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Tischreden und Lesekost

Christel Lueb-Pietron - Katholische Theologin, Krankenhausseelsorgerin

Ratingen, 18.01.2013


Aufbrechen –Zukunft für Religion und Kirche


Sehr geehrte Damen, liebe Frauen,


Ich begrüße Sie ganz herzlich als die katholische Tischrednerin in Ihrer Runde.

Seit 18 Jahren arbeite als kath. Seelsorgerin -zusammen im Team mit 2 ev. Pfarrerinnen im EVK und Hospiz Düsseldorf. Es ist ein Ort der Ökumene. Bei der Vorstellung muss ich immer ein wenig schmunzeln, denn eigentlich ist der Begriff „evangelische Pfarrerin“ eine Tautologie. Ich brauche ich da das ev. gar nicht zu benennen, es gibt ja ohnehin nur evangelische. Pfarrerinnen. Aber für mich ist es eine Zukunftsmelodie, die ich nicht vergessen will.

Ich möchte in meiner Tischrede nicht klagen, über all das, was für Frauen in der kath. Kirche nicht möglich ist (da gibt es viel,

ich möchte Ihnen anhand eines Beispiels erzählen von der Bedeutung der Seelsorge im Krankenhaus im Spannungsfeld von Medizinethik, Psychologie und Intensivmedizin.

Und – ich möchte Ihnen ein gelungenes Modell vorstellen, ein gelungener Aufbruch ökumenischer Zusammenarbeit

Wenn es irgendwie möglich ist, treffen wir 3 Seelsorgerinnen uns um die Mittagszeit in der Caféteria zum Essen. Es tut gut, den Alltag zu unterbrechen, zusammen zu essen, zu erzählen, zu lachen, zu planen. Das Aufbrechen mit Blick auf die Uhr, auf den nächsten Termin, fällt uns da nicht immer leicht.

Und warum – das frage ich Sie jetzt auch – warum soll man bei einem gemeinsamen Essen auch gleich an Aufbruch denken? Ich habe in den vielen Jahren im EVK erfahren, dass es sehr gut ist, vor dem Aufbrechen zusammen zu sitzen und zuerst einmal zuzuhören, was die andere zu sagen hat. Weil manches zwar für die eine selbstverständlich ist (aufgrund eines historischen oder persönlichen Hintergrunds), für die andere aber durchaus einer Erklärung bedarf.

So habe ich gelernt, dass in der ev. Kirche Informationen nicht wie bei uns an – sondern abgekündigt werden (eben von der Kanzel herab, und am Ende des GD).

Ich habe erfahren, dass eine Aussegnung nichts Frauenfeindliches ist, sondern ein tröstendes Gebet zusammen mit Angehörigen am Bett eines Verstorbenen. Was frauenfeindlich dabei ist, fragen Sie? In der kath. Kirche wurde der Begriff Aussegnung lange Zeit anders gebraucht: meine Mutter erzählte mir, wie schrecklich es für sie war, nach meiner Geburt von einem verlegen wirkenden Priester ausgesegnet zu werden, damit sie wieder rein wurde. Meine Mutter wusste nichts von einem hist. bibl. Hintergrund. Sie empfand das Ganze nur als sehr beschämend.

Sie sehen an diesen zwei einfachen Beispielen, ab und an ist es ganz gut, nicht sofort aufzubrechen, sondern zuzuhören, nachzufragen, um nicht alles gleich mit der eigenen Brille zu sehen und zu beurteilen

Mascha Kaléko benennt diese Gefahr in einem Gedicht:

Die Ich-Brille

Wie sehr sich der Mensch auch bezwinge, Er liebt sich, und Liebe macht blind, Mir scheint oft, wir sehen die Dinge, Ganz ehrlich gesagt: wie wir sind. Und diese Brille kennen Sie sicherlich auch? Diese Brille ist konfessionsübergreifend!

Doch jetzt zum inhaltlichen Teil meiner Tischrede:

Die Bedeutung der Seelsorge im Spannungsfeld von Medizin, Psychologie, Medizinethik, Intensivmedizin

Ich möchte hier nur 1 Beispiel herausgreifen.

Wenn ein med. Fachbereich zertifiziert werden soll, gehört es im Bereich der Onkologie standardmäßig dazu, den Patienten ein Gespräch mit einem(r) Psychoonkolog(i)en anzubieten. Es tut den kranken Menschen oftmals gut, mit einer/m Fremden über die Zukunft zu sprechen, die Möglichkeiten einer Zukunft zu erfahren, ermutigt zu werden, Schritte zu gehen, und nicht vor Schreck nach der Diagnose „Krebs“ zu versteinern.

