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Tischreden und Lesekost

Annette-Christine Lenk - Oberkirchenrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg

TTischrede von Annette-Christine Lenk, Oberkirchenrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg beim 3. Oldenburger Frauenmahl am 28. Oktober 2016 im Lambertus-Saal der St. Lamberti-Kirche
 
Sehr geehrte Damen, liebe Schwestern,
 
wir sind Getriebene und Vertriebene. Viele glauben – und das ist eine fatale Traditions- und Interpretationsgeschichte –, dass wir aus dem Paradies Vertriebene sind. Hier ist aber Vertreibung Bewahrung. Von Vertreibung steht gar nichts in der Bibel. Aber: Das wird gepredigt, geschrieben, geglaubt. Denn wer das predigt, schreibt und glaubt wird mit einer Macht Gottes konfrontiert, die sich Menschen zu eigen gemacht haben und machen.
Was steht in der Bibel? In der Mitte des Paradiesgartens stehen zwei Bäume: der Baum der Erkenntnis.
Wer von seiner Frucht isst, wird Gut und Böse unterscheiden. Und es steht der Baum des Lebens da, wer von seiner Frucht isst, wird unsterblich sein. Gegessen haben die Menschen von der Frucht des Baumes der Erkenntnis. Nun können sie Gut und Böse unterscheiden. Das Urteilen, Verurteilen nehmen ihren Lauf.
Von den Früchten vom Baum des Lebens, um unsterblich zu werden, sollten die Menschen nicht essen – hat der Himmel, die himmlische Macht, hat Gott beschlossen. Vor der Versuchung, unsterblich werden zu wollen, sind wir bewahrt geblieben. So sind wir nicht aus dem Paradies Vertriebene, sondern vor den Versuchungen des Paradieses Bewahrte. Die Bewahrung ist eine Einschränkung der Freiheit des Menschen, zu entscheiden, ob er sterblich oder unsterblich lebt. Darüber wäre trefflich zu reden!
 
Das eigene Lesen der Bibel ist die Errungenschaft der Reformation, denn das Verständnis des Wortes Gottes, das Verständnis biblischer Texte, hat neben vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen mit meiner Biografie, mit meinem Sein und Werden zu tun. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen. Durch diese Freiheit ist mir ein Blick in die Welt gestattet und es ist klar: Ich habe als Christin teil an dieser Welt, an ihrem Lachen und Klagen, Hoffen und Seufzen.
 
Hagar, die ägyptische Magd, kommt in den Blick. Sie ist Ausländerin, Ägypterin und Sklavin. Sie lebt, arbeitet und gehorcht. Sie wird gebraucht und verjagt. Ich habe großen Respekt vor Hagar.
Wenn von den Urmüttern und Urvätern der Bibel gesprochen wird, wird sie meistens vergessen, oder besser gesagt: totgeschwiegen, ist ja bloß eine Ausländerin, eine Magd, ein Objekt zur Erfüllung der Wünsche der Herrschenden – eine fatale Geschichte nimmt ihren Lauf.
 
