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Tischreden und Lesekost

Dr. Astrid Mannes

Bürgermeisterin der Gemeinde Mühltal


Darmstadt, 18.5.2014


Jeder scheitert. Jeder erreicht einmal ein selbstgestecktes Ziel nicht. Ein Leben ohne Scheitern, ohne Stolpersteine gibt es nicht. Leben läuft nicht so, wie wir es uns als junger Mensch ausmalen.

Konstantin Wecker hat sich einmal mit Dieter Hildebrand darüber unterhalten, daß er an einem Buch über seine Niederlagen arbeite. Dieter Hildebrand reagierte besorgt und fragte, warum Konstantin Wecker denn über Niederlagen schreiben wolle. Wecker antwortete, weil sie ihn weitergebracht hätten  -  weit mehr als alles, was ihm geglückt sei. Darauf antwortete Dieter Hildebrand dann erleichtert: „Also schreibst Du doch ein Buch über  Deine Erfolge.“

Scheitern ist manchmal wohl nur eine Frage der Sichtweise, eine Frage der Quintessenz, die man aus ihm zieht. Manche Niederlagen sind Chancen zur Einsicht, zum Innehalten, zum Sichüberdenken, zum Verlassen eingefahrener Wege und Verhaltensmuster, aber auch zum längst überfälligen Neubeginn.

Wie oft erzählen Menschen nach schweren Krankheiten einem, dass sie nun intensiver lebten, bewußter. Mancher Mensch reift an einem Schicksalsschlag oder einem Dämpfer. Ein glatter Lebenslauf, ein Leben, in dem so alles zu gelingen scheint, kann uns zu Hochmut und Selbstüberschätzung verführen. In den schwierigen Lebensphasen, wo wir Niederlagen verarbeiten müssen, begreifen wir, dass oftmals nicht die Wirklichkeit das Problem ist, sondern doch vielmehr unsere Erwartungshaltung an diese. Der Physiker Hans-Peter Dürr drückte es mit den Worten aus: Die Welt ist nicht wissbar, und erst wer in seinem Leben die eigene Verwundbarkeit kennengelernt hat, wird wirklich lebendig“.

Immer wieder steht man vor neuen, ungeahnten Situationen und muß das beste daraus machen. Und so mancher Irrweg hat sich im Nachhinein im Leben auch als fruchtbar und gut erwiesen. Ich habe im Leben schon viele Bewerbungen geschrieben. Wenn dann eine Absage kam, war ich enttäuscht, zumal, wenn man dringend eine Stelle benötigt. Ich bin ja ein Mensch, der sich sein Leben lang fast nur mit Zeitverträgen durchschlagen mußte. Das ist nicht einfach. Im Nachhinein war ich bei mancher Absage hinterher froh, dass ich dort nicht angelandet bin. Wenn eine Türe zugeht, geht auch irgendwo eine neue auf. In diesen Situationen der Veränderung, der Suche, benötigt man viel Gottvertrauen.

Unsere Gesellschaft möchte die geraden Karrierelinien sehen. Ein Bewerber, der von seinem Scheitern berichtet, wird wohl kaum die ausgeschriebene Stelle erhalten.

Mich hat in einem Vorstellungsgespräch bei uns im Rathaus einmal eine junge Frau beeindruckt,  weil sie von sich aus völlig offen und frei erzählt hat, dass sie von der Uni auf die Fachhochschule gewechselt ist, weil sie mit dem Unistudium überfordert war. Die meisten anderen hätten sich eine nette Erklärung für den Wechsel ausgedacht. Diese Ehrlichkeit hat mir imponiert, wir haben diese Bewerberin eingestellt.

Oftmals sind es aber Zufälle, an welchen Platz uns das Leben spült, das ist weder immer planbar noch immer unser Verdienst. Und da wir hier bei einem Frauenmahl sind, möchte ich es mal auf eine weibliche Perspektive abstellen. Ich glaube nämlich, daß in der Mehrheit – Ausnahmen gibt es immer – aber in der Mehrzahl der Männer ihre Karrieren anders gestaltet und leben als Frauen.

In der Politik konkurrieren natürlich auch immer etliche Personen um die öffentlichen Ämter. Da gilt es sich, in der Partei frühzeitig in Position zu bringen. Ich glaube, Männer denken da gezielter, planen ihre Karrieren. Wenn ein Mann überraschenderweise gefragt wird, ob er sich diese oder jene Position vorstellen könnte, sagt er sofort ja. Die Frau überlegt erst lange, ob sie sich diesem Amt auch wirklich gewachsen fühlt und hat schneller Bedenken, schneller Zweifel an sich. Frauen sind meist nicht so forsch unterwegs.

Die Unterschiede erlebt man als Frau in einer eher männerdominierten Politikwelt auch. Es fällt vielen älteren Männern schwer, zu akzeptieren, wenn eine jüngere Frau das Sagen hat. Und haut ein Mann einmal ordentlich auf den Tisch und sagt seine Meinung, dann wird er als durchsetzungsstarke Persönlichkeit empfunden. Einer Frau gesteht man das schon gar nicht zu. Wenn eine Frau ihre Meinung gegen Widerstände vertritt, ist sie eine Zicke.

Ich glaube auch, dass man Frauen nicht durch Quoten unterstützen kann. Delegierten oder Unternehmen vorzuschreiben, unter den Bewerbern eine Frau, ggf. noch die einzige Bewerberin nehmen zu müssen, unabhängig von der Kompetenz, ist wenig zielführend. Die Frage, ob Mann oder Frau, ist letztlich eine Frage der Verpackung eines Menschen.

Schaut man auf die Kompetenz, dann benötigt man keine Quoten. Wir leben in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung am Horizont sichtbar wird. Man wird auf die vielen gutausgebildeten Frauen also ohnehin in den Unternehmen nicht mehr verzichten können. Vieles wird sich damit von selber regeln und normalisieren. In 10 Jahren wird die Frau in einer Führungsposition selbstverständlicher sein als noch vor 10 Jahren oder heute.

Bei den zunehmenden Zeitverträgen, mit denen sich Menschen abfinden bzw. arrangieren müssen, wird es schwieriger, glatte Lebensläufe zu bekommen. Von den Menschen wird eine immer größere Flexibilität erwartet. Die Menschen, die nach 40 Dienstjahren in einem Betrieb in Rente gehen, werden die Ausnahme werden.

Wenn man nicht weiß, was nächstes Jahr ist, ob man noch eine Stelle hat oder nicht, dann wird das für Menschen belastend. Sie trauen sich nicht für ihr Leben zu planen. Das heißt, die Menschen werden ihren Halt verstärkt in anderen Bereichen, hoffentlich im Glauben, suchen.

Mein Wunsch ist, dass die Menschen sich weniger nach außen darstellen.  Ich wünsche mir, dass wir entspannter werden und unsere Werte als Menschen nicht aus unseren Einkommen und Positionen definieren, sondern begreifen, daß wir durch Gottes Schöpfung alle einmalig sind und alle gleich wertvoll und jeder von Gott auf einen Platz gestellt wurde.

Abschließend möchte ich zum Thema Stolpersteine sagen: Es ist oftmals eine Frage der Sichtweise und wie man damit umgeht. Man darf Stolpersteine nicht zu solchen werden lassen.

Ich habe mit in meinem außerordentlich schwierigen und gegen mich extrem unfair geführten Wahlkampf im letzten Jahr immer wieder gesagt: Wenn Dir jemand Steine in den Weg legt, dann draufsteigen, Balance halten, Aussicht genießen, weitergehen!


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