sein kann; dass sie Rollenbilder oder gar –klischees nicht weiter mit Leben füllen muss; dass jede von uns ihre besonderen, eigene Gaben und Fähigkeiten herausbilden und wachsen lassen kann. Das war ein langer und schmerzvoller Weg – und manche Wunden sind vernarbt, aber sie schmerzen zuweilen immer noch.

Wir könnten meinen, und das tun viele, dass heute auch die vollständige kulturelle berufliche Gleichstellung erreicht ist. Das denke ich nicht. Denn da ist der auffallend geringe und bleibend geringe Frauenanteil in den kirchlichen Leitungsdiensten. Und da hören wir, mehr oder weniger vorwurfsvoll als Befürchtung, dass der Pfarrberuf ein Frauenberuf werden wird – und so zum weiteren gesellschaftlichen ‚Niedergang’ der Kirche beitrage. Dabei geht es um einen sehr umfassenden Transformationsprozess von evangelischer Kirche, in dem sie sich seit knapp 100 Jahren, seit dem Ende der Staatskirche befindet. Lassen Sie mich deshalb auf

3. Künftiges

schauen. Drei Aspekte für Künftiges möchte ich nennen:

• Ein anderer Umgang mit und Verhältnis zu Macht

Es ist deutlich: Wir werden nicht mehr „Erde“ und „Welt“ sein. Allerdings werden wir Salz der Erde und Licht in der Welt sein können. Dafür ist ein Glaube gefragt, der sich nicht ängstet, zu einer Minderheit zu gehören; und ein Mut, zu einer wachen Minderheit zu gehören.
Eine im wörtlichen Sinne ohn-mächtigere Kirche werden wir sein, die doch Lebenswichtiges zu sagen oder besser: zu leben hat. Dabei werden wir

• Eine andere Kirche werden.

Wir sind keine Staatskirche mehr. Und auch die Volkskirche bröckelt heftig, so in den alten Bundesländern. In den neuen Bundesländern ist sie in den meisten Regionen seit mindestens einem halben Jahrhundert Vergangenheit. Die Mehrheit der Menschen dort glaubt nichts. Die Mehrheit der Menschen im Westen sucht sich ein eigenes, oft zurechtgezimmertes Glaubens- und Sinngebäude. In Ost wie West sind wir immer noch dabei, unseren Platz als ein gesellschaftlicher Akteur unter vielen anderen zu finden. Wir sind mitten im Prozess seit dem Ende der Staatskirche 1918, den Verlust an gesellschaftlicher Prägekraft, an Einfluss und politischer Macht zu verarbeiten. Er ist im Osten viel stärker fortgeschritten. Er wird sich aber auch im Westen nicht aufhalten lassen.
Das ist ein großer Trauerprozess, mit viel Wut und Resignation, Schmerzen und Schuldzuweisungen. Und ein Prozess mit der großen Versuchung, auf Rezepte und Machbarkeit zu setzen – wie es in Wirtschaft und Gesellschaft üblich ist. Doch das ist nicht unser Weg als Kirche, davon bin ich überzeugt. Wir sind auf dem Weg, uns neu zu finden im 21. Jahrhundert. Mit kleineren Gemeinden, mit weniger hauptberuflichem Personal. Wie gelingt es uns, dies zu begrüßen – und nicht in Schockstarre zu verfallen oder gar mit restaurativen Ambitionen die Entwicklung zu beklagen?
Wir müssen im 21. Jahrhundert Kirche und Gemeinde ganz neu denken – und zugleich ganz alt. Der ekklesiologische Grundgedanke der Reformatoren konnte in der allzu schnell sich formierenden Staatskirche seit dem 16. Jahrhundert ja nicht gelebt werden. Nun, nach 500 Jahren, wird es spannend! Wohin führt uns das, vom Priestertum aller Getauften her Kirche zu denken? Und daher, dass jeder und jede Getaufte mit der Taufe ein besonderes Charisma, eine besondere Gabe zur Auferbauung der Gemeinde geschenkt bekommt. Und wohin führt uns das, dass im Grundbekenntnis der Protestanten, der CA, Kirche als dynamischer Prozess verstanden wird: Im Hören auf Gottes Wort und im Empfang der Sakramente konstitutiert sie sich immer wieder neu. Gemeinde ist das, was Gottes Wort und heilige Geistkraft in ihr wirkt – und nicht ein Verein, der eine Palette von Aufgaben und Angeboten zu bieten hat. Sie ist Geschöpf des Wortes Gottes – und nicht nach Programmen oder als Projekt zu „machen“, wenn man nur die richtigen Rezepte und Anleitungen hat.
Kirche an ihre protestantische Wurzeln zurückführen und von dort her „werden“ zu lassen, zur Welt kommen zu lassen, dazu braucht es

