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Tischreden und Lesekost

Dr. Brigitte Majewski - Ärztin, Fachärztin für psychosom. Medizin & Psychotherapie, Mitglied des KSV im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann

Ratingen, 18.01.2013


Liebe Tischrunde,


1. Herzlichen Dank für die Einladung zu diesem Frauenmahl, die ich gerne angenommen habe.

Es ist für mich das erste Mal über Zukunftsvisionen zu sprechen. Die Jahreswende gab Gelegenheit, auf das vergangene Jahr zurückzublicken. Rückblenden in den Medien beleuchteten die prominenten Ereignisse des Jahrzehnts oder der vergangenen Jahrhunderte. Der Blick zurück in die Geschichte filtert Wirklichkeit immer durch die gegenwärtigen Erfahrungen und Ansichten, der Blick nach vorne ist begrenzt durch die Vorstellungsfähigkeit des noch nicht Dagewesenen.

Nur die Visionen der Propheten sehen in die Zukunft. Gerade haben wir wieder den Beginn unserer Zeitrechnung gefeiert mit dem Weihnachtswunder vor 2000 Jahren, und das im Bewusstsein einer Gegenwärtigkeit, wie sie sonst kein anderes historisches Ereignis für sich in Anspruch nimmt.

Es begleitet die Zukunft, die jetzt beginnt.

Zukunft definiert sich aus der individuellen Lebensperspektive und Lebensspanne und aus dem geschichtlichen Kontext: Bewahrung des Erworbenen oder Gestaltung für die Nachgeborenen – zwischen Erwerben und Vererben sind wir eine kurze Spanne lang Handelnde. Das Fortschreiten der Zeit ist subjektive Wahrnehmung der eigenen Veränderlichkeit und der Veränderungen der Umwelt. Aber was ist Fortschritt?

„ Wir habe hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“

Die Jahreslosung gilt jedem und jeder Einzelnen wie der ganzen Christenheit.

Für die Zukunft haben wir uns alle etwas vorgenommen. Oder wir sehen mit Sorgen, was auf uns, die Gesellschaft oder die Kirche, die Menschheit oder die Erde zukommt.

Vorausschauend versuchen wir zu planen und Weichen zu stellen. Aber Visionen?

Wie sehen wir die Zukunft der Kirche, einer Gemeinschaft von Menschen, in der die frohe Botschaft von Generation zu Generation weiter gegeben wurde und wird?


2. Mein Fachgebiet sind Kinder: Kinder sind Zukunft, Zukunft gehört allen Kindern gleichermaßen.

Als Kinderärztin habe ich viele Kinder auf die Welt kommen sehen, blonde und dunkle, muntere und träge, auch kleinste Frühchen, Kinder mit Fehlbildungen und chronischen Krankheiten. Einige habe ich beim Leiden und Sterben begleitet. Jedes Kind ist ein einzigartiges Geschenk. Je mehr Erkenntnisse die wissenschaftliche Forschung der Humangenetik, der Biochemie und Physiologie bereitstellt und je mehr ärztliche und therapeutische Behandlungsmöglichkeiten verfügbar sind, umso wunderbarer und kostbarer erscheint uns jedes Kind.

„Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt“ Diese Einsicht Luthers ist wissenschaftlich nicht zu widerlegen. Oder wie Dante zitiert wird:

„Sterne, Blumen und Kinder sind uns aus dem Paradies geblieben“

Die „Kindheit“ ist ein Phänomen der Neuzeit; Vor 150 Jahren waren moderne Ärzte noch darum bemüht, das Leben der Frauen bei den häufigen Geburten zu erhalten, so dass sie wenigstens einen Teil ihrer Kinder selbst großziehen konnten. Die Kinder waren zweitrangig, erwünscht als Erben oder Arbeitskräfte, Altersvorsorge und im Übrigen selbstverständlich überall im Alltag der Erwachsenen dabei. Das heißt nicht, dass sie nicht geliebt wurden, aber sie wurden auch missachtet und misshandelt. Und das gehört leider nicht überall auf der Welt der Vergangenheit an.

Kinder leiden unter deprivierenden Lebensverhältnissen, Gewalt, Misshandlungen und Missbrauch und unter den Folgen von bewaffneten Konflikten. Mehrere UN- Resolutionen befassten sich damit in 16 Ländern, davon 10 in Afrika, ganz aktuell auch im Land unserer Partnergemeinden im Kongo.

Ein „Kind“ der Vereinten Nationen wird erwachsen: Die Kinderrechtskonvention CRC wird 21 Jahre alt und wurde von den meisten Staaten ratifiziert.


3. Wenn Kinder Zukunft sind, dann ist die Zukunftsaufgabe der Gesellschaft: für Kinder zu sorgen;

- für gesundes Wasser, Reinheit der Luft, gesunde Nahrung, Bildung und Erziehung,

- Kinder zu schützen vor Gewalt und Missbrauch, vor Krieg und Vertreibung, vor atomarer Bedrohung,

- die Lebensgrundlagen auch für die künftigen Generationen zu bewahren und nicht auszubeuten oder zu vergiften.

Die EKD mahnt in ihren Stellungnahmen Kirche und Politik zu ethischem Handeln und nachhaltigem Wirtschaften. Synodalanträge aus den Gemeinden zur Bewahrung der Schöpfung wurden auf den Landessynoden engagiert behandelt.

