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Tischreden und Lesekost

Bettina Koch - Landwirtin

Tischrede Frauenmahl am 6. November 2014 in Groß-Umstadt

Herausforderungen an die Politik für den Zusammenhalt in Stadt und Land


Leben und Arbeiten auf dem Land 

Laut einer Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der Deutschen Bank wollen
mehr als 60 % der Deutschen auf dem Land leben, weil sie dort

  • -günstiger wohnen können
  • -die Landschaft so schön
  • -die Luft gesünder 
  • -das Leben entspannter und
  • -die Nachbarschaft intensiver ist


Ich wohne seit nunmehr 35 Jahren in einem kleinen Dorf mit 450 Einwohnern, auf das all diese Beschreibungen zutreffen. Und um es gleich vorweg zu nehmen, ich wohne gerne hier. Meine Familie bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb mit 130 Milchkühen plus weiblicher Nachzucht, 130 ha Fläche und 40 ha Wald. Auf diesem Betrieb leben und arbeiten wir mit 4 Generationen. Meine Oma – das Herzstück der Familie – ist 88 Jahre alt. Sie versorgt die Hühner und den Garten und kocht noch für alle. Wenn die Oma kocht, sei der Tisch immer voll, sowohl mit Essern als auch mit Essen. Der Betriebsleiter – mein Vater- ist 60 Jahre alt. Er kümmert sich um die Außenwirtschaft und den Wald.  Meine Mutter ist 56. Sie sorgt für die Ferienhäuser. Zusammen mit meinem Mann ist sie für das melken zuständig. Mein Ehemann Markus ist zudem für das Füttern der Tiere verantwortlich. Ich kümmere mich um die Kälberaufzucht und ich nenne es jetzt mal Liebevoll den Papierkram.  Außerdem lebt noch unsere kleine Tochter Joanna mit auf dem Betrieb. Auch für sie ist es schon selbstverständlich erst alle Tiere zu versorgen, bevor wir Menschen dran kommen. Sie füttert schon die Katzen und Hasen und hilft mir beim Füttern der Kälber. Das Leben auf unserem Hof dreht sich in erster Linie um die Versorgung der Tiere und die Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel. 

Als ich vor 15 Jahren kurz vor dem Abitur stand, kam meine Mutter zu mir und meinte, dass bis Ende des Monats die Bewerbungen für eine Ausbildung bei der Bank eingereicht sein müssten. Es hat einen Moment gedauert, bis mir gedämmert ist, was sie mir damit eigentlich sagen wollte. Selbst heute kann ich es noch immer nicht ganz nachvollziehen, wie ausgerechnet meine eigene Mutter auf die Idee kommen konnte ein Job bei der Bank sei das Richtige für mich. Ich habe mich dann für ein Studium der Agrarwirtschaft an der FH Bingen eingeschrieben  und mit dem Diplom abgeschlossen. Trotzdem stelle ich mich den Leuten gerne als Bäuerin vor. Viele sind dann erst einmal irritiert, weil ich mit meinem Auftreten nicht dem klassischen Bild einer Bäuerin entspreche mit Kopftuch, Gummistiefeln und Kittelschürze. Wenn man heute jemanden Bauer nennt, hat das in der Regel einen negativen Touch. Bauern gelten als altmodisch und ein wenig trampelig. Fernsehsendungen wie „Bauer sucht Frau“ tragen in meinem Augen auch nicht dazu bei das Image der Landwirtschaft positiv zu prägen. Kaum jemand weiß wie viel Arbeit wirklich auf so einem Hof ist und was es bedeutet einen großen Betrieb zu leiten. Wobei das mit den Großbetrieben auch relativ ist. Ich selbst sehe uns als einen Familienbetrieb, da wir ohne fremde Arbeitskräfte arbeiten. Für sie hören sich 130 Kühe sicher viel an, aber wenn sie bei uns im Stall stehen würden, würden sie merken, dass es doch nicht so viele sind. Und ich könnte ihnen jede unserer Damen mit Namen, Abstammung und Leistungsdaten vorstellen.

Mir war es schon immer wichtig für das Einzustehen was ich bin und woran ich glaube. Sei es nun als Hessische Milchkönigin, als Vorstandsmitglied bei der Landjugend, im Fleckviehzuchtverein oder auch in der Gemeindevertretung. In vielen dieser Gremien habe ich es überwiegend mit älteren Männern zu tun, deren Vorstellungen oft von den meinen Abweichen und es ist nicht immer leicht sich dann auch zumindest mal Gehör zu verschaffen. Doch mit den Jahren habe ich gelernt damit um zu gehen. 

