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Tischreden und Lesekost

Heidi Matthias - Fraktionsvorsitzende der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in Krefeld

Tischrede zum Rheinisches Frauenmahl am 26. Oktober 2014 im Clarenbachhaus, Krefeld

Heidi Matthias, Fraktionsvorsitzende der Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Krefeld


Liebe hier anwesende Frauen,
als ich im Sommer von Katrin Meinhard die Einladung erhielt, während des diesjährigen Rheinischen Frauenmahls eine kleine Tischrede zu halten, war ich natürlich geehrt und die Aufgabe erschien mir nicht so kompliziert: Das Thema „Frauen Macht Politik“ auf der kommunalen Ebene etwas näher beleuchten. Eine schöne Herausforderung, eine leichte Aufgabe...
Doch im Laufe der vergangenen Monate, im Zuge der Nachrichtenflut aus einer Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät, schlichen sich bei mir Zweifel und Ratlosigkeit ein, eine zunehmende Lähmung machte sich in meinem Hirn breit, sobald ich mich mit dieser kleinen Tischrede befassen wollte:
Angesichts der dramatischen Zunahme von Terror, Gewalt, Vertreibung und Unterdrückung, die aus immer mehr Teilen der Welt berichtet werden, angesichts des sich ausbreitenden Sterbens durch die Ebola-Seuche und der Unfähigkeit der reichen Staaten, den armen Ländern Westafrikas wirkungsvoll zu Hilfe zu kommen, angesichts des systematischen erbarmungslosen Mordens der Banden des Islamischen Staats in Syrien und im Irak erscheinen mir die Probleme, mit deren Lösung ich hier in Krefeld betraut bin, banal und nichtig.

Ich bin mir sicher, es ergeht Ihnen ähnlich: Die entsetzlichen Dinge, die Menschen Menschen antun, machen mich fassungslos. Waren wir nicht schon viel weiter mit Humanismus, mit der gegenseitigen Akzeptanz der Religionen, mit dem Verständnis von Gleichberechtigung und Demokratie? Hatten wir nicht das Zeitalter der Barberei überwunden geglaubt?

Wir wissen seit der Veröffentlichung der Studie „Grenzen des Wachstums“ 1972 des Club of Rome wie fragil und überaus gefährdet das natürliche Gleichgewicht unseres Planeten ist.
Obwohl wir seit mehr als 40 Jahren wissen, was wir anrichten, lassen wir die Zerstörung des Lebensraums für Mensch und Natur nahezu ungebremst zu. Der Klimawandel ist längst im Gange, die Unwetterkatastrophen sprechen eine deutliche Sprache, doch die Staatsoberhäupter dieser Erde feilschen und pokern ungerührt weiter, als gäbe es noch etwas zu gewinnen, als hätten wir noch Zeit zu verlieren.
Tagtäglich nehmen wir hin, dass unsere Welt nicht von Politik, sondern von Lobbyverbänden gesteuert wird (in den vergangenen 20 Jahren hat sich die Anzahl der Lobbyverbände verhundertfacht). Gewinnmaximierung ist inzwischen zur gemeinsamen Religion geworden, zu Gunsten von Aktionären, Spekulanten und jenen, die sowie so schon zu den Gewinnern zählen, auf Kosten der Ärmsten und Schwächsten, auf Kosten von Natur und Tier.

Kriege und Naturzerstörung lassen die Menschen aus ihrer Heimat fliehen, zu Tausenden versuchen sie, sich zu retten. Statt die Ursachen zu bekämpfen und den verzweifelten Flüchtlingen die Hand zu reichen, schotten wir reichen Länder uns in verachtungswürdiger Weise ab, errichten Zäune, lassen unsere Grenzen bewachen. Um die Menschlichkeit ist es offenbar auch bei uns im 21. Jahrhundert nicht gut bestellt.

All diese zeitgleich stattfindenden Katastrophen - ich habe mich hier auf einige wenige Beispiele begrenzt - treiben mich um, befeuern meine Zweifel, bestürzen und beschämen mich, die ich so privilegiert in einem reichen, sicheren Land leben darf.
Als Lokalpolitikerin stelle ich immer häufiger die Sinnhaftigkeit meines Tuns in Frage, wenn es um Baukostenüberschreitung des Museums, die Forderung nach Tempo 30 in der Innenstadt, Steuererhöhungen oder Kürzungen und Einsparungen zur Sanierung des städtischen Haushalts geht.
Als Mitglied der Initiative zur Rettung des Bootshauses im Krefelder Stadtwald frage ich mich, ob die Spendenbereitschaft ebenso so groß wäre, wenn wir statt des Bootshauses Boatpeople retten wollten.
Manchmal stelle ich mir aber auch die Frage, ob die Welt weniger Schaden genommen hätte, wenn Frauen die Entscheiderinnen gewesen wären.
Bei allen Fragen, Zweifeln und Hoffnungslosigkeiten bin ich zu einer einstweiligen Befriedung meiner Zerrissenheit gekommen:
Die Welt zu retten, wird mir nicht gelingen. Aber ich werde weiterhin versuchen, so weit es in meiner beschränkten Macht liegt, das eine oder oder andere Positive in unserer Stadt zu bewirken:
Ob es um die Bereitstellung von menschenwürdigen Unterkünften für Flüchtlinge und die Schaffung einer freundlichen Willkommenskultur für alle Migrantinnen und Migranten in unserer Stadt geht, um den Schutz der Natur und Landschaft vor weiteren Flächenversiegelungen (Wohnsiedlungen, Industrieparks, Umgehungsstraßen und Autobahnzubringern), den Erhalt unseres so wichtigen Umweltzentrums auf dem Hülser Berg, damit unsere Kinder die Zusammenhänge der Natur auch künftig erleben und verstehen lernen, oder um die Verteidigung der kostbaren freien Kulturszene vor dem Spardiktat des Kämmerers geht.

Ebenso wie Sie werde ich aber auch die übrige Welt nicht aus den Augen verlieren, werde wie Sie Petitionen unterschreiben, Initiativen und Hilfsorganisationen unterstützen, um die guten Kräfte, die in alle Erdteilen wirken, am Leben zu erhalten.

Zuletzt stelle ich aber die Frage:
Sollten wir Frauen nicht endlich die Hälfte der Macht beanspruchen? Zum einen, weil wir das Recht dazu haben, zum anderem, weil wir uns vorstellen können und die dringende Aufgabe sehen, vieles besser zu machen. 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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