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Tischreden und Lesekost

Dr. Hannemor Keidel - Vizepräsidentin an der TUM München

Tutzing, 5.7.2012


Zunächst möchte ich mich ganz herzlich bedanken für die Einladung zu diesem schönen Ereignis, zu der ich den Veranstaltern und insbesondere Frau Dr. Härendel ganz herzlich gratulieren möchte.


I. Das Thema Gleichstellung/Geschlechtergerechtigkeit

begleitet mich eigentlich mein ganzes Berufsleben lang, denn ich komme aus einer Generation, in der der Rechtfertigungsdruck in der Familie und auch im Freundeskreis sowie im Arbeitsumfeld meines Mannes groß war, wenn man sich dafür entschieden hat, Beruf, gesellschaftliche Verpflichtungen und Familie (mit zwei kleinen Kindern) vereinen zu wollen.

Dennoch erinnere ich mich an keine direkte Diskriminierung im Berufsleben, wie sie häufig von Frauen auch jetzt noch geäußert wird. Universitätskarrieren mögen sich in manchem von Karrieren in der Wirtschaft unterscheiden, aber technische Universitäten – und so auch die TUM, die meine berufliche Heimat ist - konnten damals nicht gerade als Frauen affin bezeichnet werden.

Trotzdem hatte ich keine Probleme dort mit bereits einem kleinen Kind zu promovieren. Ich meine, dass dies auch der spezifischen Fächerkultur, der Geistes- und Sozialwissenschaften, die es in kleinem Umfang auch an der TUM schon gab, geschuldet ist. Wir befanden uns auf einer kleinen Insel der Seligen, was Gleichstellung anbelangt. Das Institutsklima war offen, unser Vorgesetzter beschäftigte fast paritätisch im akademischen Bereich Frauen – auch mit Kindern – und man konnte auf flexible Arbeitszeiten bauen.

Die ersten Gleichstellungspläne an der TUM – die durch gesetzliche Vorschriften erforderlich wurden – nahmen ihren Anfang in den 90er Jahren. Als Fakultätsfrauenbeauftragte wurde ich von einem männlichen Professor in dieser Zeit fast ängstlich gefragt, was denn passieren würde, wenn man auf einmal mehr als 50 % weibliche Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in einem Fach hätte. Ich schlug damals vor, dass es dann Zeit für einen Männerbeauftragten würde.

Das Mandat der Frauenbeauftragten wurde eher erduldet, die Gleichstellungspläne lieblos erstellt und sie wurden eigentlich nie auf ihre Umsetzung hin überprüft.


II. Seit dieser Zeit sind 20 Jahre ins Land gegangen und es hat sich sehr viel verändert:

Der Anteil der weiblichen Studierenden liegt bei uns in manchen Fächern bei weit über 50 % wie in Medizin oder Architektur (ohne, dass man den Männerbeauftragten eingerichtet hätte).

Auch wenn bei den Ingenieurwissenschaften der weibliche Anteil noch überschaubar bei ca. 10 Prozent liegt, sind auch hier eklatante Veränderungen feststellbar. Zu der 1993 zum ersten Mal berufenen Ordinaria der haben sich in der Zwischenzeit 60 Professorinnen gesellt.

Es werden immer noch Gleichstellungspläne und Zielvereinbarungen zur Geschlechtergerechtigkeit geschlossen, aber sie werden auf ihre Umsetzung überprüft. Man spricht immer mehr von Gleichstellung von Männern und Frauen und meint damit beide Geschlechter, je nach Wissenschaftskultur.

Der Druck aus der Industrie, Wissenschaft und teilweise auch aus der Politik hat bewirkt, dass die Debatte anders als vor 20 Jahren geführt wird:

Ob es um die Einführung von Quoten oder aber auch um die kontrovers geführte Debatte über die Einführung eines Betreuungsgeldes geht, es ist allenthalben eine stärkere Sensibilisierung für das Thema – auch bei den Männern - festzustellen. In der Wissenschaft sind die DFG-Gleichstellungskriterien, die auch starken Niederschlag in den Exzellenzkonzepten der Universitäten finden, aber auch EU-Vorgaben in diesem Bereich, Maßstab für die Universität geworden und haben hier die Gleichstellungsthematik aus dem Aschenputtel-Dasein der halbherzig betriebenen Frauenförderung herausgeholt. Und Gleichstellungsthemen werden in den Universitäten erweitert um andere Dimension von Diversity, wie z.B. Internationalisierung, Alter, Behinderung und soziale Benachteiligung. Talents in Diversity ist z.B. ein zentrales Leitbild unserer Universität. Es werden neue Ressorts in den Präsidien der Universitäten geschaffen, wie z.B. an der TUM das Ressort Diversity und Talent Management

Talents in Diversity.


III. Zukunftsvisionen:

Der demographische Wandel wird noch stärker dazu führen, dass jede qualifizierte Arbeitskraft und jedes Talent in unserem Lande benötigt wird und man deshalb das entsprechende familienfreundliche Umfeld in allen Arbeitsfeldern, Industrie, Dienstleistung, öffentlicher Dienst und Universitäten schaffen muss, um schon allein die wirtschaftliche Leistungskraft des Landes beizubehalten.

Gendermainstreaming, also die Verinnerlichung der Geschlechtergerechtigkeit als selbstverständlicher Bestandteil unseres gesellschaftlichen Miteinanders wird weiter fortschreiten und die Berücksichtigung der jeweiligen individuellen Lebenssituation in ihrer Diversität wird dabei ebenfalls stärker in den Vordergrund rücken. Damit werden auch mit der Zeit Sondereinrichtungen wie Frauenbeauftragte oder Gleichstellungsbeauftragte obsolet werden. Zumindest setze ich darauf.

Die Herausforderung – persönlich und gesellschaftlich – wird aber bleiben, wie man die unterschiedlichen Aufgaben und Rollen unserer komplexen Berufswelt und im privaten Bereich vereint. Und dies insbesondere in Zeiten, in denen privates und berufliches immer stärker vermischt werden. An der sog. Work-Life-Balance, werden wir alle noch lange arbeiten müssen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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