zum Inhalt

Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Annelie Keil - Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin, Bremen

7. Tischrede beim 2. Oldenburger Frauenmahl
Prof. Dr. Annelie Keil, Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin, Bremen

Rede an die Hühner zur Einmischung in die Welt
Vier Thesen in angeblich sieben Minuten


1. „Ein nachdenkliches Huhn setzte sich in einen Winkel des Hühnerstalls und kratzte sich am Kopf. Durch das viele Kratzen wurde es schließlich kahl. Da kam eines Tages ein anderes Huhn und fragte es, was ihm solche Sorgen bereite. „ Meine Kahlheit“, antwortete das nachdenkliche Huhn.“( Malerba)

  • Auch Hühner werden älter, sie gehen sozusagen mit der Zeit. Älter werden ist die tägliche Arbeit des Lebens und die logische Folge des Lebens. Von der Wiege bis zur Bahre durch alle gelebten Jahre hindurch erfindet und inszeniert Leben einen biografischen Prozess und sucht zusammen mit uns auf Wegen und Umwegen, in Hürdenläufen und Zickzackkursen, manchmal mit rasendem Tempo und manchmal wie im Stillstand nach einer „ Behausung“, die dem Menschen zur Existenzgrundlage für Körper, Geist und Seele werden soll. Was immer das Ergebnis ist, ob wir es für mehr oder weniger gelungen halten, ob wir Anerkennung oder Ablehnung für das erhalten, was wir geworden sind: Jedes Leben ist eine Lebensleistung und basiert auf der jeweiligen Arbeitsleistung eines Menschen.
  • Leben ist also eine Herausforderung, die im Geschenk der nackten Geburt steckt. Immerhin gibt es das Leben selbst umsonst (!) und zwar zusammen mit einer „ Werkstatt“, in und mit der der Mensch alles entwickeln kann und muss, was er zum Leben braucht und was im Ergebnis zum demografischen Reichtum wird: ein Herz, das schlägt, das Feuer und Flamme für etwas entwickeln kann, das Mitgefühl zeigt und Kummer ertragen kann; Augen, Ohren, Nase und einen Mund, die sehen, hören, riechen, sprechen und das Lieder der Freiheit singen lernen können; Sinne, die dem Leben Sinnlichkeit und den Sinn verleihen können, warum wir auf der Welt sind; Füße, auf denen man stehen, gehen und weggehen, aber vor allem einen Standort finden und standhaft bleiben kann; ein Gehirn, mit dem man denken, mitdenken und Bewusstsein entwickeln kann, wenn man sich dazu entschließt, ein Mensch im aufrechten Gang zu werden. Leben bekommen wir nur als Möglichkeit, leben müssen wir selbst! Und: Leben hat nichts versprochen, aber es hält viel- nämlich all das, was wir selbst und zusammen mit Anderen für das eigene, das gemeinsame und das Leben in der Welt entwickeln. Leben will leben, auf eigenen Füßen stehen und die Solidarität und das Mitgefühl erfahren, die auf der Tatsache beruht, dass Leben immer ein Leben in Koexistenz ist. Ohne die anderen Menschen und ohne die reale Welt, die uns umgibt, gibt es kein Leben.
  • Leben ist kontinuierliche Reformation, schlägt alte und immer wieder neue Thesen an unsere Türen und braucht von Zeit zu Zeit eine radikale Veränderung, die wir nicht gleich Revolution nennen müssen. Der Ratschlag des Lebens: Es gibt zu viel, warum wir Hühner uns nachdenklich, kritisch und wütend am Kopf kratzen müssen. Das führt schnell zu kahlen Stellen. Also besser gleich raus aus dem Hühnerhof und etwas tun.

2. „ Ein verrücktes Huhn glaubte, es sei ein Weizenkorn. Wenn es ein anderes Huhn sah, rannte es davon, aus Angst gefressen zu werden. Schließlich wurde das verrückte Huhn geheilt und sagte: Ich bin kein Weizenkorn, ich bin ein Huhn.“ Aber immer wenn es ein anderes Huhn auf der Wiese traf, rannte es davon. „Warum rennst du davon?“ fragten die andern: „Ich weiß, dass ich ein Huhn bin,“ antwortete es „ aber das andere Huhn glaubt immer noch, dass ich ein Weizenkorn bin.“ ( Malerba)

