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Tischreden und Lesekost

Dr. Gertraud Ladner - Universität Innsbruck

Tischrede beim Frauenmahl am 30.10.2015 im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg

Theologin sein im 21. Jahrhundert - Erreichtes feiern - Zukünftiges gemeinsam gestalten

Vielen herzlichen Dank für die Einladung! Ich freue mich sehr, mit Ihnen/euch feiern zu dürfen!
90 Jahre Konvent Evangelischer Theologinnen in der BRD, 80 Jahre in Württemberg und in Bayern, 40 Jahre Frauenordination in Bayern! Ich möchte es noch einmal sagen und Ihnen/euch zu diesem feierlichen Anlass gratulieren. Hier vor Ihnen/euch zu stehen und am Tisch einer pensionierten Prälatin gegenüber zu sitzen, ist ein berührendes Erlebnis.
Ich gratuliere Ihnen/euch zu den Vorgängerinnen, die so vorausschauend, so weise, so streitbar, so begeistert waren, sich vor 90 Jahren zusammenzuschließen und gemeinsam für ihre Anliegen einzutreten. Ich gratuliere zu den Theologinnen, die deren anfangendes Engagement seither weitergeführt haben, so hartnäckig, so geduldig, so schlau, so kämpferisch, dass ihr Einsatz vor 40 Jahren schließlich zur Frauenordination in Bayern geführt hat. Und ich gratuliere Ihnen/euch zu einer Gemeinschaft, die weiterhin als Netzwerk und Interessensvertretung von Theologinnen in Kirche und Gesellschaft eine wichtige Stimme ist, offen, generationenübergreifend, immer noch hartnäckig, begeistert und begeisternd. Der Konvent umspannt somit beinahe die Zeit von der ersten Welle des Modernen Feminismus, von der ersten Frauenbewegung bis zur dritten Welle (Internationalisierung über die Neuen Medien in den 1990er Jahren) und nun schon zur vierten zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Dies ist eine Zeitspanne, die wenigen Frauenorganisationen vergönnt ist und zeugt von Wandlungsfähigkeit, Lebendigkeit und bleibenden Anliegen.
Ich feiere sehr gerne mit, als Gast/Gästin und Theologin aus einem anderen, wenn auch nahen Land, Österreich, und aus einer anderen, der römisch-katholischen, Kirche. Meine Freude, muss ich zugeben, ist von einer Portion Neid und auch Traurigkeit begleitet und von der Frage, wie lange es wohl noch in der katholischen Kirche dauern wird, wie viel an Bewegung, Gesprächen, Überzeugungsarbeit, Konflikt, Geduld, Schläue und Geistin es noch benötigen wird, bis Theologinnen in meiner Kirche ein ähnliches Fest feiern können.
Auch wenn die Strukturen in der römisch-katholischen Kirche andere sind als in der evangelischen Kirche, können wir – denke ich – im Umgang mit Strukturen und in den Auseinandersetzungen um theologische Themen voneinander lernen, einander unterstützen und befruchten.

Welche Erinnerungen an Theologinnen / Pfarrerinnen in meinem Kontext habe ich?

Gefragt nach einer Theologin oder Pfarrerin, an die ich mich erinnere, möchte ich Herlinde Pissarek-Hudelist nennen.
1960 promovierte sie als erste Frau an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, wurde während meiner Studienzeit 1984 die erste Professorin an dieser Fakultät, damit die erste Professorin an einer theologischen Fakultät in Österreich, und war von 1989 bis 1993 die weltweit erste Dekanin einer katholisch-theologischen Fakultät. - Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ nahm sie intensiv wahr. Was war ihr wichtig: die Freiheit der Kinder Gottes, von der sie des Öfteren gesprochen hat. Studentinnen hat sie mit ihren Fragen und Anliegen ernst genommen. Sie hat sich auf konfliktträchtiges Neues eingelassen, wie z.B. als Theologin das erste Interdisziplinäre Frauenforschungsseminar an der Universität Innsbruck zu leiten. Dabei blieb in den Debatten mit den Kolleginnen aus anderen Disziplinen eine Erfahrung nicht aus, die die finnische Theologin Elina Vuola die doppelte Blindheit in den Gender Studies[1] nennt: die Blindheit gegenüber der Bedeutung von Religion im Leben von Frauen und Männern und die Blindheit gegenüber feministischen Ansätzen in den Religionen.
Herlinde Pissarek-Hudelist war Einzelkämpferin. Erst jetzt bildet sich an meiner Fakultät eine Gruppe wissenschaftlich arbeitender Frauen „Sophia forscht“[2]; nicht von ungefähr laden wir nächste Woche ein zur ersten „Herlinde-Pissarek-Hudelist-Vorlesung“.
Herlinde Pissarek-Hudelists Tochter sagte einmal über sie: „Wenn meine Mutter Zeit hat, arbeitet sie.“[3] Wie sie arbeiten viele Theologinnen, Pastoralassistentinnen und Pfarrerinnen, die ich kenne, inmitten von Mehrfachbelastungen viel, häufig zu viel.
Ob ich viele Pfarrerinnen kenne, fragte mich unlängst eine indische Theologiestudentin bei meinem Aufenthalt an unserer Partnerfakultät in Pune/Indien, und was ich meinte, dass Jesus zu Frauen sagen würde. Ich habe ihr geantwortet, dass ich zwischen Island und Australien viele Pfarrerinnen und auch Bischöfinnen aus meinen Begegnungen bei der Frauensynode und in der ESWTR kenne und diese ihren „Job“ gut machten; Jesus würde sie einladen, denn in seinem Weinberg seien viele Arbeiterinnen nötig, die mit Freude dran sind. Sie bringen Facetten ins gemeindliche Leben ein, die ohne sie fehlen würden: Ob die Pfarrerin in Island, die es ermöglicht, innerfamiliäre Gewalt anzusprechen oder die Ordensfrau in der Nachbargemeinde, die bei der Leitung der Allerseelenliturgie erstmals auch an die vor der Geburt verstorbenen Babys erinnert und von der das Kirchenvolk sagt: „Die Pfarrerin macht´s guat!“