• Eine andere Leitungskunst

Eine alte Frauenkunst wird entscheidend dabei sein, diesen anderen Weg als Kirche zu gehen: Die Hebammenkunst.[4] Sie ist durch die moderne Medizin hoch gefährdet. Denn, so der Hebammenverband auf seiner Seite:
„Während der vergangenen Dekaden wurde ein engmaschiges Risikokonzept entwickelt, das Schwangerschaft und Geburt auf ein organmedizinisch riskantes Lebensereignis reduziert. Die Folge dieser medizinischen Sichtweise ist, dass Schwangerschaft und Geburt zu einem riskanten Ereignis erklärt wurden, das korrigierend und intervenierend durch die Medizin begleitet werden müsse. Hebammen widersetzen sich diesem Risikodenken und betrachten eine Geburt primär als ein normales und physiologisches Ereignis. Schwangere und gebärende Frauen sind extrem verletzlich. Was die Frauen bei einer Geburt am allermeisten brauchen, ist deshalb die Ermutigung und die liebevolle Bestätigung ihrer Fähigkeit normal gebären zu können und eine intensive partnerschaftliche Begleitung. Die Hebammen des DHV ermutigen schwangere Frauen dazu, Vertrauen in den Geburtsprozess zu haben und mit dem Schmerz während der Geburt umgehen zu können. Bewusst erlebter und durchlebter Geburtsschmerz kann als Quelle elementarer Energie verstanden werden. Das Wissen, kritische Lebenssituationen gestalten und aushalten zu können, ist ein Erfahrungsmoment, das lebenslang große innere Kraft verleihen kann.
Damit sich Frauen nach der Geburt mit einem Gefühl des inneren Wachstums und einem Wissen um die eigene innere Stärke erleben können, bedarf es der Begleitung durch Hebammen.“[5]

Das wird, so bin ich überzeugt, die vorrangige Aufgabe von Theologinnen – und auch Theologen, aber und bestimmt auch, von Gemeindepädagoginnen und –pädagogen – wird sein: Den Getauften beistehen, dass ihre Charismen zur Welt kommen und groß werden können. Sie begleiten, wenn diese sich ausbilden und –formen. Mut machen, auch Schmerzen auszuhalten, die mit jeder Veränderung verbunden sind. Das Vertrauen in lebendige Prozesse (und nicht in fertig geplante Projekte!) stärken und beistehen, wenn es gefährlich wird. Denn auch das kann es ja werden, wie wir von der korinthischen Gemeinde wissen. Also: Werden wir als Theologinnen gefragt sein, mit besonderem Augenmerk gegen jedes aufkommende Konkurrenz- und Hierarchiedenken klar und entschieden einzuschreiten und an den Auftrag zu erinnern. Kirche ist nicht für sich selbst da. Und Kirche hat auch nicht den Auftrag, für sich selbst zu sorgen. Sie hat den Auftrag, die frohe Botschaft der Freiheit in Bindung an Gottes Weisungen und der Liebe, die auch Schweres trägt, in Zeugnis und Dienst in alle Welt zu tragen. Sie ist Zeugin für Gottes kommendes Reich und tritt ein für Gerechtigkeit, Frieden und Heilung der Schöpfung – jeweils ganz konkret, zeichenhaft, am konkreten Ort – und mit den Gaben, die eine Gemeinde gerade hat.
Gemeinde so zu begleiten, Gottes Wort in die konkrete Situation hinein auszulegen und für den geschwisterlichen Austausch und Diskurs zu sorgen – das wird das Theologin-Sein im 21. Jahrhundert bestimmen. Das sind Geburtsprozesse, immer wieder, die Begleitung brauchen und professionelles Wissen, um was es geht und wie es geht. Und dazu braucht es eine weitere Fähigkeit, die bisher besonders in der weiblichen Sozialisation liegt: Das „Chaosmanagement“ der Gaben“ sehe ich als unsere theologische Hauptaufgabe an.

