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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Margot Käßmann - Bischöfin i. R., Bochum/Berlin, ab Frühjahr 2012 Botschafterin der Lutherdekade

Berlin, 30.10.2011


Lieber Martin,

Tischreden hast du wahrhaftig genug gehalten. Gerade habe ich bei Wikipedia nachgeschlagen – ich weiß, wissenschaftlich nicht ganz anerkannt – es gibt sage und schreibe sechs, SECHS Bände der Weimaraner Ausgabe deiner gesammelten Werke mit solchen Reden. Gott bewahre! Und die arme Katharina hat sie sich fast alle anhören müssen, wenn sie nicht gerade in der Küche beschäftig war.

Aber weißt du was, Martin? Die Küche gehört heute dir. Bleib bitte fein darinnen und störe uns nicht, wenn wir heute Abend als Frauen von dem reden, was für die Zukunft wichtig ist. Manches kritisiere ich an dir, ja, auch dein Verhältnis zu Frauen, zu Menschen jüdischen Glaubens, zur Gewalt. Aber Deine reformatorischen Gedanken finde ich weiterhin gut! Freiheit eines Christenmenschen, jedermann untertan, niemandem untertan, das ist alles relevant, auch für Frauen heute. Aber das Priestertum aller Getauften, von dem du damals geredet hast, ist eben auch ein Priestertum der Frauen. Das war dir wohl gar nicht so recht klar in der Konsequenz. Katharina vielleicht damals schon. Ob sie gedacht hat: Wenn er das ernst meint, können Frauen Priesterin oder Pfarrerin oder Bischöfin oder gar Päpstin sein! Und es hat sich viel getan. Aber nicht genug. Unter darüber, lieber Martin, wollen wir jetzt unter uns Frauen reden.

Welche reformatorischen Impulse also brauchen wir? Ich möchte fünf Anregungen geben.


1.In der Kirche

Oja, es hat sich vieles verändert. Dankbar können wir sein in der Tat. Frauen können Pfarrerin, Bischöfin, gar Ratsvorsitzende werden. Aber da gibt es nun auf einmal eine schleichende Angst vor der „Feminisierung der Kirche“. Das hört sich an, als sei die Kirche nicht immer von Frauen getragen worden – allerdings vornehmlich an der Basis. Nun heißt es, Frauen seien nicht intellektuell genug, drückten das Niveau und verdürben gestandenen Männern die Freude daran, den Beruf des Pastors zu wählen. All das erklärt kraftstrotzend ein Herr Professor aus München unter dem fulminanten Titel „Kirchendämmerung“. Ja als was versteht er die Kirche denn, als exklusiven Herrenklub? Als Ort, an dem in noblen gebildeten Zirkeln ziselierten exegetischen und dogmatischen Feinheiten nachgegangen wird. Ein für mich sehr merkwürdig exklusives Kirchenbild, das mit biblischem Zeugnis wenig zu tun hat.

Noch immer wird offensichtlich nicht wertgeschätzt, was Frauen in den vergangenen Jahren beigetragen haben zur neuen Sicht auf manchen biblischen Text, welche Veränderung, ja Entkrustung von Gottesbildern stattgefunden hat. Und das, das ist mir wichtig, waren nicht zuerst die Theologinnen, sondern eine Basisbewegung von Frauen, die oft in der Weltgebetstagsbewegung verwurzelt war. Die „Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche“, die einst die Sheffieldkonferenz von 1974 forderte, sie ist noch immer nicht verwirklicht. Das Thema wird als lästig angesehen, Genderseminare werden lächerlich gemacht. Und das Thema Sexualität wird verdrängt. Die letzte EKD Studie hierzu stammt aus dem Jahr 1971! Eine neue soll folgen, aber wann ist die Frage.


Es bleibt Reformbedarf, was die Beteiligung von Frauen und den Umgang mit Sexualität betrifft.


2. In der Gesellschaft

Frauen geraten immer wieder in die Armutsfalle. Dazu tragen die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei, die weiterhin tiefe Kluft bei den Einkommen und das Niedriglohnniveau bei traditionellen Frauenberufen. Die Zahl der Hortplätze für Kinder unter drei Jahren ist skandalös gering. Dazu trägt auch ein Mutterbild bei, das Frauen drängt, Jahre aus der Berufstätigkeit auszusteigen. Zudem sind Arbeitsplätze in Kindererziehung und Pflege von Lohndruck erfasst – in der Mehrzahl arbeiten hier Frauen. Viele dieser Arbeitsplätze werden von Diakonie und Caritas zur Verfügung gestellt. Warum eine Erzieherin eklatant weniger verdienen soll als ein Gymnasiallehrer ist schleierhaft, wissen wir doch inzwischen, dass die entscheidenden Weichenstellungen für emotionale Kompetenz und Lernkompetenz in den ersten Lebensjahren gelegt werden.


Ziel kann nicht eine Entweltlichung der Kirche sein, sondern eine mutige Einmischung von Christinnen und Christen in die Welt. Das ist biblischer Auftrag, wenn Gerechtigkeit und Frieden als Ziele genannt werden, wenn es heißt, wir begegnen dem Auferstandenen selbst, wo wir Gefangene besuchen, Obdachlose behausen und Hungrige speisen.


3. Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist tagtägliche Wirklichkeit. Sietrifft Frauen jeder Kultur, jeder Hautfarbe, jeder Einkommenshöhe – und übrigens auch unabhängig von ihrem Bildungsstand. Fast 70 Prozent aller Frauen weltweit müssen in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen. Sie werden misshandelt, missbraucht, zum Sex gezwungen, gefoltert, getötet. Jedes Jahr werden weltweit zwei Millionen Frauen ermordet – weil sie Frauen sind.