Was erwarte ich von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen angesichts der Herausforderungen unserer Zeit?

Ein wenig gestockt bin ich in meinen Überlegungen zu dieser Frage. Weil sich mir eine Frage aufgedrängt hat, die in meinem Kontext manche Theologin stellen würde: „Sind Theologinnen Vertreterinnen der Kirche?“ Diese Frage, vermute ich, würde häufig mit Unsicherheit, manchmal mit Nein beantwortet werden, aber zunehmend in der römisch-katholischen Kirche auch mit einem Ja.
In Ihrem Fall ist diese Frage aber klar auf Sie selbst und auf den Konvent bezogen und darüber hinaus auf Kolleginnen und Kollegen.
Nach dem Stocken möchte ich Ihnen mit einem Zitat aus der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils antworten:
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger [und Jüngerinnen] Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“[4] So lautet der Beginn von Gaudium et spes.
Freuden und Nöte, Angst, Trauer und Hoffnungen heute und zukünftig zu formulieren, Wege zu suchen, manchmal voranzugehen, in jedem Fall aber hellhörig und empathisch (mit) zu gehen - das erwarte ich mir von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen.
Die Herausforderungen sind vielfältig und komplex. Drängende Probleme sind bereits genannt worden, ich möchte ein paar hervorheben:
• Krieg, Flucht und Migration stellen uns vor große Fragen und Probleme.
• Der Aufbau eines friedvollen und wertschätzenden Zusammenlebens, wo Konflikte aller Art angesprochen werden können und ein Umgang gefunden wird, der nicht eskalierend, sondern versöhnend ist, gehört dazu. Dies ist eine bleibende Aufgabe im privaten Umfeld, für die sozialen Räume, für die plurale Gesellschaft im Staat und für die internationalen Zusammenhänge.
• Das bedeutet: Über die Seelsorge, die Individuen und Gruppen begleitet - Männer Frauen Kinder, Alte, … - darf der Blick auf die Strukturen und ihren Wandlungsbedarf nicht vergessen werden. Nur indem die Strukturen sich wandeln, indem wir die Strukturen wandeln, können sie lebendig und lebensfördernd bleiben oder werden. Dies meint die eigenen Kirchen, aber nicht nur. Es meint den Blick auf die Welt offen halten, sich einmischen, mitmischen!
• Ich erwarte mir Aufbrüche zu einer nachhaltigen Lebensweise. Das Christentum ist, was seine Ethik angeht, sehr menschenzentriert. Es braucht mehr Beachtung der Umwelt und der Mitlebewesen. Da ist Platz für zahlreiche wegweisende Projekte der Kirchen!
• Von einer Frauenorganisation erwarte ich mir, dass sie sich immer wieder einmischt in Geschlechterfragen und sich für eine gerechte Verteilung der Aufgaben im Zusammen der Geschlechter einsetzt; sich zum Beispiel in die Care-Krise einmischt.
• Über die zahlreichen anstehenden Probleme ist nicht zu vergessen: innehalten, schöpfen aus den Quellen, genießen von Natur, Kunst, Musik, Malerei, Poesie, Freundschaften. „Zeit zum Spielen“, wie es Martha Nussbaum nennt, Zeit zum Tun dessen, was über das Notwendige hinausgeht, absichtslos ist, Freude macht: Jeder Einzelnen, Ihnen/euch als Gruppe.
• Manche zukünftigen Herausforderungen werden uns überraschen. Lassen Sie sich überraschen!
Catharina Halkes schreibt einmal: „Wir sind zu einer schöpferischen Freiheit berufen, die zu Verantwortlichkeit führt.“ – Lasst uns im Bewusstsein dieser Freiheit die Zukunft gestalten!
Ich wünsche jeder Einzelnen und Ihnen/euch als Theologinnenkonvent, dass ihr mit dieser Gemeinschaft auch zukünftig die Kirchen und die Gesellschaft gestaltet, indem ihr kreativ und hartnäckig die Themen ansprecht und angeht, die an der Zeit sind!
Der Segen der Geistkraft sei mit uns allen.


[1] Elina Vuola, ESWTR Konferenz 2015, Kolympari/Kreta

[2] Siehe: http://www.uibk.ac.at/theol/sophia/

[3] Martha Heizer: „Wenn meine Mutter Zeit hat, arbeitet sie“. Herlinde Pissarek-Hudelist. In: Annebelle Pithan (Hrsg.): Religionspädagoginnen des 20. Jahrhunderts, Göttingen 1997; online: http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/206.html

[4] Gaudium es spes, Rom 1965, Artikel1

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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