• „Drum wagt es, Schwestern! Sister, carry on!“

Liebe Schwestern, bekommt Ihr da nicht doch mehr Lust auf Leitung? Als Hebammen für Gottes Gnadengaben? Als Begleiterinnen chaotischer Prozesse, die immer wieder Wunder gebären?! Mit dieser Frage schließe ich meinen Beitrag, froh und zuversichtlich, und bin gespannt auf Ihre und Eure Gespräche! Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!


[1] Und offenbar war der kleine hohenlohische Kirchenbezirk, weitab von Stuttgart und württembergischem Kernland, gerade passend, dass man das mal ausprobieren konnte – das mit den Frauen im Pfarramt. Es sollte später dann auch der erste Kirchenbezirk werden, in dem eine Frau Dekanin (Dekanin Marianne Koch) werden konnte – das war dann erst – oder sollte ich sagen bereits? – 10 Jahre später, als ich selbst bereits im Vikariat war. Wie beschämend und beleidigend war es, wie der Dekan meines Kirchenbezirks mit anderen Amtsbrüdern herumwitzelte, wie man sie wohl nennen würde: ‚Frau Dekan oder Dekanisse oder vielleicht Dekanone’ – ‚Ha, ha, ha’, gelungener Witz in der Männerdomäne. Und deutliches Zeichen für mich junge Vikarin: Da liegt noch ein langer Weg vor uns! Doch sooo lang war der Weg dann nicht geworden. Die Männer, die das heute noch witzig finden, sind an einer Hand abzuzählen!

[2] So bin ich froh, dass auch die weitere Phase, die ich erlebt habe, überwunden ist. Es ist die Phase, in der wir Frauen gefordert wurden (auch von uns selbst), uns auch als ‚Frauen im Pfarramt’ zu zeigen; zu zeigen, dass Frauen auch gute Pfarrer sein können, was hieß (und noch heißt?): Sie müssen besser sein. Sonst hat man ja nichts davon, dass auch Frauen in diesem Beruf sind. Ein bestimmtes Bild schwebte über meinen Studien- und ersten Berufsjahren: Wie Frauen zu sein haben; wie sie ihre Weiblichkeit verstecken, indem sie sich männlich-leger (in der Latzhose, lila!) oder ‚neutral’, jedenfalls nicht zu weiblich, nicht als mögliches Sexualobjekt kleiden; gar geschminkt im Talar –geht das? Oder mit Ohrringen? Aber nicht nur Äußeres, viel mehr noch waren die inneren Werte wichtig: Wie sie ihre frauenspezifischen besonderen Fähigkeiten zu zeigen hatten: empathisch, seelsorgerlich, beteiligend leiten, kollegial sein ohne Machtkämpfe und –spielchen. Wehe, frau verhielt sich wie ein Mann!

[3] „Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus“ , so der Titel des ersten Buches von Elisabeth Moltmann-Wendel aus dem Jahr 1974

[4] Erst vorgestern hat der Dt. Hebammenverband die Hebammenkunst als nicht-materielles Weltkulturerbe bei der UNESCO angemeldet

[5] Zitiert nach https://www.hebammenverband.de/beruf-hebamme/geschichte-derhebammenhilfe/, aufgerufen am 28. 10. 2015

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