  • Esel, Hund, Katze und Hahn- keiner der Bremer Stadtmusikanten weiß zunächst, wie man sich einmischt und radikale Freiheit ins Auge fasst. Man wird nicht als Freiheitskämpfer geboren, man muss es werden. Jeder der vier hatte seine spezifische Lebensgeschichte, biografisch sein Bestes gegeben bis deutlich wurde, dass es nicht einmal mehr zum Überleben reichte und sie sich mit denen verbinden mussten, denen es ähnlich ging. So geht es oft auch Menschen, die von sich sagen, dass sie nur noch funktionieren, für wen auch immer, aber den Aufbruch nicht hinkriegen. Aus der Anklage des Jammers, muss eine Aussage mit Ansage werden, damit überhaupt Bewegung, die Grundessenz allen Leben, entstehen kann. Eine Wut auf den Punkt zu bringen, ist etwas anderes, als im Jammer zu versinken! Nicht zufällig gibt es einen „heiligen Zorn“, der das Gegacker der Meckerhühner beenden kann.
  • Jammern ist zu einer Art Wellnessbewegung geworden, hat spezifische Mantragesänge auf Lager, die sich in sinnlosen Sinnsprüchen manifestieren und die eigentliche Botschaft verraten. „ Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ ist ein solcher Gesang. Ja, aber sie stirbt und Menschen schauen angeblich betroffen zu und beerdigen die Hoffnung, obwohl sie noch lebt und um Hilfe bittet. „Sterben muss jeder“ auch so ein Satz, der jede Reformation in die Flucht treibt. „ Trau keinem über dreißig“, war der Irrtum meiner Generation. „ Man muss loslassen können“, betonen oft die, die sich nie eingelassen haben. Das Liedgut der Gesänge der „Selbstverteidigung“, dass etwas nicht geht, sinnlos ist, dass Zeit, Geld und Personal fehlen sind Schlachtrufe gegen die Einmischung in die Welt. „ Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, gehört auch zu den Losungen, die so wahr wie unwahr sein können.
  • Die Ahnung der Stadtmusikanten, dass es nicht schlechter werden kann, ist ein wichtiger Antrieb, weil er den Rest einer Hoffnung hat, dass es irgendwo einen Ort, einen Menschen, eine Gelegenheit gibt, die das Leben auf eine neue, eben lebensnotwendige Spur setzen kann- und wenn es die Vertreibung der Räuber ist, die unsere Gasthäuser besetzen, um zu saufen, zu pokern und es sich auf unsere Kosten gut sein lassen. Ein wirklich aktuelles Beispiel! Diesen Antrieb hat Ernst Bloch das „ Prinzip Hoffnung“ genannt und Medizin und Immunologieforschung haben längst die Rezeptoren dafür in unserem Organismus gefunden. Biologen haben herausgefunden, dass wilde Esel ein viel größeres und phantasiereicheres Gehirn haben als die im Stall, die ihr tägliches Futter bekommen und dafür ihre Freiheit hergeben mussten.
  • Hoffnung erträgt keine Hundeleben, sie ist ins Gelingen verliebt, so Bloch. „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch“ nannte der 93 jährige Stephane Hessel seine letzten Streitschriften. „ Neues schaffen, heißt Widerstand leisten, Widerstand leisten, heißt Neues schaffen“, gegen Finanzkapitalismus, gegen Unterdrückung von Minderheiten, gegen Umweltzerstörung, gegen Hunger und Armut, gegen die Verletzung der Menschenrechte, gegen Gier, Selbstsucht und kurzfristiges Denken- und keines dieser „Übel“ ist abstrakt, sondern mindert den demografischen, individuellen und gesellschaftlichen Reichtum z.B. durch ungleiche Verteilung. Ob Bildungs-, Pflege- oder Rentennotstand- sie alle legen Zeugnis davon ab, dass wir selbst gefordert sind, wenn es um die demografischen Reichtum geht, an dem wir als Individuen oder spezifische Gruppe mehr teilhaben als andere und für Ausgleich mitsorgen können.
  • Wir selbst, jeder von uns muss auf seine besondere und ihm mögliche Weise den Frieden erklären, damit wir selbst der Wandel sind, den wir uns von den Anderen und der Welt erhoffen. Offenbar müssen sich „Bremer Stadtmusikanten“ in den jeweiligen historisch- gesellschaftlichen Verhältnissen immer wieder neu aufmachen, um je nach Alter, demografischer und sozialer Lage und Befähigung herauszufinden, worum es ganz konkret im eigenen wie im gemeinschaftlichen Leben, im Hier und Jetzt, in dieser oder in anderen Städten und Gemeinden geht. Leben ist ein Weg durch die Fremde, aber indem wir leben, lernen wir uns und das Leben kennen. Auf bekannten und unbekannten Wegen, auf Autobahnen und Feldwegen, auf noch ungebahnten, holprigen oder verachteten Wegen des Lebens entstand und entsteht seit es Menschen gibt ein demografischer Reichtum und eine Vorstellung vom gelingenden Leben, der immer auch die Erfahrung von Armut, von Verletzung, Nichtanerkennung oder Ausgrenzung im Gepäck hat. Jeder demografische Reichtum hat die demografische Armut, jede Kunst des gelingenden Lebens die Erfahrung des Misslingens als Gegenüber. „Die Friedhöfe liegen voller Menschen, ohne die die Welt nicht leben konnte“, heißt es in Irland. Unter den Dächern von Palästen, Villen, Reihenhäusern, Einzimmerwohnungen, Alten- und Pflegeheimen, Genossenschaften und Hütten aller Art kommen Tragödien und Komödien, Opern und Operetten, Liebes- und Mißbrauchsgeschichten zur Aufführung, in Tagebüchern, Feldpostbriefen und in den Randnotizen der Fotoalben verbirgt sich die Auseinandersetzung um die Ressourcen, die das leben braucht. Darin wie in den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen liegt der demografische Reichtum wie das Geheimnis gelingenden Lebens.

