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Tischreden und Lesekost

Hamideh Mohagheghi - Lehrbeauftragte für Islamische Theologie in Paderborn, Deutsche Islamkonferenz

Marburg, 30.10.2011

 

Wider aller Kritik an Religion als unvereinbar mit Vernunft, mit menschlicher Mündigkeit und Freiheit, wird das 21. Jahrhundert als Jahrhundert der Rückkehr der Religion bezeichnet. Die Religion gewinnt nicht nur für die individuelle Lebenseinstellung und Spiritualität an Bedeutung, sie spielt in den gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen eine maßgebliche Rolle und stellt zugleich eine Herausforderung dar.

In unserer säkularen Gesellschaft – mit der ausdrücklichen Trennung zwischen Kirche und Staat – haben vor allem die Kirchen in allen Bereichen mit Rat und Kritik durchaus eine bedeutende Stimme, die nicht aufgrund der massiven Kritik an Religion leise werden sollte. Denn auch ein säkularer Staat bedarf Prinzipien und Grundlagen, die u. a. auch aus den religiösen Quellen zu schöpfen sind.

Pluralität und Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen sind die Merkmale der Gesellschaften heute und in der Zukunft. Diese Wirklichkeit bewusst wahrzunehmen und zu akzeptieren bedeutet, auch den anderen, die nicht zur Mehrheit gehören, eine Stimme zu geben. Das gegenseitige Kennen lernen, Verstehen, Akzeptieren und Respektieren sind die Voraussetzungen für die Gestaltung einer Zukunft, in der die Menschen mit unterschiedlichen Religionen und Traditionen zusammenleben und wirken.

In der Schatzkiste der Religionen können wir gemeinsame Werte und Prinzipien entdecken, die als Grundlage unseres Zusammenleben und Zusammenwirken dienen können. Die Unterschiede sollen nichtignoriert und abgetan werden, sie können Interesse und Neugier erwecken und für anregende und ertragreiche Diskurse sorgen.

Die Religionen beinhalten Weisheiten und Weisungen, die für das Zusammenlebenvon enormer Bedeutung sind. Die Geschichte ist jedoch auch Zeuge für religiös begründete Intoleranz und Befangenheit, die für Menschen viel Leid und Unheil brachte.

Es ist notwendig, die Religion als positive Kraft zur Erziehung und Selbsterziehung zu nutzen. Die Religion gibt dem Menschen halt und ermöglicht ihm, seinen Fragen nach dem Sinn des Lebens nachzugehen. Diese Fragen beschäftigen immer mehr Menschen, die in einer Welt leben, die stets von komplexen sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheiten und Katastrophen erschüttert wird. Der Glaube kann den Menschen in derartigen Situationen zum einen inneren Halt und Zuversicht schenken und zum anderen ihnen den Weg zeigen wie sie ihrer Verantwortung für die Schöpfung gerecht werden können. Die soziale Gerechtigkeit, gerechte Verteilung der Ressourcen und der sorgsame Umgang mit der Natur, Nächstenliebe und Sorge um andere sind Prinzipien, die in allen Religionen die Grundlage des Glaubens bilden, und diese sind die Anliegen der Gesellschaften. Das bedeutet, dass die Religion umfassend das Leben der Menschen prägt, so dass sie nicht durch „Privatisierung“ zu einem persönlichen Anliegen reduziert werden kann, das in derÖffentlichkeit nichts zu suchen hat.

Und doch sollte eigene Gewissheit und Glaube nicht als allgemein geltender und verbindlicher Maßstab für alle Menschen erklärt werden. Damit meine ich, dass die Religionen herausgefordert sind, den Umgang mit ihrem Wahrheitsanspruch zu überdenken. Ein Anspruch, der die Gefahr inne haben kann, die anderen als nicht gleichwertig wahrzunehmen und sie von vornherein herabzustufen, denn wenn die eigene Religion als einzig und absolut richtig dargestellt wird, ist die Abwertung der anderen bereits vorprogrammiert.

Nach Qur`anischer Auffassung ist Vielfalt ein „Plan“ Gottes für die Schöpfung, dadurch stellt Er uns auf die Probe. Der Auftrag ist sich nicht um die Wahrheit zu streiten, sondern sich gemeinsam für das Gute einzusetzen: „[...] Für jeden von euch haben Wir einen ethisch-rechtlichen Weg (Schariʾa) vorgeschrieben. Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Er will euch jedoch prüfen durch das, was Er euch hat zukommen lassen. So eilt zu den guten Dingen um die Wette. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren, dann wird Er euch das kundtun, worüber ihr uneins wart.“Sure 5,48

Unsere Zusammenkunft heute und hier an diesem Ort ist exemplarisch dafür, wie unsere Zukunft auszusehen hat: Interreligiös und interkulturell in ständigem Dialog und Begegnung mit allen Menschen, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Lebenseinstellung. In Versöhnung und Achtung sich gemeinsam für eine bessere Welt einzusetzen. Eine Welt, die wir -und jeder einzelne von uns in individueller Verantwortung- nur für eine begrenzte Zeit als Nießbrauch in die Hände bekommen haben und angehalten sind, sie maßvoll und bedacht zu nutzen. Aus dieser Verantwortung heraus müssen wir unsere Stimme erheben und als religiöse Menschen selbstbewusst die Zukunft mitgestalten und dabei die Botschaft der Religionen für den Frieden und für die Nächstenliebe besonders hervorheben und unser Zusammenleben auf diese beide Fundamente aufbauen.

Möge Gott uns die nötige Einsicht und Kraft dafür schenken.

 

Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
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