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Tischreden und Lesekost

Petra Kunik - Jüdische Schriftstellerin

Düsseldorf, 6.11.2011


Auf Augenhöhe durch Bildung

Ich bin Ihre jüdische Referentin. Hoppla, die Jüdin oder den Juden gibt es nicht. Ich bin eine deutsche Jüdin oder manchmal auch eine jüdische Deutsche, denn in meiner Lebensidentität muss ich manchmal das Jüdische großschreiben und manchmal das Deutsche. Ich gehöre dem liberalen europäischen Judentum an.  Zu meinem Freundeskreis gehören Orthodoxe, Ultraorthodoxe – hier eigentlich nur Frauen und das wundert mich nicht, Traditionelle, Liberale, Juden und Jüdinnen mit und auch ohne Religion…

Persönlich komme ich aus Frankfurt am Main aus der schönsten Synagoge der Welt, die heute weltweit in der jüdischen Kommunität als Das Frankfurter Modell bekannt ist. Nicht wegen der Architektur der Westend-Synagoge sondern wegen des Inhalts. Von unserem Gemeinderat getragen und unterstützt praktizieren hier drei unterschiedliche Richtungen des Judentums unter einem Dach. 1994 folgten in Frankfurt am Main zirka 30 Jüdinnen und Juden dem Aufruf, einen eigenen G’ttesdienst in der liberalen Tradition zu entwickeln und so unsere religiöse Identität und die unserer Kinder stärkend neu auszuloten. Einmal kam ein junger Rabbiner aus Amerika zu Besuch und machte den Vorschlag heute den G’ttesdienst (Servis) zu übernehmen. Klar habe ich mich gefreut und ihn gebeten doch die Patriarchinnen in den Gebeten mit einzuschließen. Wir beten im egalitären Minjan von Anfang an: G’TT unserer Väter und Mütter, von Abraham und Sarah, von Jizchrak und Riwka, von Jakow, Rachel und Leah… Der Rabbi lächelte wie „man(n)“ ein Kind freundlich autoritär korrigiert: „Nein, Petra, ich kenne keinen Verdienst in der Tora den Frauen zum teku ohlam, also zur Verbesserung der Welt, beigetragen haben.“ Dieser Schups war hilfreich, denn er hat mich auf den Weg des Lernens geschickt!

Töchter Israels bewiesen unerschütterlichen Glauben


Ich glaube, dass ich noch nie so viel gelernt habe wie in den letzten 20 Jahren. So wusste ich, dass die Proselyten den hebräischen Namen Abraham und den Frauennamen Sarah erhalten, doch dass im Talmud Abraham und Sara spirituell gleichberechtigt, anerkannt nebeneinander stehen, hatte mir keiner der talmudbelesenen Männer erzählt.

Wenn ich hier unter der Deutschen Mehrheitsgesellschaft unterwegs bin und heute in die Gesichter von Frauen, Schwestern, Müttern und Großmüttern, vielleicht sogar Urgroßmüttern sehen darf, denke ich an Pessach und an die beiden Sederabende. Und an meine Lieblings-Midraschim  zum Auszug der Kinder Israels aus dem Talmud: Wegen der Frauen wurden die Kinder Israels aus der ägyptischen Sklaverei geführt. Hatten doch die Töchter Israels schon in Mizrajim ihren unerschütterlichen Glauben an den EWIGEN bewiesen. 

Gingen die Frauen zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen, war ihr Eimer oft voll Fische. Die bereiteten die Frauen für ihre Männer und nährten sie und sie liebten sich… So schenkten sie ihren versklavten Männern Kinder, Liebe und Ermunterung. Nach dem Befehl Pharaos, alle neugeborenen männlichen Babys zu töten, gingen die Töchter Israels kurz vor ihrer Niederkunft hinaus, um unter einem einsam gelegenen Apfelbaum ihre Kinder zur Welt zu bringen. Näherten sich die Soldaten des Pharaos, bedeckte der EWIGE die Kinder unauffindbar für die Ägypter mit Erde. Für den Auszug wuchsen sie dann wie Gras aus dem Boden und kehrten in großer Zahl zu ihren Familien zurück. Diese Kinder waren die ersten, die am Roten Meer G’TT priesen!

Weiter: Mosche sollte die Gebote zuerst den Frauen mitteilen, denn sie würden nicht zaudern, das Wort G'TTES zu erfüllen. Mosche gab seiner Schwester Mirjam, der Frauensprecherin, die Gebote und die mündliche Überlieferung. Sind es doch die Frauen, welche ihre Söhne /ihre Kinder zum frühen Studium anleiten.

Frauenstandpunkte herausarbeiten


Ich komme zurück zu dem jungen Rabbi. Wenn er heute in Frankfurt ist, treffen wir uns und tauschen uns aus bis dieser Satz von ihm kommt: „Petra, ich habe es ja verstanden. Jetzt lass uns in Ruhe essen, bitte!“ Verstanden habe ich: Nur auf Augenhöhe – hier meine ich die Augenhöhe „Wissen“, können wir  gleichberechtigte Anerkennung bei den „Männern“ finden und gleichberechtigt Verantwortung übernehmen, können wir unsere Kinder und Kindeskinder lé dor – wá dor – von Generation zu Generation in unseren Traditionen, in unseren Religionen führen und halten.

Schon die jüdische Frauenrechtlerin  Berta Pappenheim (1859-1936) forderte, besonders in der Mädchenbildung, das Gemeinschaftsbewusstsein unter Einbeziehung religiöser Identität zu stärken. Besonders Mädchen und Frauen sollen mit den Frauenfiguren aus der hebräischen Bibel bekannt gemacht werden, sollen die Möglichkeit haben Frauenstandpunkte herauszuarbeiten und den (jüdisch)-weiblichen Traditionslinien zu folgen. Ja, liebe Frauen, wir sind es, die unsere Kinder und Enkelkinder von klein an vorlebend erziehen. Frauenpower ist angesagt, in Verantwortung für gesellschaftspolitisches und religiöses Engagement von Generation zu Generation. Und immer weiter auf dem Weg.


Ich schließe mit einem spirituellen Stärkungsgebet von Bertha Pappenheim vom 10. Dezember 1929:

Nur nicht blind werden – mit der Seele

nicht, dass ich nicht mehr sähe, was klein

was groß, was eng, was weit, was ragend

was tragend, was leuchtend im ewigen Licht.

Nur nicht blind werden – mit der Seele nicht!

Schalom


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