Auch wenn ich als Frau in einem Männerberuf die Arbeiten auf dem Hof genau so gut erledigen kann wie mein Mann, leben wir doch seit der Geburt unserer Tochter eher das klassische Familienmodell. Joanna ist jetzt 2,5 Jahre alt, geht aber entgegen dem allgemeinen Trend noch nicht in den Kindergarten. In meinen Augen ist das ein weiterer Vorteil vom Landleben: Das Zusammenleben in einer Familie mit mehreren Generationen. Auch wenn das viel Konfliktpotential beinhaltet. Bei uns findet sich immer jemand, der nach der Kleinen schaut und sie genießt es sehr so viele Bezugspersonen zu haben. Mein Mann sagt immer, dass er es unglaublich findet, wie um ihren kleinen Finger 120 Kg Opa herum passen. Und wenn bei uns wirklich mal ein Großereignis wie zum Beispiel Ernte ist, schaut auch gerne mal unsere Nachbarin nach ihr. Der Nachbarjunge Hugo ist ein Jahr älter als unsere Tochter und sieht unseren Hof auch als sein Zuhause an. 

Die schöne Landschaft auf dem Dorf verdanken die Menschen den Landwirten, die durch ihre Arbeit das Landschaftsbild prägen und gestalten und es damit zu einem Naherholungsgebiet für uns alle machen. Landwirt zu sein bedeutet von und mit der Natur zu leben. So sehr wir uns bei unserer Arbeit auch bemühen, so gibt es doch Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. So ist es trotz aller modernen Technik nicht möglich das Wetter zu beeinflussen. 

Leben und Arbeiten auf dem Land bzw. in der Landwirtschaft bedeutet also in gewisser Weiße hilflos zu sein. Wenn das Wetter nicht mitspielt, können die Bauern nicht ernten. Sei es, weil ein Unwetter kurz vor der Ernte das Getreide zerschlägt, es zum Erntezeitpunkt nur regnet oder schon kurz nach der Aussaat ein Gewitter den Acker verschlämmt. Ist das Wetter allerdings zu gut ist es für die Landwirte auch wieder nicht gut. Große Erntemengen bedeuten billige Preise. Das freut zwar den Verbraucher, gefährdet aber die Existenz der Betriebe. Auch den Milchbauern ergeht es nicht besser. Hier diktieren die Molkereien, was sie bereit sind den Landwirten zu zahlen und nicht umgekehrt. Die Molkereien wiederum sind abhängig von den großen Diskountern. Im Konkurrenzkampf der Diskounter sind leider häufig Milchprodukte das Lockmittel für die Kunden. Erst diese Woche Montag hat Aldi wieder damit geworben ihre Preise für Fleisch, Frischmilch und andere Milchprodukte um bis zu 15 % zu senken. Was für den Verbraucher erfreulich ist, ist für uns Landwirte eine Katastrophe, denn die gesunkenen Bezugspreise für Aldi gehen ja auf unsere Kosten. Ich sage ihnen ganz ehrlich, dass ich kein Verständnis dafür habe, warum die Verbraucher ausgerechnet bei den Lebensmitteln immer sparen wollen. Im Durchschnitt gibt ein Haushalt nur 11 % seines Einkommens für Nahrungsmittel aus. Einerseits heißt es immer Qualität hat ihren Preis aber bei Nahrungsmitteln scheint dies nicht zu gelten. Dabei beinhaltet das Wort Lebensmittel doch schon, dass es ein Mittel zum Leben ist. 

Landwirt zu sein ist kein Beruf, es ist eine Berufung. Viele Betriebe hören auch deshalb auf, weil die jungen Leute einfach keine Lust haben ohne geregelte Arbeitszeiten und Urlaub zu leben. Obwohl das auch bei uns der Fall ist, kann ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Aber es geht sehr an die Substanz, wenn man sieht, wie das, was man mit seiner Hände Arbeit geleistet hat, so in den Supermärkten verramscht wird. Und wenn man das Gefühl hat, dass das was man da macht nichts wert ist, fragt man sich auch wie viel man selbst eigentlich wert ist.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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