Sarah und Abraham bekommen keine Kinder. Abraham wünscht sich Nachkommen, damit, so steht es in der Schrift, er seine Habe an seine Nachkommen vererben kann. Eine Instrumentalisierung der Ungeborenen! Sarah will den Wunsch ihres Mannes erfüllen, kann es aber persönlich nicht. Da ist das Objekt Sklavin doch gut genug.
Sarah gibt sie Abraham, damit er mit Hagar, der Sklavin, Kinder zeugt. Und er tut es. Hagar wird schwanger. Sarahs Seele kann die Konsequenzen ihres eigenen Handelns nicht ertragen. Sarah schickt Hagar in die Wüste. Abraham bleibt bei Sarah. In der Wüste, so wird erzählt, wendet sich Gott Hagar und ihrem Ungeborenen zu. Er verspricht – und er wird es halten – dass er sich ihrer annimmt. Dann geht Hagar zurück zu ihren Peinigern, bringt ihren Sohn Ismael zur Welt. Und wieder wird sie vertrieben in die Wüste. Diesmal stattet sie Abraham wenigstens mit dem Nötigsten aus. Das wird nicht genügen. Bald ist in der Wüste das Wasser alle, und Hagar sieht ihren Sohn Ismael dürsten, leiden, fast sterben. Und wieder ist es Gott, der sich ihrer und ihres Kindes annimmt: ein Brunnen in der Wüste rettet beiden das Leben. Ismael wird Bogenschütze, dann verlaufen sich die Spuren der beiden in den biblischen Erzählungen. Es gibt einen Nachtrag: Sarah und Abraham werden einen Sohn bekommen: Isaak. Und dann wird Abraham aufgefordert, seinen ersten Sohn zu opfern. Nur wer Hagar und Ismael nicht vergessen hat, wird jetzt stutzig. Wer ist der erste Sohn? Es bleibt Ismael.
 
Es ist längstens an der Zeit, von Hagar als von unserer Urmutter zu reden. Unsere Urmutter Hagar ist eine Ausländerin. Wir haben einen „liederlichen“ Stammbaum. Hagar hat eigene Wurzeln, eine eigene Tradition und sie bewahrt das Leben. Hagar macht uns reich. Natürlich würde ich sie gern fragen, warum sie gedient hat, warum sie sich zum Fortpflanzungsobjekt hat machen lassen. Natürlich wüsste ich gern, ob sie ihre Religion leben konnte (als Sklavin sicher eher weniger).
Ich kann sie nehmen, so wie sie ist. Ich muss meine Maßstäbe an sie nicht anlegen, sie ist mir vorausgegangen, ich bin dankbar für Hagar, eine unserer Urmütter, und ich bin stolz, sie als Ge- und Vertriebene in meinem Stammbaum zu wissen.
 
Ein Blick auf unseren „Stammbaum“ nach biblischen Texten verrät, aus wie großer Verschiedenheit unsere „Urmütter und Urväter“ kommen: aus verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Lebensentwürfen und mit verschiedenen Glaubensauffassungen.
Viele Ausländerinnen und Ausländer werden als Menschen beschrieben, die eine eigene und bedeutsame Geschichte in ihrem Glauben an Gott haben. Es ist gerade nicht die Gleichheit, sondern die Unterschiedlichkeit der Kulturen, der Lebensentwürfe, der Glaubensauffassungen und der Glaubensäußerungen, die bereichern, bewahren davor, in Falsch und Richtig zu sortieren, solange sie dem Leben und dieser Welt dienen.
Natürlich braucht jede Frau und jeder Mann Raum und Halt, ihren und seinen Lebensentwurf zu leben, ihre und seine Glaubensauffassungen zu teilen. Diesen Raum zu gewähren und den Raum anderer zu schützen ist für mich der Inhalt des Wortes: Respekt. Die Unterschiedlichkeit von Kulturen, Lebensentwürfen, Glaubensauffassungen machen Mut, den eigenen Lebensentwurf zu leben und die eigene Geschichte mit Gott zu leben. Sie fordert heraus, andere Kulturen, Lebensentwürfe, Glaubensauffassungen zu respektieren. Einander die Zeit zu bieten, zu sehen, zu hören und zu schmecken, den Blick in die Augen des fremden Gegenübers zu wagen, sich fragen zu lassen und Fragen zu stellen zum Sein und Werden, ohne zu be- und verurteilen, solange jede und jeder dem Leben dient.
 
Wenn solche Gedanken im Gedenkjahr der Reformation besonders breiten Raum erhielten, dann können wir gern von Globalisierung reden und davon, dass es nur und Gott sei Dank immer noch die eine Welt gibt – was schon Wunder genug ist!
 
Annette-Christine Lenk

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