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Tischreden und Lesekost

Marianne Müller - Bäuerin, Landfrauenverband

Göppingen, 13.04.2013


Liebe Frauen


mein Name ist Marianne Müller, ich bin verheiratet, habe 4 Kinder und ich lebe zusammen mit 3 Generationen auf unserem Bauernhof. Wir haben 60 Milchkühe und Ihre Nachkommen, für die wir das Futter selbst anpflanzen . Außerdem  bauen wir  Tafelobst an, welches wir hier in Göppingen auf dem Wochenmarkt und direkt ab Hof selbst vermarkten.

In einer Bauernfamilie wird seit Generationen das Land immer von den Vorfahren zum Bewirtschaften an die nachkommende Generation weitergegeben und jeder ist bestrebt, es sorgsam zu bearbeiten, so wie es uns anvertraut ist, sodass es in gutem fruchtbarem Zustand an die Nachkommen weitergegeben werden kann und diese es auch bedenkenlos nutzen können. Also keine Ausbeutung der Böden, sondern  nachhaltige Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur.

Ich wünsche mir, dass alle Menschen hinterfragen,

1.    welcher Aufwand und welche Leistung hinter einem Produkt stehen und welcher Preis dafür zu zahlen ist . So würde jeder merken, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen kann wenn etwas übertrieben billig ist. Dann wäre bei unseren Kaufentscheidungen nicht „wo ist es am billigsten“ entscheidend, sondern Qualität und fairer Preis. Somit bestünde die Chance, dass für Lebensmittel endlich der tatsächliche Wert bezahlt wird. Dann könnten auch in der Landwirtschaft Arbeitsplätze geschaffen und von der Produktionszeit von 12-14 Stunden einige Stunden an andere Personen abgegeben werden, weil diese dann endlich bezahlt werden können. Dadurch würde für die Bauernfamilie nach einem 10-Stunden-Arbeitstag auch noch ein gemütlicher Feierabend folgen.


2.    Welche Mühe, welche Arbeit, wie viel Kraft von wie vielen Leuten steckt hinter diesem Genuss? Wissen wir dieses, wenn wir essen?

Wenn z. Bsp. Erdbeeren gepflanzt und gepflegt wurden, bis sie reif sind,  können sie dann nur bei schönem Wetter geerntet werden oder  ist das vielleicht bei Wind und Regen und Kälte nötig? Man kann nicht auf gutes Wetter warten, wenn die Erdbeeren oder Kirschen  reif sind, sonst sind sie bis dahin verdorben. Außerdem sind sie von den Kunden bestellt und werden abgeholt, oder am nächsten Tag ist Wochenmarkt und man braucht da die Früchte.

        Ein anderes  Beispiel:

       Bei der Milch, was steht dahinter ? 

            Eine Kuh, bekommt ein Kalb, erst dann gibt sie Milch. Es vergehen über 2 Jahre, bis aus einem Kalb eine Kuh geworden ist und bis diese endlich gemolken werden kann.

Vielleicht gibt es Probleme beim Kalben, der Tierarzt muss kommen, das Kalb ist schwach, es muss gehegt und gepflegt werden und es trinkt vielleicht erst nach einigen Tagen endlich seine Milchmenge, die es braucht zum Überleben. Die Kuh braucht ebenfalls Pflege. Sie braucht die richtige Nahrung, vor allem muss sie alles, was sie an Ihre Milch abgibt, wieder essen, sonst hat sie Mängel. Das heißt, sie braucht ein gesundes Grundfutter, dazu noch Mineralstoffe und Energie

Es wird untersucht, was an Nährstoffen und Energie im Grundfutter (Grassilage, Maissilage Heu) vorhanden ist und wie viel Energie sie dann noch durch Getreide braucht.

Alles wird von der Bauernfamilie angepflanzt,  gepflegt und geerntet,  in Silos „natürlich“ konserviert (wie Sauerkraut), das Getreide gemahlen und mehrmals täglich gefüttert.

Eine Kuh trinkt 70 – 240 l Wasser am Tag. Sie braucht Auslauf, Pflege des Felles, des Euters und Ihrer Klauen und muss 2 x am Tag gemolken werden.  Auch ihr Abfallprodukt muss wieder an die Natur zurückgegeben werden, d.h. die Gülle muss aufgefangen, gelagert und zu den richtigen Wetterbestimmungen wieder auf den Acker und das Wiesenland ausgebracht werden. Dazu braucht man die richtigen Fahrzeuge mit Anhänger, - und  die sind sehr teuer und laufen nicht ohne Diesel.