Die Synode der letzten Woche hat mit dem Querschnittsthema Inklusion und mit Beschlüssen zum Recht auf Bildung, zur Religionsfreiheit und zum Asyl- und Flüchtlingsrecht gerade auch Kinder im Blick gehabt.


4. Für ein gesundes Aufwachsen sind die seelischen Bedürfnisse der Kinder genauso wichtig wie die körperlichen. Mit Kindern Liebe erwidern, Bindung und Vertrauen wecken, Glauben und Gemeinschaft leben gehört zu den schönsten und schwierigsten Aufgaben von Eltern und Erziehern.

Vor allem Frauen gestalten Zukunft mit Kindern und damit die Zukunft der Gesellschaft: Die damit verbundenen Freuden und Sorgen kennt jede von Ihnen aus eigener Erfahrung.

Kinder- und Jugendarbeit in Gemeinden und Kitas ist unverzichtbar.

Was kann man mit Kindern lernen und erfahren: Neugierde, Funktionslust, Selbstwirksamkeit, Lebensfreude, Erstaunen. Kinder stellen die entscheidenden Fragen: Woher kommt die Welt, wer macht die Luft, warum sterben Menschen?

Als ich vor Weihnachten mit dem ICE nach Berlin zu meinen Töchtern und Enkeln fuhr, saßen mir am Tischchen gegenüber zwei Kinder, Nesla, 8 Jahre, Ismael 5. Ich hatte Strickzeug für ein Babyjäckchen dabei. So kamen wir ins Gespräch. Die Kinder fuhren mit der Mutter, die aus Ghana stammte zur Tante nach Berlin. „Der Papa ist in Togo, wir wissen nicht, wann er wiederkommt“, ließ mich Ismael wissen. Die Schwester erzählte, dass sie gerne in Flingern in die Schule geht; im Zug sei es langweilig. In der Bahnzeitschrift fand ich beim Durchblättern die Faltanleitung für ein Boot und das Satellitenbild der Erde neben neuen Berechnungen zum Universum. „Wer hat die Erde gemacht? fragt Ismael- Was meinst Du?- Die hat Gott gemacht!“ Wir falten Boote, „Himmel und Erde“ und Flieger, stellen fest, dass sie Schwung und Luft zum Fliegen brauchen. „ Meine Lehrerin hat gesagt, dass die Bäume die Luft machen“ weiß Nesla. „Ohne Luft sind die Leute tot“- „ Oder sie werden erschossen“.-

„Wir haben vor dem Kindergarten einen toten Vogel gefunden“. Mit den Gesprächen über Gott und die Welt, Leben und Tod, Wünsche und Sorgen vergingen die 4 Stunden wie im Flug.

Weihnachten verbrachte ich mit dem 8 Wochen alten Enkel: Das Lieblingsschlaflied seiner Mutter jetzt ihm singen: Weißt Du wie viel Sternlein stehen….

Neujahr mit einer 90 Jährigen: Erinnerungen austauschen, unvergessene der Kindheit. Was uns als Kind mitgegeben wurde und was wir empfunden und geglaubt haben, prägt oft das ganze Leben.

Wie bei diesem gemeinsamen Mahl brauchen Leib und Seele Nahrung. Nahrung der Kinderseele: das ist vor allem Elternliebe und Gottvertrauen.


5. Luther verweist auch bei seinen Tischreden auf die Heilige Schrift. Selten wird darin Kindheit geschildert. Von Söhnen und Töchtern ist meist in Bezug auf ihre Eltern die Rede, auch von deren Glauben, wenn Jesus Kinder heilt . Zweimal wird berichtet von Geburt und Rettung der Säuglinge vor dem sicheren Tod: Moses, gerettet von der Pharaonentochter, Jesus gerettet durch die Flucht nach Ägypten. Die Gottes Gesetze der Gerechtigkeit und der Gnade verkündigen sollten, gerettet vor tyrannischer Gewalt ausgerechnet durch die Fremde und in der Fremde.

Zukunft für Kinder und ihre Familien bedeutet auch Solidarität und Aufgeschlossenheit über Grenzen hinaus, Fürsorge für Bedürftige, Aufnahme der Fremdlinge, tätige Nächstenliebe und Eintreten für Gerechtigkeit, Toleranz und Achtung aller Mitgeschöpfe. Christliche Kirchen können immer noch meinungsbildend sein: vom Kindergarten bis in Politik und Wirtschaft. In der Gemeinde sind viele Gaben, Presbyterien und Synoden machen sich Gedanken über die erforderlichen Mittel.

Dafür hatten die Juden die Tempelsteuer, die – wie Matthäus berichtet - Jesus zum Anlass nimmt, über die Großen der Welt und im Himmel zu sprechen: Matth. 17,24 bis 18,5.

Jesus rief ein Kind herbei und stellte es in ihre Mitte. Dann sagte er: Ihr müsst Euch ändern und wie die Kinder werden. Nur so könnt ihr ins Himmelreich kommen. - Und wer ein Kind wie dieses aufnimmt und sich dabei auf mich beruft, der nimmt mich auf.

Wenn wir wissen wollen, was in Zukunft wichtig ist, sollten wir Kinder ernst nehmen und ihren Fragen zuhören. Bei meiner Vorbereitung habe ich auf der Seite zu UN / Menschenrechte das Portal Cyberschoolbus gefunden mit erstaunlichen Projekten, Zeichnungen und Gedichten von Kindern aus aller Welt- Wir können viel voneinander lernen.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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