In der „Ökumenischen Dekade Kirche in Solidarität mit den Frauen“ war es immer wieder von zentraler Bedeutung und ebenso in der „Ökumenischen Dekade Gewalt überwinden“, die im Mai in Kingston/Jamaika ihren Höhepunkt und Abschluss gefunden hat. Die Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“, die 1985 auf der Tagung des Zentralausschusses in Buenos Aires eingeleitet wurde, gab dazu entscheidende Impulse. Sie wurde 1988 gestartet und fand ihren krönenden Abschluss 1998 auf der Vollversammlung des ÖRK in Harare. Im letzten Jahr der Dekade fanden Teambesuche bei den Mitgliedskirchen statt. Offizielle Delegationen von jeweils zwei Frauen und zwei Männern besuchten als „Lebendige Briefe“ alle Mitgliedskirchen, um herauszufinden, wie die Lebenswirklichkeit der Frauen in den Kirchen aussah. Das Ergebnis war deutlich: Gewalt gegen Frauen ist ein zentrales Problem in der Mehrheit der Mitgliedskirchen. Aus dem abschließenden Bericht über diese Besuche geht klar hervor, dass viele Kirchen nicht bereit sind, etwas gegen dieses Problem zu unternehmen:

-„Ein Kirchenverantwortlicher berichtete, er habe seine Frau ‚diszipliniert’ und sie habe ihm später dafür gedankt.“

-Mehrere andere stellten die Definition von ‚Gewalt’ in Frage und wollten unterscheiden zwischen Gewalt, die zum Tod führt, und „bloßem Schlagen“.

-„Die Kirchen tragen Verantwortung für die ‚Gewalt des Schweigens’.“

Der Bericht machte eines deutlich: Gewalt ist nicht nur ein Thema, das irgendwie „ draußen in der Welt“ aktuell ist; nein, es ist ein Thema innerhalb unserer Kirchen, in unseren Beziehungen als Christinnen und Christen. Auch in unserem Land und in unseren Kirchen bleibt es eine Herausforderung. Für mich ist aber besonders wichtig, dass Frauen, die in privilegierter Situation leben wie wir, anderen Frauen den Rücken stärken, die Gewalt erleiden und gegen Gewalt mutig antreten. Eine Möglichkeit dazu ist die Kampagne „FrauenStimmen gegen Gewalt“. Sie gibt Frauen in Mittelamerika Unterstützung und eine Stimme, die den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen versuchen.


Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ bleibt auf der Tagesordnung, auch in der Kirche.


4.Weltweite Ökumene

Die Welthungerhilfe hat gezeigt, dass Frauen weltweit 52 Prozent der Arbeitsleistung erbringen, aber nur 10 Prozent des Welteinkommens erhalten und nur ein Prozent des Eigentums besitzen. Und gleichzeitig bedeutet ein Jahr mehr Schule für ein Mädchen im Süden dieser Welt weniger Kinder und mehr Chancen, sich selbst ernähren zu können. Hier liegen Herausforderungen, auch im Gespräch mit unseren Partnerkirchen! Trauen wir uns, diese Themen offen anzusprechen? Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Beteiligung von Frauen an Besitz und Verantwortung? Sie sind in vielen Kirchen tabu, wir haben manches Mal sehr patriarchalische Kirchenbilder exportiert, anstatt von der Freiheit aller Kinder Gottes zu sprechen.


Die Lebenssituation von Frauen muss Teil des ökumenischen Gespräches sein.


5. Interreligiös

Zusammenkommen an einem Tisch. Vielleicht können gerade Frauen da eine Brück bauen gegenüber diesen Bildern von einem verächtlich gemachten „multikulti“ und der als Drohkulisse aufgebauten „Leitkultur“. Das Frauenmahl könnte ein guter Ansatzpunkt sein. Und da sind für mich als Theologin biblische Motive immer wieder interessant. Es gibt in der Bibel ein sehr eindringliches Bild, das ich hilfreich finde: die Gastfreundschaft. „Übt Gastfreundschaft!“ fordert Paulus im Römerbrief (12,13) die christliche Gemeinde auf. Und im Hebräerbrief (13,2) heißt es: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“, so die Einheitsübersetzung oder wie Luther übersetzt: „Gastfrei zu sein, vergesst nicht!“ Die Züricher Bibel übersetzt das griechische Original gar so: „Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, vergesst nicht!“

Und in der Tat, Gastfreundschaft ist ein hohes Gut und ein gutes Bild für die Begegnung, das Miteinander Verschiedener, ja Fremder, weil sie ein Beziehungsgeschehen ist, bei dem von Gastgebern wie Fremden respektvoller Umgang miteinander erwartet wird. An einem Tisch können aus Gästen und Gastgebenden, aus Nachbarn Freunde und Vertraute werden.


Im interreligiösen Dialog brauchen wir neue Bilder. Frauen können und sollten sie mitprägen. Gastfreundschaft ist dafür ein guter Ausgangspunkt.

So kann ich nur den Reformatoren Recht geben: ecclesia reformata semper reformanda. Die Kirche der Reformation hat sich beständig zu erneuern. Frauen können da große Gestaltungskraft entwickeln und gern auch mit Männern kooperieren. Daher bin ich dafür, dass jetzt die Vorspeise kommt und Martin, Du kannst sie uns gern auftischen.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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