3. „Ein sehr frommes Huhn wollte heilig werden, aber es wusste nicht, wie es das anstellen sollte. Schließlich flocht es einen kleinen Ring aus goldgelben Weidenruten und setzte sich ihn auf den Kopf wie einen Heiligenschein. Es war so überzeugt davon, heilig geworden zu sein, dass es sogar Wunder wirkte.“ (Malerba)

  • Im Buch der „ verfassten“ Menschheit müssen wir lesen, um zu sein, wer wir sind, zu geben, was wir haben und umzuverteilen oder zu ergänzen, was uns an Reichtum und Armut in dieser Stadt begegnet. Resonanz ist die Grundsubstanz allen Leben- oder wie Buber sagt: Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Resonanzlosigkeit kann töten und so geht der Weg vom Ich zum wir über die Resonanz. Wenn Resonanz entsteht, schwingt zwischen Menschen etwas hin und her, werden Menschen berührt und bewegt.
  • Es ist das Wir, das die Sprache der Resonanz erzeugt. Die Resonanz des Wir ist ein Prozess, wechselseitiges Werden, kein Reiz- Reaktion- Schema. Resonanz entsteht in einem gemeinsamen Schwingungsprozess; wechselseitige Interaktion und Inklusion ist die besondere Eigenschaft dieses Begegnungsprozesses. Menschen brauchen das Echo und mit ungeheurer Energie suchen sie danach- wie wir vor allem bei Kindern beobachten können. Unterstützt man diese Echosuche, so übt man in das Wir- Gefühl und die Wir-Erfahrung ein, eine Kultur, die auf dem demografischen Reichtum ruhen soll, damit sie die richtige „ Unruhe“ erzeugen kann.
  • Menschen haben ein Recht auf Eigenschwingung, auf ihre eigene Bewegung auf etwas hin- und das gilt bis zuletzt und auch für den Fall, dass ein alter Mensch mit Demenz immer wieder versucht, abzuhauen. Wer seine Eigenschwingung verliert oder abgeben muss, verliert die Sicherheit der Selbstbewertung, die aber Grundlage für die Resonanz im Wir ist;
  • Resonanz braucht den „gespannten Faden“, an dem sie sich entfalten kann. Wenn die Spannung in einem Menschen zu gering ist, wenn er sie nicht aushält oder aus ihr flüchtet, entsteht keine oder nur wenig Resonanz. Depression ist so etwas wie eine fest gespannte Enge (Fuchs). Ist das Erleben eines Menschen zu sehr und dauerhaft eingeengt, kann kaum etwas schwingen und Resonanz erstirbt. Spannungen und Engungen blockieren, das wissen wir aus vielen Alltagserfahrungen. Dahinter verbirgt sich eine Freiheitsgefährdung subtiler Art: das Staunen wird abgeschafft. Nichts darf zu irgendeiner Überraschung führen. Staunen ruft Resonanz hervor. Angst und Scham versuchen den Bewegungsimpuls des Staunens zu unterbrechen.
  • Resonanz braucht die Unterschiede, die Reibung, das Gegeneinander, das Streicheln und das Beißen. Lebendigkeit besteht aber darin, immer neu Instabilität zu stabilisieren, ohne sie aufzuhalten.
  • Resonanzlosigkeit kann töten. Auf jeden Fall macht sie krank: die Individuen wie die Gemeinschaften. Das Wir- Gefühl und die Wir-Bezogenheit sind im praktischen Umgang der Menschen miteinander und mit der Welt, die sie umgibt, eine der wichtigsten Möglichkeiten, die Luft zu schaffen, die die Resonanz braucht, um eine Melodie zu erzeugen, die von Respekt und Achtsamkeit erzählt.
  • Selbstfindung ist Weltfindung, Weltfindung ist Selbstfindung. Der Weg nach Innen und der Weg nach Außen sind nicht zwei Wege. Es ist ein Weg. Nur gehen müssen wir ihn selbst, um aus der Möglichkeit des Wir eine Wirklichkeit des Wir zu machen. Die vor vielen Jahren vom Parlament der Weltreligionen formulierten Weisungen für ein friedliches Zusammenleben sind immer wieder neu die Thesen für eine Reformation der Wissenschaft fängt mit dem Wundern darüber an, dass die Dinge so sind, wie sie sind- ist eine fast vergessene Herausforderung etablierter Wissenschaft, die ihrerseits übrigens sehr dazu beigetragen hat, dass der demografische und biografische Reichtum den verdienten Stellenwert fast verloren hat und Menschen nur noch als statistische Größen durch die Bücher geistern. Eine Kultur des demografischen Reichtums muss mit dem Wundern darüber anfangen, wie Menschen in ihren spezifischen Biografien, in dieser Gegenwart und der Zeit ihrer Lebensjahre, mit den spezifischen Herausforderungen des Älterwerdens so geworden sind, wie sie sind und immer noch leben wollen- zusammen mit den anderen Stadtmusikanten überall in der Welt.