Die Milch wird gekühlt und dann mit einem Milchauto in die Molkerei gefahren. Dort wird sie aufbereitet und verpackt  bevor sie in den Handel gelangt.

Und nun nochmal die Frage: Welcher Aufwand steht hinter einem Liter Milch?  Man bedenke, dass ein Liter Milch für den Bauern gerade mal 32-34 Cent  einbringt. Wie viel kostet ein Liter Milch und welche Leistung steht da dahinter ?

Vor 25 Jahren lag der Milchpreis bei 87 Pfennig, das wären umgerechnet 43-44 Cent. Wie konnte dieser Preis so bergab gehen,  wo doch sonst alles andere in den vergangenen 25 Jahren im Preis angestiegen ist? Kein Wunder, dass so viele Bauern sagen:  „Es geht nicht mehr“.


Ich wünsche mir:

- dass die Leute über den Tellerrand schauen: was wächst in meiner nächsten Umgebung und wann wird es geerntet? Wenn ich Lebensmittel aus der Region kaufe, kann ich selbst dazu beitragen, dass nicht aus aller Welt alles importiert wird.  Denn im Supermarkt wird nur angeboten, was gekauft wird.  Außerdem habe ich kurze Transportwege, (zwecks Umweltschutz, wenig Energieverbrauch) und mein Obst und Gemüse ist immer frisch. 

- Man sollte von seiner Mutter und Großmutter etwas abschauen:

diese  haben in sehr schlechten Zeiten mit wenig Geld sehr gesund gekocht, selbst angepflanzt oder in der Region gekauft und das zur Erntezeit (da ist das frische Obst und Gemüse immer am günstigsten), dann eingefroren oder eingeweckt. So hatten sie alle Vitamine und sie brauchten keine Vitamintabletten kaufen.

Trotz der vielen Arbeit, die diese Leute hatten, haben sie die Versorgung ihrer Großfamilie (mit vielen Kindern) finanziell und arbeitsmäßig bewältigt und selbst gekocht aus den Urprodukten. So waren in ihrem Essen keine Zusatzstoffe,  keine Geschmacksverstärker und sonstige Dinge. Das ist die Generation, die heute oft 90 Jahre alt wird. Also war das ganz bestimmt gesund.

- Ich freue mich, dass immer mehr Menschen bewusst mit den Lebensmitteln umgehen und schätzen, was Gott hat wachsen lassen und erkennen, dass sehr viel menschliche Pflege dahintersteht, wozu wir alle an unseren Platz im Leben gestellt werden und unsere Aufgaben zu erfüllen haben.

- Es ist auch eine Freude, diese guten Gaben säen und ernten zu dürfen. Es ist nicht selbstver-ständlich, dass immer alles gedeiht, und es ist schon gar nicht selbstverständlich das wir etwas ernten dürfen. Ein Unwetter und alles ist verdorben. Deshalb ist es eine Gnade und ein Segen, wenn man ernten darf.

Super ist es , wenn die Ernte die eine bäuerliche Familie arbeitsmäßig bewältigen kann, dann soviel einbringt, dass die Familie davon leben kann, ihre Produktionskosten deckt,  und ihren Betrieb  immer auf dem Laufenden halten, also  Gebäude und Einrichtungen modernisieren, renovieren und Maschinen reparieren oder neu anschaffen kann.

- Die Aufgabe der Kirche könnte sein, die Menschen zum Nachdenken anzuregen, damit ihnen bewusst wird, was sie essen oder trinken und was jede Einzelne in unserer Region dazu beitragen kann, dass auch in 100 Jahren noch Lebensmittel in unserer Heimat angepflanzt werden.


Meine Visionen: 

- Ich als Frau hoffe (so wie bestimmt alle Mütter und Frauen) im Innersten meines Herzens, dass meine Familie gesund bleibt, unsere Kinder einen guten glücklichen Weg ins Leben finden und dass es allen gut geht. Dass sie an der Hand unseres Heilands durch das Leben gehen, auf sein Wort hören und ich bitte deshalb um seinen Segen.

- Ich wünsche mir, dass überall auf der Welt die Frauen geachtet werden,  ihre Leistung für Familie oder Beruf geschätzt wird und sie gleich-berechtigte Partnerinnen in Familie und Beruf sind.

Nur wenn es meinen Mitmenschen gut geht, kann es auch mir gut gehen.

Vielen Dank.


Dieser Internetauftritt gehört zum Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie (vorher: Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD, FSBZ).
Besuchen Sie uns unter www.gender-ekd.de.

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