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Tischreden und Lesekost

Birgit Mattausch - Pfarrerin, Hochschulseelsorgerin, Nürtingen

Göppingen, 13.04.2013


Dräng dich nicht vor! Nimm dich zurück!
Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.

Die Frauen, die Sonntag für Sonntag in meiner Kirche sitzen, haben diese Sätze so oft gehört, dass sie ihnen sich um den Hals gelegt haben wie die Kette mit dem Taufkreuz oder der Nerzkragen am Wollmantel.
Nur dass diese Sätze weder golden noch weich sind.
Die Sonntagsfrauen wurden in Kasachstan geboren, in Aserbaidschan, Sibirien, und an der Grenze zu China.
Sie haben im Schwarzen Meer schwimmen gelernt und kennen den Flug der Gänsegeier im Kaukasus.
Sonntagsmänner gibt es fast keine. Die Männer sind tot oder krank oder schauen Fernsehen. Beten und Singen ist Frauensache.

Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.

Die Frauen und Mädchen, die Donnerstag für Donnerstag Heidi Klum und ihre Next Topmodels auf Pro7 sehen, haben diese Sätze mindestens genauso oft gehört oder gelesen wie die Sonntagsfrauen.
Nur vielleicht in etwas anderer Übersetzung.
Zum Beispiel so:

Auch du kannst es schaffen: So wurde Megan Fox wieder schlank und sexy.

Frauen, die ihren Mann bei der Stange halten wollen, sollten einen selbstkritischen Blick in den Spiegel werfen

Das Make-up für das erste Date kann ausschlaggebend sein

Sex. Ein Style-Guide: Hier Ihr wichtigstes Gebot für stilvollen Sex: Hören Sie auf, an vermeintliche Problemzonen zu denken.
Ob Brust, Gesicht oder Übergewicht: Wir können jedem helfen. – Medical One. Die führende Klinikgruppe für plastische Chirurgie in Europa.


Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Denk an deinen Body-Mass-Index.
Verleugne dich selbst!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.
Und nimm bloß nicht zu viel Raum ein.

Sei hübsch.
Sei sexy.
Aber nicht zu sehr.
Sonst nennt Herr Bohlen dich Schlampe und Heidi dich zu wenig wandelbar und du kommst nicht in den Recall und du bekommst kein Foto.
Und du bist eigentlich gar nicht da.

Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch ist die Furcht vor der weiblichen Kraft.
Schreibt Laurie Penny in ihrer Empörungsschrift „Fleischmarkt“.
Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch ist die Furcht vor der weiblichen Kraft.

Es war einmal: Tamar (Gen. 38)
Es war einmal am Anfang der Zeiten, am Anfang der Schrift.
Da hatte der Erzvater Juda drei Söhne:
Er, Onan und Schela.
Und Er, der älteste, nahm zur Frau Tamar.
Aber er starb und Tamar war eine Witwe ohne Kinder.
Und so heiratete Onan, der zweitälteste die Tamar – wie Adonai, gepriesen sei sein Name, es befohlen hatte.
Aber auch Onan starb und Tamar war eine Witwe ohne Kinder.
Und Juda sprach zu Tamar: Bleibe eine Witwe und gehe zurück in dein Vaterhaus. Denn er dachte: Vielleicht würde sein Jüngster, Schela, auch sterben – wie seine Brüder durch die fremde Frau.
Als nun viele Tage verlaufen waren, legte Tamar ihre Witwenkleider von sich, und bedeckte ihr Gesicht mit einem Schleier und setze sich an das Tor der Stadt. Dorthin, wo die Huren zu sitzen pflegten.
Und siehe: Juda ging durch das Tor und sah Tamar. Und wusste nicht, dass es Tamar war.
Und siehe: Juda wurde ihr Kunde.
Der Preis war ein Ziegenbock.
Und als Pfand ließ er dort Siegel, Schnur und Stab – den Personalausweis der Antike.
Und siehe: Tamar wurde schwanger.
Und siehe: Es wurde vor Juda gebracht: deine Schwiegertochter hat Hurerei getrieben und ist davon schwanger geworden.
Und siehe: Juda sprach: Führt sie hinaus, dass sie verbrannt werde.
Und siehe: Tamar zog aus dem Ärmel ihres Mantels: Siegel, Schnur und Stab.
Und siehe: Juda erkannte, was geschehen war – und er schämte sich und sprach:
Diese Frau ist zaddik, sie ist gerecht und ihr Tun gefällt Adonai, gepriesen sei sein Name.

Sich in den Strom des Lebens werfen

Am Anfang der Zeiten, am Anfang der Schrift, beharrt Tamar auf ihrem Recht, in ihrem Fall: dem Recht, Kinder zu haben.
Am Anfang der Zeiten, am Anfang der Schrift lässt sich Tamar nicht vom Strom des Lebens abschneiden – vom Strom des Lebens, für das sie bestimmt ist - wie die Alttestamentlerin Irmtraud Fischer es genannt hat.

Am Ende des Jahrtausends und an seinem Beginn werden Frauen und andere jeden Tag tausendfach vom Strom des Lebens abgeschnitten, indem ihnen suggeriert wird, sie müssten nur noch dies und jenes tun oder lassen oder kaufen – dann würde das Leben beginnen.
Und bis dahin sollten sie sich disziplinieren, zusammenreißen und verzichten, sich selbst verleugnen und mäßigen – abgesehen nur von bestimmten Ausnahmen wie Winterschlussverkauf in Metzingen oder die Liebe zum Nächsten und zur Kirchengemeinde. (vgl. Laurie Penny, Seite 66)

Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch ist die Furcht vor der weiblichen Kraft.
Und irgend jemand verdient sehr gut daran.

Am Ende des Jahrtausends und an seinem Beginn wird uns nur Beten helfen. Und Zorn. Und Solidarität.
Die Sonntagsfrauen mit ihren Wollmänteln aus Kasachstan und die Donnerstagsmädchen mit der Cola Light vor dem Fernseher und ich und meine Nachbarin mit den Glitzersteinen auf den Fingernägeln und Sie und all die anderen Frauen und Männer und andere, die gierig sind nach echtem Leben – wir werden uns zusammentun.
In den Toren und auf der Strasse und im Netz – und an Orten wie diesen.
Wir sind schon dabei.
Uns wird irgendwann keiner mehr den Mund verbieten.
Oder den Zorn.
Oder den Appetit auf Freiheit.
Wir werden unseren Platz einnehmen. Und der wird größer sein als Size Zero und heller als der Schatten der Väter.
Wir werden uns hineinstürzen in den Strom des Lebens auf Stilettos und mit Rollatoren, mit herausgewachsenen Dauerwellen und Cellulite und jeder Menge Gelächter.
Ja, wir werden solidarisch sein – und zornig – und trickreich wie Tamar -  und fröhlich – und fromm.

Weil wir merken werden: dieser unser Platz und dieser unser Mut und dieses unser Leben in Fülle – das ist gemeint mit den alten Worten: Kirche, Himmelreich, Gottes Volk.

Dies ist gemeint und einer sagt: Sorge dich nicht. Es ist alles schon da. Und es ist alles genug.

Amen?
Amen!

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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