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Tischreden und Lesekost

Prof. Dr. Renate Kirchhoff - Rektorin der EH Freiburg

Frauenmahl in Freiburg am 20.9.2014
Tischrede zum Thema Essen, Gender und Macht
Prof. Dr. Renate Kirchhoff


Liebe Frauen, liebe Gastgeberinnen und Gäste des Mahls,
jetzt spreche ich zum Thema Essen-Frauen-Macht bei einem Frauenmahl. Wie gut das passt! Ist doch das Frauenmahl eine öffentliche Aneignung sozialer und politischer Kommunikationsformen.  Es geht einerseits um nicht weniger als um die Beteiligung an Diskussionen über Perspektiven auf Wirklichkeit und zum anderen geht es um Empowerment und Networking. Grundsätzlich aber geht es in jeder Mahlsituation um Macht. Dabei gilt, dass nicht nur diejenigen, die Mahlsituationen inszenieren, sondern auch diejenigen, die Speisen zubereiten oder auch nur essen, mit Gestaltungsmöglichkeiten umgehen. Meine These ist dabei: Es gibt beim Essen keine Abstinenz von der Macht.

Die Reichweite dieser Macht beim Mahl ist zudem nicht auf die Beziehungen beschränkt, die durch den persönlichen Kontakt des gemeinsamen Essens gepflegt werden. In den Zeiten der Globalisierung, des Konsums von Energie im Norden zu Lasten des Südens, im Kontext der Diskussion um das Transatlantische Freihandelsabkommen hat diese Einsicht besonders drängende Relevanz. Aber schon Hildegard von Bingen urteilte, dass der Magen fähig sei, „die ganze Welt zu spiegeln, zu erkennen, aufzunehmen und einzuverleiben“ (Liber Div. Op. I, IV).
M.E. gibt es keinen Alltagsort, der so politisch ist, wie das Essen; es gibt keinen zweiten Ort, an dem sich im alltäglichen Tun die Praxis der Wahrnehmung der Welt in dieser Weise verdichtet.

Das möchte ich in drei kurzen Schritten skizzieren, die sich an meinem Thema orientieren: Essen, Gender, Macht.

1. Was bedeutet es, zu essen?

  • Essen ist zunächst die Aufnahme von Kalorien, und als solches die Grundlage für Vitalität, für Leben und Überleben.
  • Essen ist zugleich Pflege von und Einübung in Sozialität. Kinder erlernen kulturelle Wurzeln vor allem und zuerst über die Mahlsituationen; kulturelle Differenzen sind in Mahlsituationen besonders erlebbar. Vielfach gelten die Kulturgüter als Zeugnisse für die moralischen Ideale eine Gesellschaft und ihr Selbstverständnis. Die aktuelle Praxis der Lebensführung und der sozialen und moralischen Standards erfassen wir heute viel direkter anhand des Nahrungsmülls, den eine Gesellschaft produziert.
  • Essen lehrt Hunger und Sättigung, Vorfreude und Genuss. Die Nahrungsaufnahme ist entwicklungspsychologisch das erste Feld, auf dem Genuss und Glück erlebt, Genussfähigkeit und Glücksfähigkeit erlernt werden können. Diese Chance besteht allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die inszenierenden Erwachsenen feinfühlig sind und grundsätzlich ausreichend Nahrung zur Verfügung steht.


2. Gender
Der alltägliche Bereich der Nahrungszubereitung ist empirisch noch immer der Bereich der Frauen. Zubereitung von alltäglicher Nahrung ist Teil des Caring, das überwiegend Frauensache ist. Kochsendungen hingegen sind ein männliches Terrain, ebenso die Sphären der Meisterküchen.
Auch die professionelle Sozialisation der Kinder mittels der Mahlsituationen ist weiblich: 97,4% der päd. Fachkräfte in Kindertagesstätten sind Frauen. Sie entscheiden jeden Tag darüber wie Kinder die Aufnahme von Nahrung erleben, wie sie Sozialität konstruieren und ob sie die Chance haben, sich selbst zu transzendieren. Konkret:

  • sie entscheiden, ob die Auswahl der Speisen allen Kindern die Teilnahme am Mahl ermöglicht.
  • sie weisen den Kindern, die Standardspeisen der Mehrheitsgesellschaft aus weltanschaulich-religiösen oder gesundheitlichen Gründen nicht essen, einen Status zu
  • sie entscheiden, ob es Hunger und Vorfreude gibt, Zeiten des Wartens und der Erfüllung.
  • ob die Gemeinschaft lustvoll erlebt werden kann und Konflikte gestaltet werden können
  • ob es einen  Ort gibt, Dankbarkeit auszudrücken? Ich verstehe Dankbarkeit als eine spirituelle und soziale Form der Glücksfähigkeit. Dazu gehört der Dank an die Menschen in der Küche, Respekt vor den Menschen, deren Arbeitskraft in den Lebensmitteln steckt, Dank an Gott für alles das, wovon Menschen leben.
  • Die pädagogischen Fachkräfte entscheiden auch darüber, ob die Kinder Verantwortung für die Inszenierung übernehmen dürfen oder sich nur als Zielgruppe erleben.
  • sie entscheiden, ob die Auswahl der Speisen auf den lebensfeindlichen Ressourcenverbrauch bei uns, der anderen Menschen Energie, Wasser und damit auch Nahrung entzieht, reagiert, und ob die Kinder die Chance bekommen, sich in diesen Blick auf die Welt einzuüben
  • sie entscheiden über die Sitzplätze und mittels ihrer über die Rollenzuweisungen u.v.a.m.


Der Blick auf die Fachkräfte zeigt, dass sie aufgrund ihrer Rolle als Gestalterinnen der Mahlsituation Macht haben. Man könnte nun meinen, dass die Teilnehmenden am Mahl denen, die inszenieren, geradezu ausgeliefert wären. Diese Vorstellung ist z.B. in psychoanalytisch geprägten Deutekontexten wirksam, wenn Mütter verantwortlich gemacht worden, für die Probleme, die – in der Sprache der Psychoanalyse – mit der Triebsteuerung zusammenhängen. Das ist eine androzentrische Konstruktion, die die Grenzen der Macht zu Lasten von Frauen verzeichnen.

3. Macht
Max Weber hat Macht definiert als „jede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1972: 28). Diese Definition ist vielfältig weiter entwickelt worden; ich rekurriere auf eine Weiterentwicklung, die auf einer systemisch-konstruktivistischen Kommunikationstheorie beruht (Kraus 2014). Danach hängt die Reichweite der Macht ganz entscheidend davon ab, worauf sich der Gestaltungswille richtet. Konkret: Gastgebende können bestimmte Speisen vorenthalten: Kein Rindfleisch für Muslima, nichts Alkoholfreies für ChristInnen in der Fastenzeit, nichts Fleischfreies für Vegetarierinnen etc. Sie können also verhindern, dass Menschen solche Speisen essen, die sie essen wollen und – aus welchen Motiven auch immer – eine Beteiligung verhindern.
Gastgebende  können aber nicht dazu zwingen, das zu essen, was da ist oder die sonstigen Elemente der Inszenierung zu schlucken. Gäste können das Essen stehen lassen. Speisen nicht zu essen kann – je nachdem wie das Nichtessen inszeniert wird – eine enorme Auswirkung auf das ganze Setting haben. Wer mit Menschen lebt  oder arbeitet, die eine Essstörung haben, erlebt, was für eine mächtige Dynamik das Nichtessen – wie freiwillig die Haltung des Nichtessens auch ist – entwickeln kann: Als ob der leere Teller alle emotionalen und kognitiven Ressourcen auf sich versammeln würde, um die Aufmerksamkeit auf die Verweigerung der Inszenierung zu lenken, die dann stärker ist als die Inszenierung selbst. Und: Es geht niemals nur darum, dass jemand in der Situation keine Nahrung aufnimmt. Denn die übrigen Teilnehmenden konstruieren eine Bedeutung, die in jedem Fall die soziale Funktion des Essens betreffen. In unserer Kultur des Überflusses ruft Nichtessen vor allem die Frage nach der Selbstdisziplin und der grundsätzlichen Fähigkeit, Kontrolle auszuüben, auf. Teilnehmende können ganz entsprechend auch nicht gezwungen werden, andere Elemente der Inszenierung auszuführen, wie etwa die Sitzordnung, das Amen des Gebets, die Reihenfolge der Tischreden etc. Je sichtbarer die  Verweigerung der Inszenierung ist, umso stärker der Impuls, der von ihr auf die Gruppe ausgeht.
Diese Wirkung kann durch entschärfende Kommentare freilich zurückgenommen werden: „Ich mag ganz einfach kein Fleisch“ oder „Hier kann ich meinen Fuß besser hochlegen“ begrenzen die Dynamik dadurch, dass die Gründe für die Abweichung ins Individuum verlegt werden und also eine weitergehende Bedeutung explizit ausgeschlossen wird. Gepuscht wird die Dynamik und die Relevanz der Abweichung durch werteorientierte Aussagen: „Unser Fleischkonsum ist Ausbeutung der Armen und Tierquälerei“ oder „Ich setze mich nicht an den Katzentisch!“
Also: Wer Mahlsituationen inszeniert, wer Speisen zubereitet oder isst, geht in jedem Fall mit eigenen Gestaltungsmöglichkeiten um. Es gibt beim Essen keine Abstinenz von Macht. Das Frauenmahl ist ein hervorragender Ort, das Spiel mit der Macht zu spielen und zum Thema zu machen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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