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Tischreden und Lesekost

Nino Melashvili - Sozialwissenschaftlerin, Bochum

Tischrede beim Frauenmahl in Gelsenkirchen am 14. September 2017 

 

Sehr geehrte anwesende Damen.

Zunächst möchte ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken, dass ich heute bei Ihnen sprechen darf.
Ich möchte meine Rede mit einem Zitat anfangen.

რასაცაგასცემშენია, რაცარადაკარგულია

„Was du behältst, ist verloren, was du weitergibst, ist gewonnen“  

Dieses Zitat hat der berühmte georgische Schriftsteller Schota Rustaveli im 12. Jahrhundert gesagt. Aber es gibt Sätze, die eine tiefe Weisheit verkünden und aus dem kulturellen und zeitlichen Kontext herausgelöst sind. Sätze, die für jeden Menschen unabhängig von seinem Hintergrund verständlich sind.
Die Botschaft dieses Zitates hat eine tiefe Bedeutung. Es plädiert für die Großzügigkeit und Offenherzigkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Es spricht vom Geben und Teilen von Dingen, die die Essenz unseres Lebens sind – Glaube, Liebe, Hoffnung, Güte. Denn nicht-geteilte Güte kann nicht gedeihen, kann keine Früchte erzeugen und sie geht irgendwann verloren.
Ich möchte heute mit Ihnen über das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen sprechen und hier in der Runde einen Impuls geben, um darüber nachzudenken, was uns Menschen verbindet.

Ich möchte heute von den Menschen erzählen, die einen langen ermüdenden Weg durchlaufen haben, um zu uns zu kommen und hier mit uns in Frieden zu leben. Welche Ziele, Wünsche, Träume und Sorgen haben diese Menschen? Was kann ich ihnen geben und wie kann ich ihnen helfen, damit sie ein erfülltes Leben in einem fremden Land führen können? Das sind die Fragen, die mich dabei beschäftigen werden.
Ich engagiere mich beruflich seit einigen Jahren für Geflüchtete, für Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen. Ich helfe ihnen, um beruflich in Deutschland Fuß zu fassen. Zu mir kommen täglich Männer und Frauen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen. Die meisten von ihnen führten in ihren Heimatländern ein erfolgreiches Leben. Sie waren dort in ihrem sozialen Umfeld gut integriert, hatten eine Familie, Freunde, Menschen um sich herum und sie waren ein Teil der Gemeinschaft. Darüber hinaus hatten sie auch einen Beruf, von dem sie sich erfüllt fühlten. Aber die politischen Umstände – Krieg, Katastrophen oder Verfolgung – zwangen sie all das hinter sich zurückzulassen und um zu überleben in ein völlig fremdes Land zu flüchten.

Eine Frau aus Syrien erzählte mir neulich, dass sie auf dem Weg nach Deutschland über das Mittelmeer fast ertrunken war, als sie von den Rettungskräften gerettet wurde. Sie erhielt umfangreiche medizinische Behandlung in München, um sie am Leben zu halten. Sie war unendlich dankbar, dass sie es bis nach Deutschland geschafft hat. Sie erzählte mir aber auch von ihrem schwierigen Anfang – untragbare Bedingungen in einem Flüchtlingsheim, keine Krankenversicherung, keine Kontakte, keine Freunde, kein Sprachkurs, und das allerwichtigste für sie: sie konnte ihren Beruf in Deutschland nicht mehr ausüben. Sie hat ca. 20 Jahre lang in Syrien als Krankenschwester gearbeitet und dieser Beruf war ein Teil Ihrer Identität gewesen.
Sie war sehr frustriert und sagte, dass ihr Leben den Sinn verloren habe. Alles erzählte sie mir mit den Händen und Füßen, mit Tränen in den Augen, da sie noch kaum Deutsch sprach. Aber wir haben uns verstanden. Am Ende fragte sie mich „Können Sie mir helfen, damit ich wieder in meinem Beruf hier arbeiten kann. Das ist sehr wichtig für mich.“
Menschen, die ich berate, verfolgen ihre eigenen Ziele, haben Wünsche und Träume. Sie wollen ein aktives, erfülltes Leben führen, wie sie es in ihren Heimatländern gewöhnt waren. Sie wollen aktive Bürger*innen dieser Gesellschaft werden und ihren (kleinen) Beitrag leisten. Ich höre in meinen Beratungen von den Ratsuchenden folgende Sätze „Deutschland hat mir bis jetzt geholfen, jetzt möchte ich für dieses Land auch etwas tun. Ich möchte nicht immer hilfebedürftig sein, sondern mein Leben selbst in den Griff bekommen, meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen, mich selbst um mich und um meine eigene Familie kümmern, als Mann, als Frau erfolgreich sein und weiterkommen.“

Aber wir wissen es alle, ein neuer Anfang ist immer schwierig, vor allem, wenn man in einem völlig fremden Land diesen Anfang machen möchte. Ein junger Iraker sagte mir einmal: „Es ist schwierig, das Leben in Deutschland. Es ist schwierig, hier Menschen kennenzulernen, mit denen ich Deutsch sprechen kann. Ich möchte dieses Land besser kennenlernen und dessen Sprache gut beherrschen. In meinem Deutschkurs sprechen wir nur arabisch miteinander. Wie kann ich mich integrieren, wenn ich keinen Kontakt mit den Einheimischen habe?“

Ich kann diese Besorgnisse sehr gut nachvollziehen. Als ich vor etwa 14 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich es auch nicht einfach. Obwohl ich in einer deutschen Gastfamilie als Au-Pair wohnte und Kontakt mit den Einheimischen hatte, musste ich mich erst an die hiesigen Regeln und Sitten gewöhnen.