Früher war das oft ein Feld der Seelsorge – und da ist es aus meiner Sicht heute wichtig, weder das Feld zu räumen noch in Konkurrenz zu treten, oder – wie ich es bei Kolleginnen erlebe – noch schnell eine Zusatzausbildung zur Psychoonkologin zu machen zu machen – dann kann ich alles!

Ich halte es in diesem Fall für viel wichtiger, nicht sofort und zu schnell aufzubrechen zu neuen Ufern, sondern sich zurück-zu-erinnern an ganz eigene Werte der Seelsorge, und ich meine hier: das Trösten.

Trösten – ein religiöses Wort, ein Wort aus den Psalmen, ein Hilferuf vieler at Menschen: tröste, tröste mein Volk.

Trösten – das bedeutet für mich, einen Menschen in Krisensituationen nicht allein zu lassen, bei ihm zu sein,

Und Trösten ist auch etwas anderes als das Ermutigen, das ich aus der Individualpsychologie kenne (ich habe Ausbildung zur individualpsychologischen Beraterin).

Voraussetzung ist in beiden Situationen ein genaues Hinhören auf das, was der andere mitteilt, ein achten auf eine innere Gesetzmäßigkeit. Aber während das Ermutigen schon einen aktiven Charakter aufweist (ermutigen wozu), setzt das Trösten früher an.

Ich möchte Ihnen den Unterschied von Trost und Ermutigung an einem Beispiel erzählen: Ich treffe Herrn A. vor dem Verbandszimmer. Vor zwei Wochen wurde er wegen starker Luftnot notfallmäßig tracheotomiert.

Er sieht müde aus, holt rasselnd Luft durch seine Kanüle am Hals. Ich spreche ihn darauf an, setze mich neben ihn. Er erzählt mir von der vergangenen Nacht, von seiner Luftnot, seiner Panik, seiner Angst, zu ersticken. Herr A. wiederholt immer wieder seine große Not, mehrmals, mit anderen Worten. Mein erster Impuls ist es, ihn zu beruhigen, ihm zu sagen, dass ich gleich noch einmal wiederkomme, wenn er besser Luft bekäme. Es ist einfach auch für mich schwer, auszuhalten. Aber dann bleibe ich bei ihm, höre sein Rasseln, bekomme eine Ahnung von seiner durchgestandenen Todesangst. Als dann die Ärztin kommt, um den Verband zu wechseln, weist Herr A. auf mich und sagt: „Ich brauchte einfach Trost. Jetzt habe ich den Mut, mit Ihnen zu gehen.“

Nur, wer getröstet ist, findet den Mut zum nächsten Schritt.

In einer Zeit, in der für einen Menschen alles zusammenbricht, er nicht handeln kann, sondern eher passiv, d.h. bestürzt ist, bleibe ich bei ihm, kann ich ihn klagen lassen, weinen, mit ihm zweifeln, ohne gleich an eine aktive, weiterführende Perspektive zu denken oder ihm fromme Sprüche und Psalmen anzubieten.

Es gibt Situationen, da ist jedes Reden - auch frommes Reden -, jede weiterführende Überlegung zynisch. Und dazu gehört auch der vorschnelle Gebrauch des Satzes von Frau Käsmann: “ Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“ Ich bin sehr vorsichtig mit dem Gebrauch dieses Satzes. Dieser Satz gilt zunächst einmal für Frau Käsmann ,dann sicherlich auch für viele andere Christen und Christinnen, aber er kann auch Menschen stumm machen, Menschen, die zweifeln, die tiefer fallen.

Trösten – das gilt für die akute Krise, wenn die Menschen verzweifelt, haltlos sind. Das ist die Zeit der Seelsorge. Später, wenn das Leben mit der Krise beginnt, wenn die Fragen kommen nach einem veränderten Leben, dann beginnt die Zeit der Psychologie

Und manchmal, wenn das Sterben begonnen hat, kann ich nur noch aushalten, – und manchmal hat auch das Trösten seine Grenzen.

Das ist nur ein Beispiel. Es gibt viele Krisensituationen im Krankenhaus für eine Seelsorgerin, wo es gilt, eine eigene Position zu haben, und da ist es gut, nicht allein zu sein.

Ich habe Ihnen anfangs erzählt, dass ich mit 2 ev. Pfarrerrinnen zusammen arbeite. Das Arbeitsmodell, wie wir zusammen arbeiten, ist neu, anders als bisherige Konzepte.

Vor knapp 3 Jahren heiratete die bisherige Pfarrerin des EVK, ließ sich für 2 Jahre beurlauben, und zog zu ihrem Mann in die Nähe von Würzburg. Nach der Beurlaubung plante sie einen Wiedereinstieg mit halber Stelle.