  1. 1. Wie steht es um die Verpflichtung, Lust und die Beispiele für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der „Ehrfurcht vor dem Leben“ in dieser Stadt- z.B. für Kinder, Jugendliche oder alte Menschen
  2. 2. Wie steht es um die Verpflichtung, Lust und die Beispiele für eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung, die dialogisch, situationsbezogen und zukunftsverträglich ist
  3. 3. Wie steht es um die Verpflichtung, die Lust und die Beispiele für eine Kultur der Toleranz, der Achtsamkeit, der Inklusion und ein Leben in persönlicher Wahrhaftigkeit
  4. 4. Wie steht es um die Verpflichtung, die Lust und die Beispiele für eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau, von Generationen, von Menschen aus aller Herren und Frauen Länder
  5. 5. Wie steht es um die Verpflichtung, die Lust und die Beispiele des Dialogs zwischen Staat, Politik und den gesellschaftlichen Institutionen mit den Bürgern und Bürgerinnen dieser Stadt.
Dorothee Sölle hat die Bitte um die stille, nie versiegende und transformierende Leidenschaft zum Leben in Gedichten, Gebeten und Texten immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Ich dein Baum

Du hast mich geträumt Gott
wie ich den aufrechten Gang übe
und niederknien lerne
schöner als ich jetzt bin
glücklicher als ich mich traue
freier als bei uns erlaubt.

Hör nicht auf mich zu träumen Gott
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein Baum bin
gepflanzt an den Wasserbächen des Lebens


4. „Seit der Mensch sich angewöhnt hatte, Kleie zu essen, weil er entdeckt hatte, dass sie gut für die Gesundheit ist, warteten die Hühner des Hofs darauf, dass der Mensch ihnen Hefezöpfe und Hörnchen bringe.“( Malerba)