Auch die Zeit danach war eine sehr harte Zeit für mich. Ich habe in Georgien auch studiert und hatte schon einen Masterabschluss in Internationalem Handel in der Tasche. Aber es war unmöglich mit meinem Abschluss eine Stelle zu finden. Dann habe ich mich entschieden, hier wieder neu zu studieren. Die Zeit während meines Studiums war eine harte Zeit für mich. Ich musste meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen, die Fremdsprache lernen und studieren. Welche Jobs habe ich nicht alles gemacht: Babysitterin, Lagerhelferin, Barkeeperin, Küchenhelferin und Reinigungskraft. Das Gute daran war, dass ich Menschen begegnete, die mir halfen, um voranzukommen.

Der Anfang war schwierig, aber ich habe nicht aufgegeben. Ich knüpfte Kontakte an der Uni, bekam Unterstützung von den Kommiliton*innen und von den Professor*innen.
Durch eine Dozentin habe ich auch über ein Projekt in Gelsenkirchen beim Evangelischen Kirchenkreis erfahren, wo ich ein Praktikum machen konnte. So fand ich im Anschluss an mein Studium in Deutschland meine erste Arbeitsstelle, die meinen Qualifikationen entsprach. Ich war sehr glücklich und ich fühlte mich wertgeschätzt und nützlich für diese Gesellschaft.

Ich hatte das Glück, netten und hilfsbereiten Menschen begegnet zu sein. Natürlich ist die Eigeninitiative wichtig, aber man braucht auch Unterstützung von Menschen, die einem den richtigen Weg zeigen und eine Anleitung auf diesem Weg mitgeben. Man braucht einen guten Freund, der auf der gleichen Augenhöhe, respektvoll, wertschätzend zur Seite steht und die Sorge und den Kummer teilt, einfach zuhört, tröstet, Hoffnung gibt und Unterstützung leistet.

Heute versuche ich mein Wissen, meine Erfahrungen an die Menschen, die es nötig haben, weiterzugeben und bin glücklich, damit helfen zu können.
Eigentlich heißt meine Arbeit Anerkennungsberatung, es geht dabei darum, die im Ausland gelernten Berufe hier in Deutschland anerkennen zu lassen. Aber es ist noch mehr als die Anerkennung eines Berufes, sondern es geht dabei um Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung, Respekt eines Individuums für seine bisherigen Leistungen, Erfahrungen, und sein gesamtes Wissen. Jede Person, der ich auf meiner Arbeit begegne, hat ihre einzigartige Biographie, der Respekt entgegengebracht werden sollte.

Zusammenleben ist eine Kunst. Es muss mit besonderer Sorgfalt gepflegt werden. Besonders herausfordernd ist das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Weil man angeblich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten hat: Sprache, Kultur, Geschichte, Religion. Aber ich bin der Meinung, dass wir Menschen mehr gemeinsam haben als wir denken. Wir müssen das nur rausfinden, indem wir mit einander sprechen und einander mit dem Herzen zuhören, indem wir einander besser kennenlernen. Uns verbindet bestimmt viel mehr als uns trennt. Und diese Verbindung zwischen uns können wir nur herstellen, in dem wir uns näherkommen, uns gegenseitig zuhören und wertschätzen. Wenn wir das erreicht haben, dann können wir viel voneinander und miteinander lernen. Die wichtigen Lebensweisheiten lernt man nämlich nicht nur aus Büchern, sondern aus den Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen. Ein gutes Zusammenleben baut auf gegenseitigem Respekt, auf Toleranz und Wertschätzung auf.

Ich möchte wieder zum Anfangszitat zurückkommen:
„Was du behältst, ist verloren“. Was nicht weitergegeben, was für sich behalten wird, verliert seinen Wert und kann auch nicht lange überleben.  
„Was Du weitergibst, ist gewonnen“. Wenn ich mein Herz der Welt und den Menschen gegenüber öffne, wenn ich mein Wissen, meine Erfahrungen, meine Güte, mein Selbst, alle guten Dinge, die ich besitze, weitergebe und verteile, dann gewinne ich selbst auch ganz viel, ich tue für meinen Geist auch was Gutes. Aber vor allem ist das ein „Gewinn“, ein Geschenk für die Menschheit.

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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