Da sie am Ort wohnen bleiben wollte (ca. 300km entfernt), war ein neues Modell nötig. Ihr Vorschlag: 1 Woche Arbeit im EVK(wohnen im Schwesternwohnheim des EVK), 1 Woche frei (wohnen in ihrem neuen Heimatort)

Die bisherige Pfarrerin des Hospizes wollte ihre Stelle aufstocken auf 100% (50% Hospiz, 50% EVK)

Ich arbeite mit 75% im EVK.

Können Sie sich vorstellen, welche Reaktionen wir zu hören bekamen, als wir nach einem Modell möglicher Zusammenarbeit suchten?

Das klappt nie! Da wird die Arbeit ungerecht verteilt auf den Rücken derer, die ständig vor Ort sind? Wie soll das gehen an Feiertagen? Wie sind Absprachen zu treffen, während der Abwesenheitswoche? Das gibt Konkurrenz.

Zugegeben; anfangs war es uns allen mulmig, hatten auch wir Fragen und Bedenken Und dann, nach gemeinsamem Nachdenken siegte die Haltung: warum nicht? Wir können es doch versuchen! Meine Kolleginnen haben ein genaues Arbeitskonzept entwickelt, in das auch ich als kath. Seelsorgerin mit einbezogen wurde.

Unterstützung bekamen die ev. Pfarrerinnen. von ihrer Superintendentin, die dieses Modell gegen einige Bedenken von Seiten der Verwaltungsleitung durchsetzte.

Es war durchaus ein Aufbrechen von eingefahrenen, bisher gewohnten Arbeitsstrukturen.

Und heute, knapp ein Jahr nach Beginn dieses Arbeitsmodells: kann ich nur sagen: es klappt gut!

Wir schaffen es, Absprachen zu treffen, Aufgaben zu verteilen, Arbeitszeiten auch mal flexibel zu handhaben(an Feiertagen sind alle drei anwesend)

Wir vertreten einander in Urlaubszeiten.

Jede von uns ist für bestimmte Stationen zuständig, was den Vorteil hat, dass sowohl die Pflegenden als auch die Ärzte wissen, welche Seelsorgerin für sie ansprechbar ist. Jede Seelsorgerin informiert aber die andere, wenn es konfessionsgebundene Wünsche gibt ( Marienbild, Kommunion,/ Aussegnung, Taufspruch),

Jede hat bestimmte Schwerpunkte, worüber sie die anderen informiert. So nehme ich auf der HNO-Station an einer interdisziplinären Tumorkonferenz teil, während meine Kolleginnen sich z.Zt. bei der Bildung eines Ethikkomitees engagieren.

Wichtige Entscheidungen werden gegebenenfalls vorher abgestimmt.

Es gibt gemeinsame ökumenische Gottesdienste (Hl. Abend, Gedenkgottesdienste für Angehörige von Verstorbenen) neben evangelischen und katholischen Gottesdiensten.

Es gibt viel Respekt voreinander, vor der Andersartigkeit der Konfession, es gibt viel Rückhalt untereinander, die Bedenken von möglichen Konkurrenzen haben sich nicht bewahrheitet.

Und – es gibt das gemeinsame Mittagessen, mit vielen Anregungen, viel Zuhören, viel Lachen und dem Satz: Warum nicht?

Für mich als kath. Theologin bleibt allerdings ein Stachel: ich sehe, wie eigenständig die Pfarrerinnen arbeiten können, während ich im Krankenhaus nicht alle Aufgaben übernehmen darf, einen Priester rufen muss: bei der Krankensalbung, der Beichte, zur Feier der Hl. Messe, zur Beerdigung.

Ich glaube nicht, dass ich es erlebe, dass Frauen das Priesteramt ausüben dürfen, mit allen Leitungsaufgaben und Vollmachten. Aber ich bekomme in meinem Arbeitsfeld einen guten Vorgeschmack davon, wie es sein kann, jetzt schon, da die ev. Pfarrerinnen mich als gleichberechtigte Kollegin behandeln.

Und das ermutigt mich sehr, mich weiterhin dafür einzusetzen, auch, wenn ich es nicht mehr erleben werde.

In der Ausstellung „Magische Orte“ im Gasometer Oberhausen 2011 stand ich lange vor einem Bild, das die wunderbare Reise der Monarchfalter beschreibt. Die Falter legen auf ihrer jährlichen Wanderung zwischen Mittel-und Nordamerika mehr als 4000km zurück. Aber diese Reise wird nicht von einer Schmetterlingsgeneration allein bewältigt, sondern bedarf, um das Ziel zu erreichen, das Leben von drei aufeinander folgenden Generationen.

Das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – das ist es, an das ich glaube.

Und außerdem habe ich noch den hoffnungsvollen Satz, den mir meine Kollegin beim Mittagessen auf eine Serviette schrieb: ecclesia semper reformanda est!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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