  • In den Jahrzehnten einer unabsehbaren Problematisierung des Lebendigen durch den Menschen entstand mit Schweitzers Begriff der „Ehrfurcht vor dem Leben“ ein ethischer Begriff, der eine weit gefasste Verantwortung für das Leben im zwischenmenschlichen Dasein und in der Natur umschließt. Die Erkenntnis:“ Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will, “ überschreitet die Erkenntnis „ Ich denke, also bin ich“ um alle Dimensionen, die menschliches Leben enthält. Jeder Wille zum Leben verlangt eine Ehrfurcht, die in jeder Weise radikal ist. Wir sind genötigt, allem Leben, dem wir beistehen können, zu helfen und nicht zu fragen, inwiefern dieses oder jenes Leben diese Anteilnahme, Sorge und Fürsorge verdient. Das Leben als solches verlangt diese Ehrfurcht, es muss keine Bedingungen erfüllen.
  • Der Theologe und Arzt formulierte die Grundprinzipien einer Ethik, die sich als verantwortliches Verhalten zur Schöpfung und zum Lebendigen überhaupt in uns selbst als Leitlinie im Alltagsverhalten verankern muss. „Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt“ (Kultur und Ethik)Gegenüber der Einzelgestalt in der Natur haben wir, so weiß die Ehrfurcht vor dem Leben, immer wieder Raum und Freiheit für ethisches Helfen, für Sorge und Fürsorge, für Solidarität und Mitgefühl. Die Schöpfung ist uns nicht zu gedankenlosem Umgang und zur grenzenlosen Ausbeutung der äußeren und inneren Natur des Menschen überantwortet, sondern zu einem Handeln, das sich in dem Spannungsfeld zwischen den Zwangsverläufen der Zerstörung und der möglichen Freiheit ethischen Entscheidens des Menschen seinen Weg bahnt.
  • Diese Ethik schafft Solidarität und sie fordert eine konkrete, tätige Hingabe ans Leben. Die Ehrfurcht vor dem Leben braucht jene großen Gefühle, von denen schon die Rede war: Liebe, Mitleid und Mitleiden, Leidenschaft, Neugier, Begeisterung, Sie treibt uns wie eine Schiffsschraube an, wenn wir den Gesetzen des Lebendigen folgen.

Die Ehrfurcht vor dem Leben darf sich nicht durch die Formen der Vernichtung von Leben irritieren lassen. Eingedenk dieser tiefen Sicht des Lebens und der geforderten Ehrfurcht vor dem Leben sehen wir uns einer Welt gegenüber, in der sich das eine Dasein auf Kosten des anderen durchsetzt, in der wir von ersten und dritten Welten sprechen, in der Mehrheiten und Minderheiten sich gegenseitig abschlachten und das Prinzip der Selbstentzweiung vorzuherrschen scheint. Auch gegen diese Gewalt und schmerzhafte Erfahrung bleibt die Erkenntnis wahr, dass Leben leben will und den Respekt und die Achtung derer brauchen, die auch leben wollen. Das ist die reformatorische These, die so alt ist wie Menschen auf dieser Welt sind und die so neu ist, dass wir sie jeden Tag mit einer Haltung der
Ethik der Verantwortung und der Ethik der Hingabe leben können.

Dass das nicht leicht ist, sagt zu guter Letzt ein Huhn, das Hunger hat:
„Ein hungriges Huhn fand eine Wanze, pickte sie auf, um sie zu fressen, aber erstarrte mit offenem Schnabel vor dem gewaltigen Gestank. Es spuckte die Wanze auf den Boden und sagte: „Stinker“! Dann pickte es sie wieder auf, schloss die Augen und schluckte sie im Stück hinunter.“
Manchmal muss man essen, was auf den Tisch kommt. Die berühmte Kröte, die man schlucken muss, wenn ein politischer, gesellschaftlicher und auch privater Kompromiss zum einzigen Ausweg wird. Aber dann sollte man nicht vergessen, dass da eine Kröte oder Wanze geschluckt wurde und vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, sie wieder auszuspucken, wenn sie dauerhaft unbekömmlich sind.
„Reformation“ ist manchmal holprig, geht langsam und muss verdauen, was sie geschluckt oder sich einverleibt hat. Danke für die Aufmerksamkeit, liebe Hühner. Und es war ein wunderbarer Abend. Und als Gutenachtgeschichte noch eine von einem Hahn:

„Ein Hahn mit ziemlich wirren Vorstellungen hoffte, es werde ihm kurz über lang gelingen, Eier zu legen. Er setzte sich in einen Winkel des Hühnerstalls und verharrte dort stundenlang, doch trotz aller Anstrengungen gelang es ihm nicht, auch nur ein einziges Ei zu legen. Er konnte einfach nicht begreifen, weshalb die Hühner, die seiner Meinung nach die dümmsten Tiere der Welt waren, Eier legen konnten und er nicht.“ (Luigi Malerba, Die nachdenklichen Hühner, Wagenbach Verlag Berlin)

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

www.frauenmahl.de benutzt Piwik, eine Open-Source-Software zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe. Mehr dazu.